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24. Dezember 2012

Kleine Könige und kleine Königinnen

Kennen Sie das: Konfi statt Nutella, Ramba Zamba statt Mittagspause? Trotz aller Erziehungsvorsätze tanzen Ihnen die «kleinen Könige » auf der Nase herum. Willkommen im Club! Und keine Sorge, das ist total normal.

Bischmiseinundalles  (Bild luegemol)
Bild © luegemol-Karte

Die Mutter schleppt das volle Tablett zu dem kleinen, roten Tisch. Dort sitzt der Sohnemann und rührt keinen Finger. Sie packt die Pommes frites aus und leert sie auf eine Serviette, sie öffnet das Säckchen mit den Nuggets und legt jedes einzeln vor ihn, wie bei einer Polonaise. Dann steckt sie noch das Röhrli in das Orangensaftpäckchen. Es kann losgehen: Dinner is Served, Your Majesty! Das Bürschlein, ungefähr sechs Jahre alt, hebt eine Augenbraue, schüttelt den Kopf und sagt frech: «Wo isch min Hamburger?» Dann setzt es sich eine dieser gelben Pappkronen auf, die es in dem Laden für alle jungen Gäste gibt. Willkommen im Reich des kleinen Königs.

Raten Sie mal, wie die Geschichte weitergeht! Hier die zwei Varianten:

a) Die Mutter tippt sich an die Stirn und beginnt, den Inhalt der Kinder-King-Box selbst aufzuessen.

b) Die Mutter steht auf, macht eine tiefe Verbeugung und eilt zurück zur Theke, um einen Hamburger zu ordern.

Obwohl dies eine wahre Geschichte ist, war ich im beschriebenen Fall nur ein Zaungast. Ehrlich. Aber ich müsste lügen, wenn ich jetzt so täte, als wären mir derartige Schauspiele fremd. Ich fühle mich gelegentlich auch wie Queen Mum herself. Ich schmiere Nutella, obwohl vorher Honig geordert worden war, ich ziehe Strumpfhosen wieder aus, weil dooferweise ein Hello-Kitty-Bildli darauf gefehlt hat, ich hebe Fernsehverbote auf, obwohl ich ahne, dass das mein gesamtes Erziehungskonzept untergräbt. Warum bin ich trotzdem eine Königinnenmutter, die in vielen Situationen nach der Pfeife der lieben Kleinen tanzt? Die Wahrheit: Weil es einfacher ist. Weniger Zeitverlust, weniger Diskussionen, weniger Gebrüll, weniger strafende Blicke in der Öffentlichkeit. Irgendwie hat es auch ein bisschen was mit Liebe zu tun. Meine Kinder sind nämlich wirklich mein Ein und Alles.

Mit ein wenig Abstand müssen wir uns aber schon die Frage stellen, ob wir den Miniköniginnen und -königen damit einen Gefallen tut. Denn die Sache ist die: Irgendwann werden die Kleinen gross. Aus einem anspruchsvollen Krönchenträger wird vielleicht ein Diktator, aus der nervigen Prinzessin eventuell eine Tyrannin. Und da die Leibeigenschaft hierzulande abgeschafft wurde, könnte das über kurz oder lang ins Auge gehen. Und wir wollen doch nicht, dass unseren Kindern dereinst die Gefolgschaft davonläuft, oder?
Buchtipp: Isabella hat keine Lust mehr darauf, von vorne bis hinten bedient zu werden. Und die Krone, die sie immer tragen muss, die findet sie auch total blöd. Zeit, etwas zu ändern ...
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Autor: Bettina Leinenbach