Archiv
28. Januar 2013

Köniz ist die Zukunft

Am 3. März stimmen wir über die Revision des Raumplanungsgesetzes ab. Diese will dem steten Verlust von Kulturland und der Zersiedelung Einhalt gebieten. Die Berner Vorortsgemeinde Köniz arbeitet bereits seit Jahren mit einer gezielten Raumplanung und gilt heute als Modell für andere Ortschaften. Ländliches Idyll und urbaner Raum existieren hier friedlich nebeneinander.

Berner Vorortsgemeinde Köniz
Die Berner Vorortsgemeinde Köniz arbeitet bereits seit Jahren mit einer gezielten Raumplanung.

IDEEN FÜR DIE BAUTEN DER ZUKUNFT
Die Abstimmungsinfos und ein Blick auf Siedlungsformen von morgen: Worum geht es bei der Astimmung um das neue Raumplanungsgesetz (RPG), die Argumente der Befürworter und Gegner und das utopische Projekt zweier Schweizer Architekten für eine kleine bis mittelgrosse Stadt in Turm-Form.

Steigt man am Bahnhof Köniz aus dem Zug, wirkt der Ort auf den ersten Blick nicht anders als viele andere Agglomerationsgemeinden im Schweizer Mittelland. Auf den zweiten Blick aber fallen viele relativ moderne Häuser auf — etwa die riesige Migros nahe beim Bahnhof oder die Gemeindeverwaltung ein paar Schritte weiter, bei der ein schönes altes Gebäude in einen modernen Neubau aus Glas und Stahl elegant integriert wurde.

Köniz, südwestlich der Stadt Bern, ist anders als andere Gemeinden. Sie hat bereits lokal umgesetzt, was der Bund national mit dem Raumplanungsgesetz zu erreichen hofft, über das am 3. März abgestimmt wird (siehe unten). Die 40'000 Einwohner leben über 21 Ortsteile und Weiler verteilt. Seit bald 20 Jahren wird in der Gemeinde umsichtig geplant und gebaut, mit dem Ziel, Landschaft und Grünflächen zu bewahren und die bestehenden Siedlungsgebiete zu verdichten. Die Grundlage dafür legten mehrere Initiativen und die Gemeinde selbst, die in den 80er- und 90er-Jahren Bauzonen hektarenweise reduzierte.

«Im Zentrum haben wir noch immer Verdichtungspotenzial.» Katrin Sedlmayer, Könizer Gemeinderätin für Planung und Verkehr.
«Im Zentrum haben wir noch immer Verdichtungspotenzial.» Katrin Sedlmayer, Könizer Gemeinderätin für Planung und Verkehr.

«In den 60er- und 70er-Jahren hegte man den Plan, Köniz auf 100'000 Einwohner zu vergrössern», sagt Katrin Sedlmayer (53), SP-Gemeinderätin und zuständig für Planung und Verkehr. Damals entstanden einige Bausünden und grosszügige Bauzonen. «Ab den 80er-Jahren wurden die Leute sensibler. Die wichtigste Abstimmung kam 1994, als eine neue visionäre Ortsplanung gutgeheissen wurde, die alle Auszonungen rechtlich verankerte.» Diese Auszonungen konnte sich die Gemeinde leisten, weil das damals nicht entschädigt werden musste. «Heute würde das unsere finanziellen Möglichkeiten bei Weitem übersteigen», sagt Sedlmayer.

Wegen all der Ampeln hiess Köniz im Volksmund einst «Ampliwil»

Das komplett neu gestaltete Zentrum von Köniz. Früher bestand es aus einer Durchgangsstrasse mit 18 000 Autos pro Tag. Heute gilt Tempo 30, und eine Koexistenzzone sorgt für Gleichberechtigung der Verkehrsteilnehmer.
Das komplett neu gestaltete Zentrum von Köniz. Früher bestand es aus einer Durchgangsstrasse mit 18 000 Autos pro Tag. Heute gilt Tempo 30, und eine Koexistenzzone sorgt für Gleichberechtigung der Verkehrsteilnehmer.

Die Ortsplanung von 1994 legte den Grundstein zum heutigen Köniz: intakte Grünräume, kein Siedlungsbrei, ein richtiges Zentrum. Den 40'000 Einwohnern, darunter noch immer 150 Landwirte, stehen 20'000 Arbeitsplätze gegenüber. «Auch das ist uns wichtig», betont Sedlmayer, «es bedeutet, dass viele Menschen am gleichen Ort wohnen und arbeiten, das reduziert die Mobilität.»

Früher hatte Köniz kein eigentliches Zentrum. «Es bestand aus einer Durchgangsstrasse, auf der täglich 18'000 Autos durchbrausten.» Und an der gab es so viele Ampeln, dass Köniz im Volksmund «Ampliwil» hiess. Dank Gestaltungs- und Architekturwettbewerben entstand anfangs 2000 ein echter Ortskern. Dessen Herz ist die sogenannte Koexistenzzone, in der alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt behandelt werden. Autos dürfen nur Tempo 30 fahren, Fussgänger ohne Zebrastreifen jederzeit kreuzen. Und Ampeln hat es auch fast keine mehr.

Obwohl die Bauzonen auf dem heutigen Stand eingefroren sind, ist Köniz noch längst nicht gebaut. «Wir haben im Zentrum noch immer Verdichtungspotenzial», sagt Sedlmayer. Politische Widerstände gab es kaum je, die Parteien zogen von rechts bis links am gleichen Strang und erzielten bei den Abstimmungen jeweils deutliche Mehrheiten.

«Es sind vor allem einzelne Bauprojekte, bei denen es manchmal zu Opposition aus der Nachbarschaft kommt.» Ab und zu gibt es auch Verzögerungen wegen Grundbesitzern. Schwer tut sich Köniz etwa im Wangental, einem Industriegebiet, das von Auto- und S-Bahn zerschnitten wird. «Dort versuchen wir seit Jahren, das Zentrum zu entwickeln, scheitern aber bis jetzt daran, dass wir nicht alle Grundeigentümer ins gleiche Boot bekommen», sagt Sedlmayer.

Zweimal Köniz: Der idyllische Weiler Herzwil gehört ebenso zur Gemeinde wie die urbane Siedlung Dreispitz (nächstes Bild).

Letztes Jahr hat der Schweizer Heimatschutz Köniz für seine sorgfältige Ortsplanung den Wakkerpreis verliehen. «Durch die konsequente Förderung einer Siedlungsentwicklung nach innen und einer bemerkenswerten langjährigen Wettbewerbskultur hat es Köniz verstanden, die Siedlungsqualität zu steigern und der Zersiedelung erfolgreich Einhalt zu gebieten», heisst es in der Begründung der Jury. Sie würdigt die Gemeinde zudem als «Ort, der zweifellos als Modell für andere dienen kann».

Lob kommt auch von Hans-Georg Bächtold, Geschäftsführer des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins und ehemaligem Kantonsplaner Basel-Landschaft: «Köniz ist ein gutes Beispiel für eine intelligente Herangehensweise an die Siedlungsentwicklung in der Agglomeration; die Gemeinde hat den Wakkerpreis verdient.»

Vorzeigeprojekt auf dem ehemaligen Versuchsgelände

Ein Vorzeigeprojekt ist die Dreispitz-Siedlung mit dem grossen Liebefeldpark auf dem ehemaligen Versuchsgelände der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt: 15 Gebäude mit 256 topmodernen Wohnungen, optimal erschlossen, mit viel Grünraum und einem kleinen See vor der Türe — und das im Zentrum von Köniz. Der Architekt Claude Rykart (57) hat den Wettbewerb für die Siedlung gewonnen und die Überbauung von 2003 bis 2011 realisiert. Mitte Jahr wird er selbst mit seinem Büro nach Köniz zügeln.

«Kaum eine andere Gemeinde ist so weit wie Köniz.» Claude Rykart, Architekt der Siedlung Dreispitz nahe des Zentrums von Köniz.
«Kaum eine andere Gemeinde ist so weit wie Köniz.» Claude Rykart, Architekt der Siedlung Dreispitz nahe des Zentrums von Köniz.

«Es ist sehr spannend, was in Köniz passiert», sagt Rykart. «Die Gemeinde hat es geschafft, eine Eigenständigkeit zu entwickeln, die sich sehen lassen kann, dank geschickter Politik in den letzten 20 Jahren.» Rykart hat auch schon Projekte in anderen Gemeinden realisiert, die ähnliche Ideen für ihre Ortsplanung haben. «Aber kaum eine ist so weit wie Köniz. Sie haben hier einfach schon viel früher angefangen, die Raumplanung neu auszurichten.»

Das Thema ist Rykart ein grosses Anliegen. «Der Teufel allerdings liegt im Detail. In der Theorie sind alle für Verdichtung, aber wenn sie dann plötzlich direkt auf der Nachbarparzelle stattfinden soll, kommt es schnell mal zu Einsprachen, weil die geplanten Projekte einem zu nahe oder zu hoch erscheinen.» Zudem gebe es Bauherren, denen solche Überlegungen egal seien. «Für sie sind Immobilien eine Handelsware, die Profit abwerfen soll.»

Monika und Michael Röthlisberger leben mit ihren Töchtern Anja und Maya seit 2007 in der Siedlung Dreispitz. Ihre helle, topmoderne Parterrewohnung  bietet einen direkten Blick auf den Liebefeldpark. Ein Einfamilienhaus auf dem Lande würden sie nicht haben wollen.
Monika und Michael Röthlisberger leben mit ihren Töchtern Anja und Maya seit 2007 in der Siedlung Dreispitz. Ihre helle, topmoderne Parterrewohnung bietet einen direkten Blick auf den Liebefeldpark. Ein Einfamilienhaus auf dem Lande würden sie nicht haben wollen.

Im Dreispitz hat Rykart klare, symmetrische Bauten geschaffen, die eine gewisse Ruhe ausstrahlen und bei ihren Bewohnern gut ankommen. Etwa bei Familie Röthlisberger, die 2007 in ihre geräumige 4,5-Zimmer-Parterrewohnung einzog, als das Gelände noch eine Baustelle war. Monika Röthlisberger (41) arbeitet als Übersetzerin, ihr Mann Michael (38) ist Bergführer; beide teilen sich Haushalt und Betreuung der beiden Töchter Anja (9) und Maya (7). Auf der Suche nach einer bezahlbaren grösseren Wohnung wurden sie in der Stadt Bern, wo sie vorher wohnten, nicht fündig. Im Dreispitz kostete sie die Eigentumswohnung 620'000 Franken.

Dass sie in ein Vorzeigeprojekt von Köniz einziehen würden, war ihnen zunächst gar nicht bewusst. Mittlerweile schätzen sie aber, dass ihre Gemeinde sehr sorgsam mit Grünraum und Bauprojekten umgeht und auch sonst engagiert und dynamisch ist. «Die Siedlung ist ausserdem so gut an den ÖV angebunden, dass wir kein Auto brauchen», sagt Monika Röthlisberger.

Nur Gemeinschaftsräume fehlen in der Siedlung

Das Einzige, was die Familie im Dreispitz vermisst, sind Gemeinschaftsräume, der Park könne das nur zum Teil kompensieren. Die Röthlisbergers würden aber jederzeit wieder einziehen. Und sie werden am 3. März auch dem neuen Raumplanungsgesetz zustimmen. «Mir ist das ein grosses Anliegen», sagt Michael Röthlisberger. «Es war auch immer klar, dass wir nicht in ein Einfamilienhaus auf dem Land ziehen wollen.»

Die Zahnärztin Bernadette Kaufmann-Wyss hat ihre Praxis seit 2010 im Dreispitz – auch weil es sich um ein Prestigeprojekt handelt.
Die Zahnärztin Bernadette Kaufmann-Wyss hat ihre Praxis seit 2010 im Dreispitz – auch weil es sich um ein Prestigeprojekt handelt.

Neben Wohnungen gibt es ein paar wenige Geschäfte im Dreispitz, darunter die Zahnarztpraxis von Bernadette Kaufmann-Wyss (56). Sie ist 2010 aus der unmittelbaren Nachbarschaft in ihre neuen Räume gezogen. Ihre Patientinnen und Patienten, die sie am früheren Ort seit 1999 betreut hatte, kamen alle mit, und sie hat seither in der Siedlung auch noch einige dazugewonnen. Sie pendelt jeden Tag von Faoug VD am Murtensee nach Köniz und fühlt sich in ihrer neuen Praxis sehr wohl. «Es ist alles ganz modern, rollstuhlgängig, und ich konnte die Details der Inneneinrichtung selbst bestimmen.» Dass die Siedlung ein Prestigeprojekt ist, war ihr bewusst. «Es war mit ein Grund für den Umzug.» Kaufmann-Wyss hat dennoch Kritikpunkte: Einerseits könne es im Sommer trotz Minergie ziemlich warm werden, andererseits ist sie nicht glücklich mit der verengten Erschliessungsstrasse am Rand der Siedlung, in der es regelmässig zu heiklen Situationen für Fussgänger komme.

Fährt man mit dem Auto zehn Minuten weiter Richtung Südwesten, landet man in der ländlichen Idylle von Herzwil, einem der Weiler von Köniz, der dank der umsichtigen Raumplanung noch praktisch so aussieht wie vor 150 Jahren. Auf dem Hof von Walter Winzenried (68) begrüsst ein neugierig schnüffelnder Hund alle Neuankömmlinge. Winzenried ist eigentlich im Ruhestand, den Hof führt sein Sohn in sechster Generation. Aber er hilft noch immer mit, vor allem beim Holzen und der Waldpflege.

Kluge Vorfahren haben lukrativen Angeboten widerstanden

Der pensionierte Landwirt Walter Winzenried vor seinem Haus im Könizer Weiler Herzwil. Es sieht hier alles noch so aus wie in seiner Jugend – dank umsichtiger Raumplanung und kluger Vorfahren.
Der pensionierte Landwirt Walter Winzenried vor seinem Haus im Könizer Weiler Herzwil. Es sieht hier alles noch so aus wie in seiner Jugend – dank umsichtiger Raumplanung und kluger Vorfahren.

Das Wohnhaus der Winzenrieds haben Vorfahren 1821 erbaut, er selbst ist dort geboren und hatte nie das Bedürfnis, irgendwo anders zu leben. «Die heutige Landwirtschaft fordert gewisse Anpassungen, das ist klar. Ansonsten ist eigentlich alles noch so wie früher.» Und darüber ist er auch sehr glücklich. «Es tut weh zu sehen, wie viel schönes Kulturland in der Schweiz überbaut wird.»

50 Menschen leben in Herzwil, einige sind wie die Winzenrieds in der Landwirtschaft tätig, andere Mieter, die gerne auf dem Land leben. So ursprünglich das Ortsbild von Herzwil ist, so sehr hat sich die Landwirtschaft verändert. Früher konnten die Bauern von ihrer Arbeit auf dem Hof leben, heute brauchen alle einen Nebenerwerb. Winzenrieds Schwiegertochter zum Beispiel ist zu 50 Prozent als Rettungssanitäterin tätig.

Es ist aber nicht nur der Gemeinde Köniz zu verdanken, dass Herzwil noch immer so ursprünglich ist. «Wenn mein Vater oder Grossvater damals Bauland hätten verkaufen wollen, wäre das problemlos möglich gewesen. Aber sie haben der finanziellen Verlockung widerstanden», sagt Winzenried. «Anfragen gab es genug. Wenn da einer schwach geworden wäre, wären die Dämme sicherlich gebrochen. Es ist also auch das Verdienst unserer klugen Vorfahren, dass es hier noch so ist, wie es ist.»

www.koeniz.ch/wakker12

Fotograf: Simon Iannelli