Archiv
03. Januar 2017

Eine kleine Geste für ehemalige Verdingkinder

Bald ist es offiziell: Ehemalige Verdingkinder können beim Bund ein Gesuch einreichen, um für erlittenes Unrecht entschädigt zu werden. Historiker gehen von 20 000 Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen aus.

Verdingkinder leisten 1954 Feldarbeit in der Armenerziehungsanstalt Dorneren.
Billige Arbeitskräfte: Verdingkinder leisten 1954 Feldarbeit in der Armenerziehungsanstalt Dorneren bei Wattenwil BE. (Bilder: Walter Studer/Keystone)

Eins der dunkelsten Kapitel der Schweizer Geschichte erfährt eine erfreuliche Wendung: Bis 1981 wurden Kinder und Jugendliche als billige Arbeitskräfte missbraucht, in Heime oder ins Gefängnis gesteckt; Männer und Frauen wurden in Strafanstalten «versorgt», zwangssterilisiert oder gezwungen, ihre Kinder zur Adoption freizugeben.

Die Opfer solcher «fürsorgerischer Zwangsmassnahmen» sollen ab April 2017 entschädigt werden. Ein neues Bundesgesetz sieht eine wissenschaftliche Aufarbeitung und einen Solidaritätsbeitrag von 300 Millionen Franken vor. Dieser indirekte Gegenvorschlag zur «Wiedergutmachungsinitiative» soll den Opfern rasch helfen. Diese können bis am 31. März 2018 beim Bundesamt für Justiz ein ­Gesuch einreichen.

Historiker gehen von insgesamt 20 000 Opfern aus. Erst im April 2013 entschuldigte sich der Bundesrat für das grosse Leid, das den Opfern angetan worden ist. Der Unternehmer Guido Fluri, der seine Kindheit im Heim, bei Pflegefamilien und seinen Grosseltern verbracht hatte, lancierte ein Jahr später die «Wiedergutmachungsinitiative». Aus einem Fonds von 500 Millionen Franken sollten die Opfer eine Wiedergutmachung erhalten. Nach dem Beschluss des neuen Bundesgesetzes zog das Komitee die Initiative zurück.

Am 26. Januar läuft die Referendumsfrist ab. Somit steht der Wiedergutmachung nichts mehr im Weg.

VerdingkinderFotoausstellung mit Porträts, Käfigturm Bern, bis 17.3.2017

Guido Fluri (50)
Guido Fluri (50), Unternehmer, «Vater» der Wiedergutmachungsinitiative und Mitglied der «Parlamentarischen Gruppe Fürsorgerische Zwangsmassnahmen»

«Ich wollte lieber ein neues Gesetz statt einen Scherbenhaufen»

Am 1. April 2017 tritt das Bundesgesetz zu den fürsorgerischen Zwangsmassnahmen in Kraft. Welche Gefühle kommen bei Ihnen auf?
Eine gewisse Erlösung. Endlich erhalten die Opfer die nötige Anerkennung. Als «Vater» der Wiedergutmachungsinitiative ist es mir in erster Linie um diese Wahrnehmung in der Gesellschaft gegangen. Viele unter 30-Jährige wissen beispielsweise nicht, dass es in der Schweiz noch bis Anfang 1980 Zwangssterilisationen gab oder Menschen ohne Gerichtsurteil weggesperrt wurden. Und in den Geschichtsbüchern wird darüber keine Zeile geschrieben.

Seit Anfang Dezember 2016 können sich die Opfer melden. Sie sprachen einst davon, dass die Schweiz 500 Millionen Franken zahlen soll. Mit welchen Beträgen ist zu rechnen?
Der Bundesrat hat den Betrag im Gegenvorschlag auf 300 Millionen Franken reduziert, weil er mit 12 000 bis 15 000 Menschen rechnet, die sich melden. Maximal gibt es 25 000 Franken pro Person.

Wenn sich 20 000 Opfer melden, gibt es pro Person noch 15 000 Franken, was kaum die Therapiekosten abdeckt. In Irland und Norwegen sind die Entschädigungen für ähnliche Fälle um ein Vielfaches höher.
Ich verstehe die Kritik, die sich hinter dieser Frage verbirgt. Aber wir Initianten wollten lieber ein neues, breit abgestütztes Gesetz statt einen Scherbenhaufen. Hätten wir die Volksinitiative durchgezogen, hätte das nochmals fünf Jahre gedauert. Viele Opfer sind aber alt und gebrechlich und brauchen jetzt einen Solidaritätsbeitrag. Spätestens 2018 werden die ersten Zahlungen fliessen. Und nochmals: Es geht nicht nur ums Geld, sondern um die gesellschaftliche Anerkennung des Unrechts. Selbst mit einem Betrag von 100 000 Franken können Sie ein durch fürsorgerische Zwangsmassnahmen verpfuschtes Leben nicht mehr gutmachen.

Wie stark ist Ihr Vertrauen in den Schweizer Rechtsstaat auch heute noch erschüttert?
Ich bin stolz, Schweizer zu sein. Das neue Gesetz zeigt, dass das politische System und die direkte Demokratie funktionieren. Ich führte unzählige Gespräche mit Parlamentariern und musste den Politikern aufzeigen, wie die Menschen gelitten hatten. Gerade von Mitgliedern liberaler Parteien wurde ich anfangs konsequent abgeblockt. Und ich frage mich, was liberal daran ist, wenn Menschen ohne Gerichtsurteil einfach weggesperrt werden. Aufgrund meiner persönlichen Lebensgeschichte habe ich zwar Vertrauen, aber auch eine gewisse Distanz gegenüber dem Staat und seinen Institutionen.

Sie sind selbst in Heimen aufgewachsen. Wie stark belastet Sie das heute noch?
Dank meiner Projekte konnte ich das gut verarbeiten. Ich habe die Guido-Fluri-Stiftung gegründet für Menschen mit ähnlichem Schicksal. Als Heimkind litt ich darunter, dass meine Mutter an Schizophrenie erkrankte, ich viele Jahre später an einem Hirntumor. Und so kümmert sich die Stiftung mit dem Aufbau einer Klinik um seltene Tumore sowie um Schizophrenie. Mein neustes Projekt startet am 1. Februar in ­Zürich: Dort werden wir eine Anlaufstelle für Personen eröffnen, die ­wegen einer Massnahme des Kindes- und Erwachsenenschutzes nicht mehr weiterwissen und eine neutrale Beratung suchen. Ich denke etwa an verzweifelte Mütter. Wichtig: Wir wollen die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden damit stärken und nicht schwächen.

Und Ihr Engagement für die Opfer der Zwangsmassnahmen ist mit dem neuen Gesetz beendet?
Nein. Ich bin voraussichtlich im Gremium, das sich um die Auszahlungen an die Opfer kümmert. So werde ich weiterhin an vorderster Front dabei sein. Das ist mir sehr wichtig.

Guido Fluri (50), Unternehmer, «Vater» der Wiedergutmachungsinitiative und Mitglied der «Parlamentarischen Gruppe Fürsorgerische Zwangsmassnahmen»