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22. April 2013

Kleine und grosse Buben

«Ihr seid doch so Piratenfans und habt mir bestimmt jede Menge Bücher, CDs, Värsli und Lieder», schreibt meine Schwester. Sie ist Kindergärtnerin und will mit ihren Kleinen nach den Frühjahrsferien das Thema Piraten behandeln. Aber ja doch, Hans hatte wie jeder Junge neben der Saurier- und der Ritter- auch seine Piratenphase. Und was für eine. Wir sammelten Totenkopfbanner, bastelten Augenbinden, bauten im Garten ein sechs Meter langes Piratenschiff, das gefühlt ein hochseetauglicher Windjammer war. Jedenfalls bot es den Kindern des halben Quartiers Platz. Aye, aye, Käpt'n, wir waren Piratenfans! Was heisst Fans? Echte Piraten waren wir! (Den Vater erwischts in solchen Fällen ja jeweils grad mit.)

«Was heisst Fans? Piraten waren wir!»
«Was heisst Fans? Piraten waren wir!»

Aber, jesses, Schwesterherz! Das alles ist die Eeewigkeit von drei, vier Jahren her. Dann kam Harry Potter, dann eine ganze Anzahl weiterer Fantasyromane, es folgten die «Gregs Tagebuch»- und die «Top Secret»-Phase, wobei diese Bücher noch in Hans' Zimmer stehen, zwölf Bände stark die eine, elf Bände die andere Serie. Und dafür musste im Regal Platz geschaffen werden. Ausserdem finden grosse Jungs so Bubizeugs wie Piratenbücher ja irgendwann mal uncool …
Erraten: Unsere Piraterie lagert im tiefen Kellerverlies. Und wenn ich «tief» sage, meine ich es. Nein, ich habe ihn noch nicht entrümpelt, den verfluchten Keller. Das ist Punkt 23 auf meiner «To do»-Liste. Kommt noch. Aber meine Schwester brauchte das Piratenzeugs sofort. Ich also runter in den Keller; gesucht, geflucht, volle Kartonschachteln gehievt, Stapel umgestapelt, mich zwischen Fondue-Set und Bohrmaschine durchgezwängt und dabei eine Kiste mit Weihnachtsbaumkugeln zu Boden geschubst. Klirr! Ach, ich erspare Ihnen die Details. Aber nach drei Stunden waren die Piratenbücher gefunden, die Fahnen und Schaumstoffsäbel dazu.

«Was heisst Fans? Piraten waren wir!»

Was lernen wir daraus? Wie verdammt schnell die Zeit vergeht — die Zeit mit den Kindern. «Herr Bänz Friedli!», schrieb mir dieser Tage eine Martha aus Schmitten, und ich war ob ihren Zeilen so gerührt, dass ich sie Ihnen zeigen möchte: «Jede Woche lese ich Ihren Beitrag mit Genuss. Nur schade, ist das bei uns alles Vergangenheit. Ich versichere Ihnen mit Garantie, eines Tages werden Sie das herrliche Durcheinander, das gelebte Leben vermissen!» Sie hätte, schrieb Martha, ihre Enkel leider nur allzu selten zu Besuch, und die Wohnung wirke steril, wenn kein Fernseher, kein Spiegel, rein gar nichts vertapt sei. Martha schloss mit der Frage: «Warum geht die Kinder-Familien-Zeit nur so schnell vorbei?»
Just gleichentags berichtete Schreinermeisterin Yvonne mir von ihrem turbulenten Alltag als junge Mutter: «Ich schreinere als Hausfrau und haushalte als Schreinerin, beides Teilzeit.» Und das Familienmanagement sei ganz schön anstrengend. «Jetzt gerade warten ein paar stinkende Windeln darauf, gewechselt zu werden, es wird nach Müesli und Milch geschrien, bald gehts auf ins Kindersingen.» Und ich ertappe mich dabei, wie ich Yvonne mit den Worten tröste, die mich früher nervten, wenn Kollege Hürzi sie aussprach: «Geniess den Stress! Er geht vorbei. Leider.»

Hans' Star-Wars-Phase? Die dauert an. Und weil ich einen 48-jährigen Buben kenne — sehr gut kenne … —, dessen Elvis-Phase kein Ende nimmt, schliesse ich nicht aus, dass unser Sohn noch in 40 Jahren Jedi-Figürchen sammelt.

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli