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27. Februar 2017

Krankenkassenprämien für Kinder sollen sinken

Die gute Nachricht: Die Krankenkassenprämien für Familien könnten schon bald tiefer ausfallen. Die schlechte Nachricht: Erwachsene müssten dafür mehr zahlen. Und wegen kantonaler Unterschiede kommen nicht alle Familien zu den gleichen Senkungen.

Mutter mit Kind rechnet
Schon heute werden die meisten Prämienverbilligungen von Familien beansprucht. (Bild: Keystone)

Ganze 12 750 Franken bezahlt eine Stadtberner Familie mit zwei Kindern jährlich für die Grundversicherung. In Basel bezahlt die gleiche Familie sogar über 13 000 Franken. Dies sind landesweit Spitzenwerte, doch auch andernorts ächzen Familien unter der Belastung durch stetig steigende Krankenkassenprämien.

Damit soll bald Schluss sein. Im März berät der Ständerat über einen Vorschlag, der Familien von Prämien entlasten soll. Mindestens 80 Prozent der Kosten für die Kinder sollen Haushalte mit tiefen und mittleren Einkommen vom Kanton vergütet bekommen – heute sind es 50 Prozent. Zudem verlangt die Vorlage, dass die Prämien für 19- bis 25-Jährige deutlich sinken. Auf ihrer Homepage zeigt sich die CVP zuversichtlich, dass der Ständerat zugunsten ihrer Vorlage entscheiden wird. Doch noch wehren sich Parlamentarier der SVP und der FDP gegen eine stärkere Entlastung von Familien und den damit verbundenen Eingriff in die Kantonsfinanzen.
Kommt hinzu: Die entstehenden Mehrkosten müssten erwachsene Prämienzahler mit geschätzten zehn Franken pro Monat übernehmen.

Die geplanten Prämienverbilligungen würden je nach Kanton sehr unterschiedlich ausfallen, wie die Gesundheitsökonomin Anna Sax (58) erklärt (siehe Interview rechts). Sie plädiert deshalb für die totale Prämienbefreiung für Kinder. Die Kosten könnten ihrer Meinung nach über Steuergelder finanziert werden und wären somit einkommensabhängig.

«Die Prämienbefreiung für Kinder halte ich für die sauberste Lösung»

Anna Sax (58) ist selbständige Gesundheitsökonomin
Anna Sax (58) ist selbständige Gesundheitsökonomin. Sie ist auf Mandatsbasis hie und da als Beraterin für die Bundeshausfraktion der SP tätig.

Anna Sax (58) ist selbständige Gesundheitsökonomin. Sie ist auf Mandatsbasis hie und da als Beraterin für die Bundeshausfraktion der SP tätig.

Wenn alles wie erwartet läuft, wird der Ständerat in der Frühlingssession starke Prämiensenkungen für Familien befürworten. Sind das gute Neuigkeiten?Ja, tatsächlich. Die Belastung von Familien durch Gesundheitskosten hat ein Ausmass angenommen, das mittelfristig nicht mehr tragbar ist.

Das ist aber für Kinderlose auch so.Das stimmt. Allerdings zeigt die Statistik, dass Prämienverbilligungen in erster Linie von Familien beansprucht werden. Dabei sind diese Zahlungen grundsätzlich für alle da, die wenig verdienen.

Kommt die Vorlage im Ständerat durch, sollen die Krankenkassen
in Zukunft einen separaten Risikoausgleich für junge Erwachsene machen. Dadurch können sie für diese Gruppe tiefere Prämien anbieten. Wer garantiert uns, dass sie das auch tun?

Der Bundesrat muss die Prämien genehmigen. Es gibt also eine gewisse Garantie, dass die Ersparnisse durch den neuen Risikoausgleich wirklich zur Prämiensenkung in diesem Bereich verwendet würden. Versicherte zwischen 19 und 25 Jahren könnten mit Prämiensenkungen von etwa 90 Franken monatlich rechnen.

Dieser Gruppe müssten die Kantone weniger mit Prämienverbilligungen unter die Arme greifen. Gemäss dem neuen Gesetz soll diese Ersparnis dafür verwendet werden, die Kinderprämien verstärkt zu subventionieren. Garantiert das ebenfalls der Bundesrat?
Kommt das neue Gesetz, müssen sich Krankenkassen und Kantone daran halten: Für Familien mit tiefen und mittleren Einkommen werden dann mindestens 80 Prozent der Kinderprämien vom Kanton übernommen.

Was bedeutet «mittlere und tiefe Einkommen» konkret?
Das ist schwer zu sagen. Die Limite für tiefe Einkommen zieht jeder Kanton nach eigenen Kriterien. Für eine vierköpfige Familie liegt die Obergrenze in Bern bei etwa 75 000 Franken. In Nidwalden kommt man bereits mit einem Einkommen von 138 000 Franken in den Genuss von Prämienverbilligungen. So kommt es, dass die Prämienbelastung von Kanton zu Kanton unterschiedlich ist. Eine Familie mit 70 000 Franken Einkommen gibt im Kanton Zug etwa sechs Prozent für Prämien aus, in Bern bis zu 20. Es wird 26 verschiedene Lösungen geben.

Wie auch immer die Kantone das handhaben: Sie würden unter dem Strich 10 Millionen Franken
mehr Geld ausgeben als heute. Die Versicherten über 26 müssten dafür höhere Prämien zahlen. Ist das dann fair?
Wenn man bedenkt, dass es pro Versicherten etwa zehn Franken pro Monat wären, finde ich: Ja – das ist verkraftbar. Und sonst sind die Prämienverbilligungen ja auch für Erwachsene in bescheidenen finanziellen Verhältnissen da.

Ursprünglich beantragte die CVP-Nationalrätin Ruth Humbel vor sieben Jahren, dass für Kinder gar keine Prämien mehr zu bezahlen seien. Daraus wird nun wohl nichts.
Leider nein. Dabei halte ich die Prämienbefreiung für Kinder für die sauberste Lösung.

Was würde das kosten, und wer sollte das bezahlen?
Die Kosten von etwa 1,5 Milliarden Franken müsste man über die Steuern finanzieren. Das bedeutet letztlich, dass Krankenkassenprämien einkommensabhängig sind. Das halte ich für die gerechteste Lösung. Übrigens handhaben es die meisten europäischen Länder so, dass Kinder in der Versicherung der Eltern eingeschlossen sind und nicht extra kosten. Man zahlt dann eine Familienprämie oder Steuern und nicht eine Kopfprämie. Das ist aber hierzulande nicht mehrheitsfähig.

Autor: Yvette Hettinger