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22. Dezember 2014

Klingelingeling

Chaos im Kinderzimmer
Das grosse Chaos im Kinderzimmer oder wenn die Freundin zu Besuch kommt... (Bild: Getty Images)

Es passiert immer nach dem Mittagessen. Sobald wir den letzten Bissen geschluckt und unsere Gabeln auf die Seite gelegt haben, schellt bei uns das Telefon. «Klingeling, klingeling.» Ich tue so, als hätte ich es nicht gehört. «Klingelinglingling.» Ida guckt mich fragend an. Ich schüttle den Kopf: «Och, ist sicher nur so ein Werbeanruf.» «Klingelinglinglinglinglinglin.» – Ich schwöre, unser Telefon wird lauter. Und dann knicke ich ein. So wie jedes verdammte Mal. (Denn es könnte ja auch die Lottogesellschaft sein: «Woohoooo, Sie haben zwei Millionen Franken gewonnen!»)

Gopfertami nomal! Warum lerne ich diese Nummer auf dem Display nicht ein für allemal auswendig? Es ist natürlich nicht die Lottogesellschaft. Es ist wieder sie. Sie ruft uns im Prinzip jeden Dienstag und jeden Freitag an. Immer um diese Zeit. Und jedes Mal flötet sie den gleichen Spruch ins Telefon. Ungefähr so: «Hallihallohallöchen, hier ist das Mami von der kleinen Sophiii-ie. Die kleine Sophiiiie möchte uuuuuunbedingt mit der lieben Ida abmachen.» Und dann schweigt sie. Das Sophiiiechen sagt auch nix, obwohl es sechs Jahre alt ist. Jetzt liegt der Ball in meinem Feld. Ich hasse ihn.

Denken Sie jetzt bitte nicht, ich hätte etwas dagegen, dass meine Töchter mit Gleichaltrigen abmachen. Im Gegenteil. Ich bin sehr für Spieldates. Das Problem mit dem Sophiiiiechen ist anders gelagert. Die Kindsmutter glaubt nämlich, Abmachen wäre gleichbedeutend mit Abgeben. Und zwar immer bei uns. Während der süsse Fratz Idas und Evas Kinderzimmer verwüstet, meine Ansagen ignoriert und irgendwann dann unsere Zvieriplatte leerschnabuliert, hat sie einen freien Nachmittag. Sie gibt das auch ganz offen zu. «Ich muss sowieso noch schnell ins Büro, zum Arzt, in die Migros. Du hast ja eh zwei Kinder, da kommt es auf meines nicht mehr an … und ausserdem ist es bei euch doch viel schöner als bei uns. Bei euch können die Kinder raus, ohne überfahren zu werden, ihr habt so viel Natur und überhaupt.»

Während sie am Telefon so vor sich hinblubbert, breche ich einen Bleistift in der Mitte durch. Knack! Sie merkt, dass irgendetwas nicht gut ist. Schlau ist sie ja, das muss ich ihr lassen. «Und, hey, die Kinder können dann ja gern mal bei uns spielen, wenn es regnet.» – Ja, genau, wenn die Passatwinde den Monsunregen endlich mal Richtung Schweiz wehen, dann darf Ida zum Sophiiiechen heim. Super, wir freuen uns.

Während ich den Bleistift mit den Zähnen bearbeite, springt Ida neben mir auf und ab. «Jaaaa! Das Sophiiiiechen! Super!»
In dem Moment weiss ich, dass ich mal wieder verloren habe. Der kleine Satansbraten ist natürlich willkommen. Dann lege ich auf. Sekunden später klingelt das Telefon erneut. «Was?», schnauze ich den Anrufer an. Meine Freundin ist am Apparat. «Du, ich wollte dich nur vorwarnen, Sophies Mutter sucht mal wieder einen Babysitter … ich bin nicht rangegangen. Bleib du auch vom Telefon weg …»

Autor: Bettina Leinenbach