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16. Februar 2015

Kranke Kinder, gestresste Eltern

Für berufstätige Eltern ist es jedes Mal ein Eiertanz, wenn ihre Kinder krank werden. Wer kümmert sich um die Kleinen, wenn sie arbeiten gehen? Wie lange können sie freinehmen? Und wer bezahlt?

Wenn die kleine Cristina fiebert, springt das Rote Kreuz ein. Von links: Betreuerin Martha Nydegger mit Riccardo, Cristina und Alessandro Longhitano.

Manchmal braucht es nicht viel, um einen geregelten Morgenablauf auf den Kopf zu stellen. Passieren kann es an einem gewöhnlichen Februarmorgen in Luterbach SO. Draussen bläst der Wind Schneeflocken um die Häuser, drinnen wirbeln Alessandro (11) und Riccardo (6) um den Frühstückstisch. So, wie sie das jeden Morgen tun. Doch etwas ist an diesem Tag anders: Die jüngste der Familie, die einjährige Cristina, hat Fieber. «Cristina ist in einem Alter, in dem sie oft nicht ganz fit ist», sagt Mutter Antonietta Longhitano (38). Was nun? Beide Eltern werden auf der Arbeit erwartet, in die Kindertagesstätte kann man kranke Kinder auch nicht bringen, und auf die Schnelle lässt sich niemand auftreiben, der sich um Cristina kümmert.

Bereits nach der Geburt ihres Ältesten beschlossen Antonietta und ihr Ehemann Fabio (41), weiterhin ihren Berufen nachzugehen. Sie als diplomierte Aktivierungsfachfrau, die 60 Prozent als Teamleiterin in einem Heim für betagte Menschen arbeitet. Er vollzeit als Ressortleiter bei einer Autovertretung.

Beide sagen, ihre Arbeitgeber seien verständnisvoll, wenn mal einer von ihnen zu spät zur Arbeit komme oder mittags länger Pause mache, um daheim nach dem Rechten zu sehen. Allerdings, wie das so ist mit drei Kindern: Eines sei immer wieder mal krank, und wenn es hart auf hart komme, stecken sich die drei untereinander an – was Familie Longhitano definitiv vor Probleme stellt. «Wir haben eine Verantwortung gegenüber unseren Arbeitgebern», sagt Fabio Longhitano. Seine Frau ergänzt: «Und wir haben uns dafür entschieden, dass wir beide hochprozentig arbeiten wollen. Auch, weil wir unsere Arbeit gerne machen.»

Wer kein soziales Netzwerk hat, stösst an Grenzen
Lucrezia Meier-Schatz weiss um die schwierige Situation. Die CVP-Nationalrätin und Geschäftsführerin von Pro Familia, dem Dachverband der schweizerischen Familienorganisationen sagt: «Es ist nicht einfach, die Doppelrolle als erwerbstätige Eltern zu erfüllen. Eltern müssen die ökonomische Sicherheit ihrer Familien absichern und gleichzeitig die erzieherischen und betreuenden Aufgaben wahrnehmen.» In solchen Situationen ist es am naheliegendsten, dass Eltern auf ein gutes Netzwerk von Vertrauenspersonen zurückgreifen. Falls dieses nicht vorhanden sei, müsse man wohl oder übel eines aufbauen, da nach wie vor viel zu wenige andere institutionelle Optionen vorhanden seien, so Meier-Schatz. Im Fall der Familie Longhitano ist dieses Netzwerk nur bedingt vorhanden. Früher sprang hie und da die Nachbarin ein, doch diese ist nun weggezogen. Und so bleibt nur die Oma, die aber auch nicht immer abkömmlich ist.

Drei Tage stehen gemäss Schweizer Gesetz jedem Arbeitnehmer zu, zu Hause zu seinen kranken Kindern zu schauen. Diese drei Tage gelten pro Krankheitsfall. Im Gesetz steht auch, dass der Arbeitgeber in solchen Fällen das Recht hat, bereits am ersten Tag ein Arztzeugnis zu verlangen. «Dabei möchte ich ein Kind, das leicht Fieber hat, nicht gleich am ersten Tag zum Arzt bringen. Lieber lasse ich es im Bett, damit es vielleicht schon einen oder zwei Tage später wieder fit ist», sagt Antonietta Longhitano zu dieser Regelung. Gemäss Pro-Familia-Vertreterin Meier-Schatz geht es auch anders: «Wir stellen zunehmend fest, dass viele Arbeitgeber das Zeugnis nicht gleich am ersten Tag verlangen, sondern erst einmal die drei Tage abwarten.»

Auch wenn theoretisch beide diese drei Tage zugute hätten und die beiden sich in der Kinderbetreuung abwechseln könnten, kommt es häufig vor, dass Fabio und Antonietta Longhitano arbeiten gehen. «Ich bin zwar flexibel und kann im Notfall eine Stunde später zur Arbeit gehen, aber allzu sehr will ich das auch nicht auf den Schultern meiner Mitarbeiter austragen», sagt Antonietta. Freizunehmen und Ferientage zu beziehen, ist für die dreifache Mutter nur im Notfall eine Option. «Wenn ich Ferien nehme, fehlen mir diese Tage während der Schulferien. Stunden nachzuholen, ist genauso schwierig.»

Vor einigen Jahren stiess die Familie auf das Angebot «Kinderbetreuung zu Hause» des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK). Diese Organisation ermöglicht es berufstätigen Eltern, unbesorgt zur Arbeit zu gehen, während sich eine ausgebildete Kinderbetreuerin daheim um das erkrankte Kind kümmert. Die Kosten dafür orientieren sich am Einkommen der Familie. Seit die Longhitanos dieses Angebot kennen, ist der Betreuungsdienst des Schweizerischen Roten Kreuzes an einem Februarmorgen wie diesem die erste Wahl. «Notfalls schickt das Rote Kreuz innerhalb weniger Stunden eine Betreuerin zu uns nach Hause», so Antonietta Longhitano.

Den Kindern Geborgenheit schenken
Eine dieser Frauen ist Martha Nydegger (62). Die gelernte Sozialpädagogin und Mutter von vier erwachsenen Töchtern ist eine von 20 Kinderbetreuerinnen, die im Kanton Solothurn für das Schweizerische Rote Kreuz solche Einsätze zu Hause machen. Bereits zwei Mal hat sie bei den Longhitanos auf die Kinder aufgepasst. «Wenn Kinder krank sind, verlangen sie natürlich nach der Mama oder dem Papa», sagt sie. Umso mehr versucht sie deshalb, dem Kind Geborgenheit zu schenken und es abzulenken. Sie weiss aus eigener Erfahrung, dass Fieber, Erbrechen oder Durchfall meistens schon nach wenigen Tagen durchgestanden ist. «Dann ist die Welt wieder in Ordnung», sagt sie und holt aus ihrer Tasche die Pingu-Bücher, an die sich Riccardo und Alessandro noch gut vom letzten Mal erinnern können.

Lucrezia Meier-Schatz begrüsst Angebote wie dieses. «Gleichzeitig tut es mir leid, sagen zu müssen, dass Eltern diesbezüglich mehrheitlich auf sich allein gestellt sind.» Pro Familia arbeitet daran, dass sich das ändert, und führt mit KMUs Gespräche über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Meier-Schatz weiss auch von Gemeinden, die Angebote und Hilfestellungen für Eltern aufbauen. Von Tagesmüttern sei die Rede und von Senioren, die quasi als Ersatzgrosseltern miteinbezogen werden sollen.

Dennoch sieht Meier-Schatz den grössten Handlungsbedarf in der Beziehung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber: «Wir müssen die Arbeitgeber stärker für die besonderen Bedürfnisse von Erwerbstätigen mit Betreuungsaufgaben sensibilisieren, damit sie diesen Angestellten mehr Verständnis entgegenbringen.» Es braucht auf beiden Seiten eine positive Einstellung, man muss sich flexibel zeigen und Optionen gemeinsam ausarbeiten, sagt Lucrezia Meier-Schatz. Denn so lange zu wenig institutionelle Angebote auf dem Markt seien, so lange obliege es den Arbeitgebern, gemeinsam mit den Angestellten Lösungen zum Wohl des Kindes zu finden.

Ihre Meinung interessiert uns

Wird vom Arbeitgeber ab dem ersten Tag ein Arztzeugnis verlangt, melden sich einige Eltern selbst krank. Schliesslich lohnt sich der Arztbesuch bei eher leichteren Erkrankungen, die zudem gut erkennbar scheinen, oft kaum, bedeuten jedoch noch zusätzlichen Organisationsaufwand. Zudem ändert sich der Zustand der Kleinen von einem Tag zum andern oft rapide.
Was machen Sie? Verraten Sie uns Ihre Methode als Mutter oder Vater in solchen Situationen in einem Kommentar.

Autor: Nathalie Bursać

Fotograf: Marco Zanoni