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14. Oktober 2013

Kopfstand

Der Kopfstand der Kinderlosen
Im dritten Teil der Serie «Frauenbilder»: Der Kopfstand der Kinderlosen.

Als Frau Kraft morgens ins Büro kam, bemerkte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Der Platz ihrer Arbeitskollegin war verwaist. Schon wieder. Misses «Ich-habe-alles-im-Griff-und-bringe-Kinder-und-Karriere-unter-einen-Hut» hatte sich mal wieder eine Auszeit genommen. Frau Kraft schnaubte vor Wut, denn sie wusste genau, was das bedeutete: Alles, was die blöde Kuh gestern nicht erledigt hatte, war heute automatisch auf ihrem Schreibtisch gelandet.

Sie hatte mittlerweile kein Verständnis mehr für die Situation der anderen. Vor einem Monat konnte die Trulla nicht arbeiten, da eines ihrer Bälger angeblich Husten gehabt hatte. Vor zwei Wochen rechtfertigte sie ihr Fernbleiben damit, dass sich ihr Jüngster den Noro-Virus eingefangen hatte. Was es heute war, darüber konnte Frau Kraft nur spekulieren. Vielleicht raffte ein hundskommuner Schnupfen die Brut ihrer Bürokollegin hin. Oder die lieben Kleinen hatten eine fiese Bindehautentzündung. Nein, warte, ein roter Ausschlag am Kinderpopo. Das musste es sein.

Frau Kraft liess sich in ihren Drehstuhl fallen. Ihr Blick schweifte über die Aktenberge. Ihr kam der Himalaya in den Sinn. (Doch wo waren die Sherpas?) Auf ihrem Pult klebte ein gelber Post-it-Zettel. Der kam von Ihrem Chef. In letzter Zeit hinterliess er ihr öfter solche Botschaften. Machen Sie dies, tun Sie das, denken Sie an XYZ. Neulich in einer Teamsitzung hatte der Boss sie als «mein bestes Pferd im Stall» bezeichnet. Sie sei zäh wie ein Kaltblut und stark wie ein Brauereigaul. Und das Wichtigste: Sie habe keine Ambitionen, eine Zuchtstute zu werden. Frau Kraft hatte das nicht komisch gefunden. Sie hätte gerne erwidert, dass es nicht ihre Schuld war, dass sie bisher nicht den passenden Hengst gefunden hatte, aber sie schwieg lieber. Sie hätte den mitleidigen Blick ihrer Supermutter-Arbeitskollegin nicht ertragen.

Egal. Weg mit den schlechten Gedanken! Frau Kraft griff nach dem Zettelchen: «Kommen Sie bitte nachher kurz zu mir ins Büro, es ist wichtig!!!» Ach, ja, hier war ja immer alles wichtig. Besser gesagt: Alle anderen waren wichtig. Sie war nur die alleinstehende Enddreissigerin ohne Anhang (Die Katze zählte definitiv nicht.). Und wenn ihr Chef rief, dann machte sie bei Bedarf auch einen Kopfstand. Apropos Kopf. Hinter ihrem linken Ohr juckte es. Während sich Frau Kraft kratzte, dachte sie über die letzte Unterhaltung mit ihrer Arbeitskollegin nach. Sie hatten gemeinsam über den Plänen für ein neues Projekt gebrütet. Damals hatte Sie tatsächlich versucht, der dummen Kuh ihren Standpunkt zu erklären. Doch es waren nur hämische Kommentare wie «Meine Kinder zahlen später deine Pension.» oder «Wenn du Mutter wärst, dann wäre das süsse Leben vorbei.» gekommen.

Frau Kraft seufzte. So ein Scheisstag. Dann stand sie auf und lief Richtung Chefbüro. Der Boss bat sie herein und machte ein betretenes Gesicht. War jemand gestorben?

«Du hast sicher gemerkt, dass die Angela heute nicht arbeiten kommt.» (Ach ne, echt jetzt?)

«Die Sache ist die: Erst hatten ihre Kinder die Läuse. Nun hat es sie selbst erwischt. Ich soll dich lieb von ihr grüssen. Sie sagt, bei dieser Projektbesprechung hätte sie sich mit dir über den Plan gebeugt ... also, ähm, ja, wenn es dich also jucken sollte, dann solltest du es einem Arzt zeigen. Am besten einem Kinderarzt. Die kennen sich am besten mit so was aus. Sagt die Angela.»

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Oreste Vinciguerra