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28. Dezember 2015

Köpfe und Schriften zur Ökowende

Fritjof Capra begründete weltweit die Bewegung für mehr ökologisches Bewusstsein in Wirtschaft und Alltag mit. Wir stellen weitere Vordenker und aktuelle Bücher aus Schweizer Perspektive vor.

Fritjof Capras «Wendezeit» (1983), das Standardwerk gehörte in der industrialisierten Welt mit zu den ersten, die das Bewusstsein schärften, dass sich die Menschheit ihren sorglosen Umgang mit Ressourcen und Umweltrisiken nicht mehr leisten könne.
Das heisst nicht, dass solche Gedanken vereinzelt nicht schon weit früher aufgekommen sind. Ein bekanntes Beispiel ist der Modebegriff Nachhaltigkeit, der in der Form «nachhaltend» auf eine Schrift von Hans Carl von Carlowitz zurückgeht – und die erschien 1713! Der Deutsche sah sich bereits einer starken Bevölkerungszunahme und gleichzeitig schwindender Holzressourcen gegenüber. Deshalb versuchte er, für die Forstwirtschaft Anhaltspunkte zu formulieren, die dem Verlust damaliger Lebensgrundlagen vorbeugen sollten.

Konsequent und übersichtlich leisteten solche Arbeiten seit den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts jedoch erst Wissenschaftler und ein paar politisch Weitsichtige wie der Amerikaner Al Gore. Migrosmagazin.ch stellt ein paar der bedeutendsten Köpfe im Hinblick auf eine Ökowende kurz vor.
Im zweiten Teil nennen wir aus Schweizer Sicht mit Schwerpunkt Energiethematik einige der lohnendsten Bücher, um sich auf bevorstehende Änderungen einzustellen.
ZEHN VORDENKER

Rachel Carson: Vielleicht der erste Kopf der Ökobewegung (lange bevor sie an Gewicht gewann). Sie veröffentlichte mit «Der stumme Frühling» schon 1962 eine Studie über die Folgen von breitem Pestizideinsatz auf das Ökosystem. Das Münchner Center mit ihrem Namen tat sich mit vielen weiteren Studien hervor.

Lester R. Brown 1997 in Engelberg
Lester R. Brown 1997 beim Vorbereiten seines Vortrags am Forum Engelberg. (Bild: Keystone)

Lester R. Brown: Heute der wohl bekannteste Mahner für eine ökologische Umkehr in der westlichen Welt, der nicht bereits aus der Politik bekannt ist. Seine Standardwerke «Plan B 2.0» und das Update «Plan B 3.0» geben denn auch einen einmaligen Überblick über fast alle privaten und öffentlichen Bereiche, die von einer grundsätzlichen Ökowende betroffen wären.

Ulrich Kluge: Sein im Berliner Siedler-Verlag erschienenes Opus Magnum heisst auch «Ökowende» (2001). Auch er glänzt mit einer breiten Annäherung ans Phänomen, doch die Land- und Ernährungswirtschaft stehen letztlich im Zentrum.

Donella Meadows: Auch sie gehört zu den ersten Köpfen der Ökobewegung. Die Umweltwissenschafterin griff im Klassiker «Die Grenzen des Wachstums» (1972) den bis heute in der Wirtschaft vorherrschenden Glauben an, der Fortschritt sei primär in der Vergrösserung von Wirtschaftsleistung oder Konsum zu messen.

Wangari Maathai: Die Professorin war erste Umweltministerin Afrikas. Sie propagiert wie keine zweite das Ansprechen (etwa durch Politik und Mikrokredite der Banken) der Frauen als Entscheidungsträgerinnen, um Wasser- und Umweltschäden sowie den Ressourcenverschleiss einzudämmen.

Leopold Kohr: Der deutsche Vordenker der deutschen Umweltbewegung erhielt 1983 den Alternativen Nobelpreis. Ihm lag primär viel an der Dezentralisierung. «Überschaubarkeit» war das Schlagwort.

Paul R. Ehrlich: Ursprünglich renommierter Schmetterlingsforscher, avancierte er zum frühen Kritiker der Überbevölkerung. Die Eindämmung des Bevölkerungswachstums galt als sein Hauptziel. Allerdings vertat er sich mit mehreren Horrorprognosen wie weltweiten Hungersnöten für die 70er- und 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts, die überhaupt nicht in der vorhergesagten Weise eintrafen.

Al Gore: Für nicht stark mit Ökologie vertraute Leser(inne)n nimmt der ehemalige Vizepräsident der USA sicher die prominenteste Rolle ein im Reigen jener, die eine ökologische Wende einfordern. «Die unbequeme Wahrheit» hiess sein Buch von 2007, zwei Jahre später wurde es aktualisiert.

Klaus Töpfer: Die zweite politische Figur mit insbesondere in Mitteleuropa vernehmbarer Stimme. Speziell beim deutschen Umweltminister, dass er bereits eine Vorkämpferrolle für umweltschonenderen Lebensstil und ebensolche Produktion einnahm, während er die Geschäfte seines Ministeriums leitete.

Jost Krippendorf: Er besetzte den ersten Schweizer Universitäts-Lehrstuhl für Tourismus in Bern und wurde in den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts zur vielbeachteten Stimme, vor allem wenn es um die ökologischen Folgen und Probleme von (Winter-)Tourismus und anderen Phänomenen im Alpenraum ging.
ZUR HEUTIGEN SITUATION (die Schweiz im Zentrum)
Die wichtigsten Publikationen zum Thema Ökowende mit Schweizer Bezug aus den letzten Jahren drehen sich hauptsächlich um den Umbruch im Energiebereich: Wie kann der Atomausstieg ohne zugleich ansteigende Nutzung fossiler Energiequellen gelingen? Spätestens nach dem Klimagipfel in Paris 2015 mit Einigungen bei Zielen zur Erderwärmung und Investitionen im Bereich erneuerbare Energien das Trendthema schlechthin.
Hanspeter Guggenbühl: «Energiewende – und wie sie gelingen kann» (2013)
Anton Gunzinger: «Kraftwerk Schweiz. Plädoyer für eine Energiewende mit Zukunft» (2015)
Tobias Reichmuth: «Die Finanzierung der Energiewende in der Schweiz» (2013)
Marcel Hänggi: «Ausgepowert. Das Ende des Ölzeitalters als Chance» (2015)

Volker Quaschning: «Erneuerbare Energien und Klimaschutz. Hintergründe – Techniken und Planung – Ökonomie und Ökologie – Energiewende.» (2013)
Jens Lundsgard-Hansen: «Energiestrategie 2050. Das Eis ist dünn.» (2013)
Einige der Publikationen sind aktuell im Buchhandel oder online über ExLibris.ch lieferbar.

Autor: Reto Meisser