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24. Oktober 2011

Kleine Wesen gross in Szene gesetzt

Martin Oeggerli vergrössert mit einem Mikroskop Pflanzen und Lebewesen bis zu 100'000 Mal. Es entstehen kunstvolle wissenschaftliche Bilder. Und die begeistern nicht nur Biologen. Der Basler räumte bei den diesjährigen «International Photography Awards», den Oscars der Fotografen, in New York ab.

Das Ei eines tropischen Tagfalters
Das Ei eines tropischen Tagfalters aus Brasilien: Es wurde auf das Haftorgan einer Passionsranke gelegt, die im Regenwald an Baumriesen hochklettert. Die Abbildungsgrösse entspricht einem Vergrösserungsfaktor von 55.

Als Martin Oeggerli (37) für seine Biologie-Diplomarbeit die Haare von Fledermäusen untersuchte, begegnete er erstmals einem Rasterelektronenmikroskop (REM). Sofort war er fasziniert vom 750'000 Franken teuren Gerät. «In 100'000-facher Vergrösserung sehen die Fledermaushaare wie ineinandergereihte Glacecornets aus.»

Ein Fledermaushaar sieht aus wie Glacecornets.

Parasitische Milbe im Massstab
Parasitische Milbe im Massstab 265:1 (rechts): Dank kleiner Zangen und Saugnäpfe lebte sie auf einem philippinischen Mauersegler. Forscher der kanadischen University of Alberta haben die Milbe seit 1976 in einem Kühlfach präpariert. Martin Oeggerlis Werk entstand während eines Monats im Atelier in Muttenz (links). Allein die Koloration dauerte eine Woche.

Mit dem Wundermikroskop, das in der Hochschule für Life Sciences in Muttenz BL steht, geht der Basler immer wieder auf virtuelle Reisen. Er fotografiert Pflanzen und Insekten in einer Vergrösserung, wie sie die Welt noch nie gesehen hat. Plötzlich dehnt sich beispielsweise ein Floh in einer beeindruckenden Tiefenschärfe ganze zwölf Zentimeter breit aus. «Bei meiner Arbeit fühle ich mich wie ein Astronaut in einem unbekannten Universum. Ich sehe Dinge, die ich mir nicht einmal erträumt habe», sagt Martin Oeggerli, der sich Micronaut nennt. Daneben arbeitet er noch in einem 20-Prozent-Pensum in der Abteilung für Krebsforschung an der Uni Basel.

Für die Fotografie werden die Lebewesen mit Gold beschichtet

In einem Bild stecken bis zu 100 Stunden Arbeit, denn das REM funktioniert nicht wie eine normale Fotokamera mit Licht. Zuerst muss Oeggerli sein Präparat trocknen und mit einer Mischung aus Gold und Palladium beschichten, was für die bestmögliche Qualität der Bilder sorgt. Das REM tastet dann mit einem Elektronenstrahl die Oberfläche der aufgedampften Edelmetallmischung Punkt für Punkt ab und rastert diese zu einem gestochen scharfen Abbild zusammen. «Farben oder Schattierungen gibt es nicht.

Bläuling
Beim Ei dieses Himmelblauen Bläulings fällt das Belüftungssystem in Form eines sternförmigen Mosaiks auf. Die vom Aussterben bedrohte Schmetterlingsart legt ihre Eier auf die Unterseite von Kleeblättern ab. Die länglichen braunen Teile sind die Drüsenhaare des Klees. Massstab 130:1.

Die Topografie der Gegenstände zeigt sich in den Helligkeitsunterschieden. Die Aufnahme, die so entsteht, ähnelt einem Schwarz-Weiss-Bild»,erklärt Martin Oeggerli. Danach koloriert der 37-Jährige die Schwarz-Weiss-Fotos mit einer Software. Es sei ihm wichtig, dass die Bilder ästhetisch aussehen und die Farben die Formenvielfalt betonen, sagt der Wissenschaftsfotograf, der möglichst oft die biologisch zutreffende Farbe auswählt.

Mit Erfolg: Das renommierte amerikanische Magazin «National Geographic » publizierte seine Bilder schon mehrfach. Und für seine Arbeit über Milben und Insekteneier erhielt er bei den «International Photography Awards» (IPA) in New York den Titel «Fotograf des Jahres». In der Kategorie Micro belegte er den ersten und zweiten Platz. Die IPA gelten als Oscars der Fotografie.

«Ich bin selbst überrascht, dass es so gut gelungen ist», sagt Martin Oeggerli. Ihm gehe es darum, mit seiner Arbeit den Lesern faszinierende Details sichtbar zu machen und damit zu zeigen, wie vielfältig das Leben in unserer Welt sei — nur schon der Mikrokosmos im eigenen Garten. In den letzten Jahren hat er von dieser bis anhin unbekannten Welt rund 300 Bilder angefertigt. Dieses Jahr waren es bisher 17 Exemplare.

Der Biologe versteht seine Werke als eine Mischung aus Kunst, Wissenschaft und Fotografie, die Pharmariesen und andere Firmen als Augenöffner in der Werbung einsetzen — bei kommerziellen Anlässen und in Geschäftsberichten. Letzte Woche flog Martin Oeggerli nun nach New York ab, um die Auszeichnungen persönlich entgegenzunehmen.

Das Buch«science + art» von Martin Oeggerli kann über seine Website Micronaut.ch bestellt werden (59.95 Dollar).

«Micronaut» heisst auch eine App für das iPhone (1 Franken).

Autor: Reto Wild

Fotograf: Martin Oeggerli