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20. Oktober 2014

«Im Web sind alle gleich!»

Joe Fernandez hat Klout.com gegründet. Der Dienst bewertet jeden Internetnutzer. Im Interview spricht er über die Gründung, Morddrohungen und sein millionenschweres Bankkonto.

Klout-Gründer Joe Fernandez
Der Klout-Gründer Joe Fernandez (Bild: Getty Images).

Joe Fernandez, wer ist einflussreicher, ein Blogger oder ein Bundesrat?

Um einflussreich zu sein, braucht heute niemand mehr einen wichtigen Posten. Jeder einzelne kann etwas bewegen. Und je nachdem hat ein Blogger tatsächlich mehr Einfluss.

Wie ist das möglich?

Auf Social Media kann jeder Mensch Texte sowie Bilder veröffentlichen und damit ein gewisses Publikum für sich gewinnen, wie Zeitungen oder Fernsehsender auch. Sie können erzählen, was sie beschäftigt, wovon sie überzeugt sind oder woran sie glauben.

Demzufolge sind alle gleich, egal ob Blogger oder Bundesrat, um bei diesem Beispiel zu bleiben.

In der analogen Welt war es immer wichtig, wer deine Familie ist, wie viel Geld du hast oder was du arbeitest. Das gilt nicht mehr. Im Web sind alle gleich. Man braucht nur einen Internetzugang.

Was hat Klout damit zu tun?

Wir bewerten Nutzer mit dem «Kloutscore» auf einer Skala von 1 bis 100. Eine hohe Punktezahl zeigt, dass jemand professionell mit Social Media umgeht und auf seinem Gebiet einflussreich ist.

Eine Zahl sagt alles aus? Ist das Leben so einfach?

Nein. Die Zahl alleine ist zwar gut, um sich mit anderen zu vergleichen und sich selbst einzustufen. Informationen zu Internetnutzern, bei welchen Themen sie stark sind oder wen sie wie auf welchen Netzwerken erreichen, sind wichtiger als der Kloutscore.

Jetzt mal ehrlich: Sich mit anderen auf Social Media zu vergleichen, interessiert doch nur Kommunikations- und Marketingmenschen.

Sicher ist Social Media in solchen Jobs besonders wichtig. Aber es kommen immer mehr Berufe dazu: Denken Sie zum Beispiel an Restaurants oder Handwerker. Sie können auf Twitter neue Kunden ansprechen und so auf sich aufmerksam machen.

Wie weiss man, wie hoch der eigene Score ist?

Indem Sie sich gratis bei Klout.com einloggen. Im Schnitt liegt der Wert bei 40. Ein Score über 50 ist schon sehr gut.

Woraus setzt sich der Kloutscore zusammen?

Aus den Inhalten, die Nutzer in 14 sozialen Netzwerken veröffentlichen. Qualitativ hochwertiger Inhalt, für den sich viele Menschen interessieren, führt automatisch zu einem höheren Score.

Was bedeutet Qualität?

Wenn Physiker einen Artikel zum Thema Physik retweeten, ist das eher ein Anzeichen für dessen Qualität, als wenn das meine Mutter tut. Das gleiche Prinzip gilt auch für Mode und andere Themen.

Das sagt aber immer noch nichts über die genaue Zusammensetzung des Scores aus.

Stimmt, die werde ich auch nicht verraten. Aber ich kann mir vorstellen, dass wir künftig transparenter werden und beispielsweise eine Dokumentation (engl. Whitepaper) veröffentlichen, welche die Struktur des Kloutscores erklärt.

Für Sie muss es sehr einfach sein, Ihren eigenen Score von derzeit 71 zu erhöhen. Sie wissen, wie der Algorithmus funktioniert!

(lacht) Nein, nicht wirklich. Also, ich weiss schon, wie der Algorithmus funktioniert, aber je höher der Kloutscore, desto schwieriger wird es, ihn weiter zu erhöhen. Am wichtigsten ist Kontinuität. Dranbleiben, immer wieder etwas veröffentlichen. Am besten täglich.

Verraten Sie uns wenigstens, ob alle 14 Netzwerke gleich stark gewichtet werden?

Es gibt einige Netzwerke, die wichtiger sind als andere. Aber Kernnetzwerke wie Facebook, Twitter oder Instagram gewichten wir gleich stark.

Vor drei Jahren änderten Sie den Algorithmus und der Score sackte bei vielen Nutzern zusammen ...

... das stimmt. Ich erhielt viele böse E-Mails, sogar Morddrohungen und ein paar Anrufe, da meine Telefonnummer öffentlich zu finden war. Der Kloutscore ist einigen Menschen wirklich wichtig. Verständlich, denn sie haben schliesslich auch viel Zeit dafür investiert. Daraus lernte ich ...

... dass die Telefonnummer besser nicht öffentlich ist.

Erstens das und zweitens, wie wir Änderungen am Algorithmus ausrollen und kommunizieren. Transparenz ist uns sehr wichtig. Laufende Veränderungen sind aber wichtig, da bei Social Media heute nicht mehr gilt, was vor sechs Monaten war.

Klout stuft auch Social-Media-Nutzer ein, die sich nicht aktiv registrieren. Ist das legitim?

Ja, aber nur, weil viele Beiträge sowieso für alle öffentlich einsehbar sind.

Bietet Klout mehr als nur Bewertungen für gute Social-Media-Leistungen?

Ja, ab Anfang 2015 führen wir in der Schweiz «Perks» ein. Das heisst, wir verschicken im Auftrag von Firmen kostenlose Testmuster an ausgewählte Nutzer.

Was ist die Idee dahinter?

Wir bringen Nutzer mit Firmen zusammen. So steigt die Chance, dass einflussreiche Menschen über neue Produkte bloggen, twittern oder facebooken.

Wozu verpflichten sich Nutzer, wenn sie an solchen Marketingprogrammen teilnehmen?

Sie verpflichten sich weder, dazu überhaupt einen Beitrag zu schreiben, noch, positiv zu berichten. Sie müssen einzig transparent machen, dass sie das Produkt von Klout erhalten haben.

Aber wer mitmacht, erhält sicher einen besseren Kloutscore.

Nein, der wird von Perks nicht beeinflusst.

Was muss eine Firma bezahlen, um eine Perk-Kampagne zu fahren?

Durchschnittlich kostet eine Kampagne 30'000 Dollar. Der Preis ist natürlich abhängig davon, wie viele Personen eine Firma ansprechen will. Letztes Jahr haben wir so etwas über 10 Millionen Dollar verdient.

Anfang Jahr haben Sie Ihre Firma verkauft. Warum?

Weil wir mit unserem neuen Besitzer Lithium gut zusammenpassen. In Gesprächen ist schnell klar geworden, wohin der Weg führt und wohin wir gemeinsam gehen wollen. Ausserdem kann ich mich in meiner neuen Position auf das Wichtigste fokussieren: unsere Kunden.

Und der schönste Nebeneffekt: Die Anzahl Millionen auf Ihrem Bankkonto ist bestimmt höher als ihr Kloutscore.

(lacht) Geld tut nicht weh. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Autor: Reto Vogt