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25. März 2013

Komodo: Zu Besuch bei den Drachen

Drachen nennt man in Indonesien die Komodowarane. Auf der Insel Komodo kann man die urzeitlichen Riesenechsen in freier Wildbahn besichtigen.

Ein Komodowaran
Aufmerksam auf der Pirsch: Die Echse, die der Insel Komodo den Namen gab.

Die Komodowarane sind gefährdet; nur noch wenige Tausend Exemplare soll es geben. Darum muss ans Ende der Welt reisen, wer sie sehen will. Die Spezies lebt, wie ihr Name sagt, auf der kleinen Insel Komodo – und auf ein paar ebenso dünn besiedelten Nachbarinseln in der Floressee, wo Pazifik und Indischer Ozean aufeinandertreffen.

Im Boot vor der Insel Rinca, der kleineren Nachbarinsel von Komodo
Im Boot vor der Insel Rinca, der kleineren Nachbarinsel von Komodo.

Die Reise lohnt sich. Nicht nur wegen der Überfahrt mit dem Schnellboot von der Kleinstadt Labuan Bajo am Westende der grossen Insel Flores. Bei der Ankunft in Komodo sind zwei Warane schon vom Schiff aus zu sehen. Die Echsen, gute Schwimmer, lungern am Strand herum, zwischen angeschwemmten Plastiktüten und Korallenresten, während eine Bootsladung Touristen sie abknipst.

Dass die Warane sich bei der Schifflände herumtreiben, hat mit den paar Häusern, die dort stehen, zu tun. Küchengerüche ziehen die Warane an. Potenzielle Beute riechen sie mit ihren gespaltenen Zungen bis zu elf Kilometer weit.

Aus diesem Grund wird menstruierenden Frauen dringend von einem Besuch auf Komodo abgeraten. Die Warane sind reine Fleischfresser. Ihr Verhalten ist also keineswegs zeitgemäss, und ihr Schädel ähnelt ein bisschen dem eines Tyrannosaurus Rex. Dass sie die Gegenwart überhaupt erleben dürfen, hat einerseits mit der Abgeschiedenheit ihres Lebensraums zu tun. Andererseits damit, dass ihr Fleisch den Menschen nicht schmeckt und ihre schuppige Haut zerbröselt, wenn sie abgezogen und getrocknet ist.

Und so liegen diverse grosse, bis zu drei Meter lange Exemplare faul unter den paar Häusern, die als Vorsichtsmassnahme gegen die Räuber auf Stelzen gebaut wurden. «Bitte versuchen Sie nicht, sie zu berühren», sagt uns Ousman, unser Führer. Die Warane sind opportunistische Jäger, wie die Krokodile. Sie warten, bis ein Opfer in die Nähe kommt. Dann schnappen sie zu. Kleinere Lebewesen verschlingen sie ganz. Grösseren – wie Hirschen oder Wasserbüffeln – beissen sie zunächst die Achillessehnen durch, damit sie nicht fliehen können. Dann beginnen sie gleich mit dem Fressen – mit den Weichteilen, weil das am einfachsten ist. Sie reissen ihren Opfern zuerst die Eingeweide heraus.

Park Ranger mit seiner 'Waffe' gegen Waran-Angriffe
Ein Park Ranger mit seiner 'Waffe' gegen Waran-Angriffe.

Die bis zu 80 Kilogramm schweren Echsen können in einem Mahl bis zu 80 Prozent ihres Körpergewichts verschlingen. Zu ihrer Entlastung muss allerdings gesagt sein: Danach fasten sie einen Monat lang. Und Menschen verspeisen sie eher selten. In der Rangersiedlung ist eine Liste mit den «Zwischenfällen» der letzten Jahre aufgehängt: Regelmässig wird einer der Ranger von einem Waran gebissen. Aber die Kollegen schaffen es offenbar (fast) jedes Mal, den Angreifer zu vertreiben. Die hölzernen Dreizacke, die jeder Parkwächter bei sich trägt, sind scheinbar wirksame Waffen; das beruhigt. «Ich dachte, ich müsse sterben», sagt gleichwohl der Ranger über die Attacke, deren Opfer er wurde. Ein massierter Antibiotika-Einsatz im Spital machte das Gift, das die Warane in ihrem Speichel haben, unschädlich.

Doch dann gibt es noch die Geschichte des Barons Rudolf von Reding Biberegg. In Basel soll er gelebt und 1974 Komodo besucht haben. Ein in der Wildnis gefundener Fotoapparat – oder, nach anderen Quellen, ein Hut – soll das letzte Souvenir an ihn gewesen sein. Gut erfunden, denkt man da. Doch unser Führer bekräftigt, Nachfahren des Barons zum Denkmal geführt zu haben, das dort errichtet wurde, wo das Souvenir an ihn entdeckt wurde.

Bevor uns Ousman zu einem einstündigen Spaziergang durch die Insel leitet, erklärt er uns drei Vorsichtsmassnahmen für den Fall einer Konfrontation mit einem Waran: im Zickzack davonlaufen (die Warane sind zwar schnell, aber plump) oder auf einen Baum klettern (dito). Ausserdem sollten wir uns die Taschen mit Kieselsteinen füllen, um diese notfalls als handgeworfene Schrotladungen einzusetzen. Zum Glück müssen wir nichts davon ausprobieren.

Komodo muss man sich wie ein Terrarium vorstellen. Es ist heiss, trocken und karg. Auf dem Hügel, den wir erklimmen, wächst nichts, und die Steine sehen aus wie Holzkohle. Ab und zu erblickt man weisses Pulver auf dem Boden, das aussieht wie Kalk und manchmal mit einem Büschel Haare garniert ist. Es ist der Kot der Warane, gebleicht vom Kalzium der Knochen, die sie verschlungen haben.

Malerische Vorabendstimmung auf Rinca
Malerische Vorabendstimmung auf Rinca.

Zwischen den Bäumen der Ebene erblickt man ab und zu jene Tiere, denen solche Haare wachsen: grazile Hirsche, wendige Wildschweine und Grossfusshühner. Diese scharren grosse Mulden in den Boden, Nester für ihre Eier. Das freut die Warane: Sie fressen die Eier und benutzen die Nester dann für ihre eigene Brut.
Auf der Nachbarinsel Rinca treffen wir zwei Warane an, die sich gerade einen heftigen Kampf um so ein Hühnernest und dessen Inhalt liefern. Und eine Waranin, die eine Grube bewacht. Ob es der Mutterinstinkt ist, der die Eier vor Artgenossen beschützen will? Oder der Appetit auf die eigene Brut? Komodowarane sind Kannibalen. Frisch geschlüpfte Warane klettern so rasch wie möglich auf Bäume, um sich vor ihren Eltern in Sicherheit zu bringen. Ausgewachsene Warane sind zu schwer, um zu klettern.

Sonnenuntergang bei der Rückfahrt in Richtung Flores
Sonnenuntergang bei der Rückfahrt in Richtung Flores.

Auf der Rückfahrt nach Flores ankert unser Boot in einer kleinen Bucht. Unsere Führer versichern, dass hier keine Warane leben. Wir springen ins Wasser, um zu schnorcheln, und sehen Korallen und sogar eine Meeresschildkröte. Ein Ausflug nach Komodo ist wahrlich eine Reise wert.

Autor: Michael Lütscher

Fotograf: Tanja Demarmels