Archiv
30. Dezember 2013

Kostüme für Fantasy-Welten

Textilien, Leder und Filme sind ihre Leidenschaft. Die Schweizerin Nadine Jäggi arbeitet seit sieben Jahren für Neuseelands Special-Effects-Firma Weta Workshop. Dort kreiert sie Kostüme für Blockbuster-Filme, darunter auch den «Hobbit».

Nadine Jäggi arbeitet seit sieben Jahren für Neuseelands Special-Effects-Firma Weta Workshop.
Nadine Jäggi arbeitet seit sieben Jahren für Neuseelands Special-Effects-Firma Weta Workshop. (Bild Steve Unwin / Weta Workshop Ltd.)

Gut gelaunt begrüsst Nadine Jäggi uns am Eingang des Weta Workshop in Wellington. Wir, das sind sieben filminteressierte Touristen, die etwas mehr darüber erfahren wollen, wie die Spezialeffekte in solch prominenten Blockbustern wie «The Lord of the Rings», «Avatar» oder «King Kong» entstanden sind. Eine Stunde lang führt sie uns durch einen kleinen Teil des Workshops, in dem Filmrequisiten, Modelle und Kostüme aller Art ausgestellt sind, und erklärt dazu, wie die Herstellung und das Design funktionieren und mit welchen Tricks die Filmemacher arbeiten.

Jäggi ist aber nicht einfach irgendein Tour Guide, die 31-jährige Schweizerin ist Kostümdesignerin und Film Technician bei Weta und hat seit 2006 an allen grossen Filmen mitgearbeitet, für welche die Spezialeffektefirma im Einsatz stand, etwa «The Chronicles of Narnia: Prince Caspian», «Avatar», «District 9» oder «Daybreakers». «Unser Chef Richard Taylor möchte, dass Leute die Gäste durch den Workshop führen, die auch wissen, wovon sie sprechen.» Normalerweise werkelt Jäggi im nichtöffentlichen Bereich mit Textilien, Leder und Fellen, aber wenn es ihre Arbeitsbelastung erlaubt, leitet sie zwei Tage pro Woche die Tour durch den Workshop. «Es macht mir grossen Spass, den Gästen zu erklären, wie diese Dinge funktionieren, es sind ja auch fast immer Fans und Filminteressierte, die mit Leidenschaft dabei sind.»

Nadine Jäggi
Nadine Jäggi (Bild Steve Unwin / Weta Workshop Ltd.)

Wie aber hat es die Schweizerin geschafft, für eine der renommiertesten Spezialeffektefirmen der Welt zu arbeiten? Ganz einfach: Sie hatte Heimvorteil. Nadine Jäggi ist in Neuseeland geboren und aufgewachsen, als zweite Tochter von Schweizer Eltern, die 1973 im zarten Alter von 22 Jahren vom Kanton Bern nach Wellington ausgewandert sind. «Sie sind Landschaftsgärtner und haben sich in die Natur Neuseelands verliebt», erzählt Jäggi in ausgezeichnetem Berndeutsch.

Sie vermutet, dass sie ihre kreative Ader von den Eltern geerbt hat, denn schon als Kind tat sie nichts lieber, als zu zeichnen, zu schneidern und zu basteln, und wurde dabei auch immer unterstützt. Zu Hause wurde viel Berndeutsch geredet, damit die Kinder auch das lernen. «Die Regel war: Immer zum Znacht wird Berndeutsch gesprochen. Wir fanden das damals zwar lästig, inzwischen bin ich aber sehr froh darum.» Später studierte sie Modedesign und ergatterte 2005 dank Beziehungen ihrer Mutter und einem ansprechenden Design-Portfolio einen Job als Kostümassistentin im Stadttheater Bern. Damals verbrachte sie fast ein Jahr in der Schweiz, die sie zuvor nur jeweils für ein paar Wochen Ferien besucht hatte.

«Es war wunderbar, meine Grosseltern und Tanten verwöhnten mich, sodass ich mich fast wie zu Hause fühlte», erzählt Jäggi. Sie empfindet zwar Neuseeland als ihre Heimat und möchte dort später auch ihre eigenen Kinder aufwachsen sehen, aber sie fühlt sich der Schweiz eng verbunden und könnte sich durchaus vorstellen, länger dort zu leben. Besonders angetan hat es ihr die Berner Altstadt. «In Neuseeland haben wir nichts Vergleichbares.»

Schon von der Schweiz aus streckte sie ihre Fühler Richtung Weta Workshop aus und wurde nach ihrer Rückkehr zum Bewerbungsgespräch eingeladen. «Sie mochten, was sie sahen, und boten mir an, bei ihnen eine Woche auf Probe zu arbeiten.» Und ehe sie sichs versah, hatte Nadine Jäggi sich gegen Tausende von Konkurrenten durchgesetzt – und so was wie ihren Traumjob. Sie ist allerdings bei «Weta» nicht fest angestellt. Wie die meisten der kreativen Künstler arbeitet sie auf Vertragsbasis, wird also immer neu für eine befristete Zeit angestellt, wenn «Weta» einen Auftrag für einen Regisseur oder ein Studio zu erfüllen hat.

Der Arbeitsplatz von Nadine Jäggi.
Der Arbeitsplatz von Nadine Jäggi. (Bild Ralf Kaminski)

«In der Praxis war es aber so, dass ich praktisch durchgehend für ,Weta’ gearbeitet habe, weil man mich nicht nur für Kostümarbeit, sondern auch für anderes einsetzen kann», sagt Jäggi. «Ich habe dort viel Neues gelernt.» Inzwischen ist sie sogar froh, wenn sie zwischendurch mal einige Zeit nichts für Weta tun muss, weil sie dann an ihren eigenen Projekten arbeiten kann, wofür ihr sonst nur abends oder an den Wochenenden Zeit bleibt. Zu Hause in ihrem eigenen Atelier arbeitet sie an ihren Lederkostümen, 2008 hat sie für eines ihrer Werke sogar gleich zwei Preise eingeheimst. «Mein grosser Traum ist eine eigene Ausstellung mit meinen Werken.»

Bis es so weit ist, hat sie bei Weta Workshop allerdings reichlich zu tun. Denn es kann bei aufwendigen Einzelstücken monatelang dauern, sie zu perfektionieren. In den letzten Jahren hat sie vor allem an Peter Jacksons «Hobbit» gearbeitet, der Vorgeschichte von J.R.R. Tolkiens Fantasyepos «The Lord of the Rings» – jene Filme, dank deren Weta Workshop 2001 plötzlich zum globalen Player in der Filmindustrie geworden ist. Allerdings darf sie nicht verraten, was genau sie beim «Hobbit» gemacht hat, ausser dass es mit den Kostümen zu tun hatte. «Die Geheimhaltung bei diesen Filmen ist wirklich extrem.»

(Bilder nadinejaeggi.com)

Aber sie verrät, dass sie im Lauf der Dreharbeiten diverse Darsteller kennengelernt und auch sonst immer wieder mal mit Stars zu tun hat. «Sie kommen vorbei für Kostümproben, und ab und zu gehen wir auch aufs Filmset. Da kommt man schon gelegentlich ins Gespräch.» Mittlerweile findet sie das alles aber gar nicht mehr besonders aufregend. «Das sind Leute wie alle anderen auch, die sind hier und machen ihren Job.»

Es ist auch nicht so, dass sie auf ihre Arbeit für die grossen Filme, die alle sehen, stolzer wäre als auf ihre eigenen Kreationen oder etwa zwei besonders gut gelungene Katzenmasken aus Fell, die sie für das New Zealand Ballet gestaltet hat. «Es kommt auf die Art der Arbeit an, nicht auf die Grösse des Auftritts.»

Jäggi sieht sich diese Special-Effect-Spektakel auch gern im Kino an, eigentlich alles ausser Horror. «Ich habe nur das Problem, dass ich immer viel zu sehr darauf konzentriert bin zu schauen, wie sie die Effekte und die Kostüme gemacht haben. Dabei verpasse ich dann manchmal die Story.»

Was kann man beruflich noch anstreben, wenn man seinen Traumjob schon mit 31 hat? Jäggi lacht. «Ach, es gibt immer wieder neue Ziele, auf die man hinarbeiten kann.» So würde sie ihr Wissen und Können später gern einmal als Lehrerin weitergeben. «Schon heute gehe ich ab und zu in Schulklassen und zeige, was wir so machen. Ich finde es etwas ganz Tolles, bei jungen Leuten die Begeisterung für kreatives Arbeiten zu wecken.»

LINKS
www.wetanz.com/window-into-workshop www.nadinejaggi.com

Autor: Ralf Kaminski