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07. Dezember 2015

Königlicher Besuch

ein Königreich für ein grosses Sofa
Wenig gemeinsam mit der Nachbarsprinzessin: ein Königreich für ein grosses Sofa! (Bild: Getty Images)

Es war einmal ein kleines Prinzesschen, dem wurde es schnell langweilig. Das bemerkten auch die Königseltern und sandten Boten aus, um eine passende Spielkameradin für ihr Kind zu suchen. Glücklicherweise gab es im Nachbarkönigreich eine gleichaltrige Prinzessin. Herr und Frau König waren entzückt: so ein nettes Fräulein – und gleich noch aus gutem Hause. Königs nebenan fanden das auch eine gute Idee. Und so wurde Prinzesschen 1 eines Nachmittags zu Prinzesschen 2 geleitet. Spieldate royal.

Die beiden Minihoheiten lernten sich kennen und spielten ein Weilchen gemeinsam. Zumindest versuchten sie es. Aber die Gastprinzessin war eine echte Nervensäge. Sie wusste alles besser, und bei ihr war eh alles schöner. Das fiel sogar der Gastgeberkönigin auf. Deswegen war es nicht weiter verwunderlich, dass Prinzesschen 2 die Nachbarstochter lieber nicht mehr empfangen wollte. Ihr royales Elternpaar fand das total in Ordnung, zumal es einem modernen Königreich vorstand und fest daran glaubte, dass man Harmonie nicht von oben verordnen konnte.

Das sah die königliche Nervensägemutter freilich anders. Als ihr zu Ohren kam, dass die Kinder nicht warm miteinander geworden waren, liess sie sofort die schnellste Kutsche einspannen, um der Nachbarskönigin ihre Aufwartung zu machen. «Wir wünschen, dass die Kinder auch inskünftig gemeinsam spielen», sagte sie. Diese schwelende Dissonanz unter den Sechsjährigen mache sie fest traurig, sie könne sich wegen des infantilen Disputs kaum noch auf die laufenden Throngeschäfte konzentrieren. «Deswegen befehle ich, dass Eure Hoheit mit Eurer Tochter reden und dafür sorgen, dass sie sich wieder so benimmt, wie es sich für ihren Stand ziemt.»

Die andere Königin hörte sich die Klage geduldig an. Doch als sie aufgefordert wurde, ihr Kind zur Räson zu rufen, rief sie: «Haltet ein! Wir haben nicht vor, uns in die Freundesangelegenheiten der kleinen Prinzessin einzumischen.» Dann rückte sie sich ihre Krone zurecht, lächelte den hohen Besuch an und fragte: «Noch mehr Tee?»

Autor: Bettina Leinenbach