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22. Juli 2013

Kollegen statt Eltern

Chat mit Kollegen statt Ratschläge von den Eltern. Der Austausch mit der Peergroup verstärkt sich dank Messengern wie WhatsApp. Die Eltern verlieren an Einfluss.

Kind mit Smartphone, Mutter mit Megaphone nebenan.
Die Eltern verlieren an Einfluss. Die Stimme der Eltern verliert an Gewicht: Gratis-Messenger wie WhatsApp machen es Jugendlichen noch einfacher, ständig mit Kollegen in Kontakt zu sein, wo sie sich Rat bei Nöten und Problemen holen. (Bild: Getty Images)

Dank Smartphone und Gratis-Messenger sind viele Jugendliche ständig in Kontakt mit Kollegen — der Einfluss der Eltern sinkt. «Vor dem Handyzeitalter war es so: nach der Schule ging man nach Hause, kontaktierte die Freunde via Festnetz und traf sie nachher», sagt Urs Kiener (55), Kinder- und Jugendpsychologe bei Pro Juventute Schweiz. «Das Elternhaus hat seine Rolle als Dreh- und Angelpunkt für die Teenager verloren.» Und damit fällt auch die Kontrolle durch die Eltern weg. «Das weckt Ängste», sagt Urs Kiener. «Den häufigen Austausch mit der Peergroup gab es aber schon immer.» In der Pubertät nabeln sich die Kinder von den Eltern ab. Diese sind keine Kumpel oder Ratgeber mehr, die Kinder wollen vieles nicht mehr mit ihnen besprechen — ausser vielleicht die Höhe des Sackgeldes. «Die Jugendlichen suchen Geborgenheit und Anerkennung bei Gleichaltrigen», sagt Urs Kiener. Die Eltern sind aber immer noch wichtig: «Themen wie Schule und Ausbildung sollten sie ansprechen und mit ihren Kindern bereden.» Sie müssen auch aufmerksam sein: Obwohl als Berater im Alltag nicht mehr gefragt, sind sie zuständig, wenn es um ernsthafte Probleme wie Cybermobbing oder Sexting geht. «Jugendliche schämen sich oft, diese Dinge mit Gleichaltrigen zu besprechen», sagt Kiener. Gefährlich kann der Einfluss einer Peergroup nur sein, wenn sie der einzige Ort ist, wo man sich soziale Anerkennung verschafft. Das gilt besonders für Jugendliche die sonst kaum gesellschaftliche Anerkennung erhalten. Neue Kommunikationsmöglichkeiten pauschal zu verurteilen, bringt aber nichts. Tun Eltern dies, werden sie von den Kindern nicht ernst genommen, da sie sich als nicht medienkompetent offenbaren. Da ist Tatendrang der Eltern gefragt: sie müssen sich die Kompetenz aneignen, bei Handy, Smartphone und Chatten wieder mitzukommen — um bei ihrem Nachwuchs etwas zu sagen zu haben.

Autor: Claudia Langenegger