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01. Juni 2017

Kleine Ausländerinnen

kein roter Pass
Wie gehen Kinder damit um, hier aufgewachsen zu sein, aber noch immer keinen roten Pass zu haben? (Bild: Keystone)

Wenn Sie meine Kolumne die letzten viereinhalb Jahre gelesen haben, dann wissen Sie eigentlich alles über mich. Erinnern Sie sich, wie ich schrieb, ich sei eine miese Köchin? Oder dass ich viel zu gerne fluche? Sag ich doch.
Nun kommt ein Detail, das für viele von Ihnen neu sein dürfte: Auf dem Umschlag meines Reisepasses ist kein weisses Kreuz auf rotem Grund abgebildet. Nein, dort steht «Bundesrepublik Deutschland».

Als ich vor über 12 Jahren in die Schweiz kam, spielte das kaum eine Rolle. Es dauerte nicht lange, und mein ohnehin schon süddeutscher Dialekt begann sich mit dem Schweizerdeutschen zu vermischen. Klar, es passiert mir noch heute, dass fremde Eidgenossen reflexartig in die Schriftsprache wechseln, wenn sie mit mir reden. Aber meistens entspannen sich alle wieder, sobald klar wird, dass ich «im Fall» alles verstehe und mein Auto auch lieber parkiere, als es zu parken.
Meine direkte Art hat sich zwar nicht ganz verloren, aber man sagt mir, ich sei viel weniger forsch und fordernd als auch schon. Wenn mich also jemand fragt, ob ich mich eher deutsch oder eher schweizerisch fühle, ist die Antwort klar: Die Sekundärsozialisation in der neuen Heimat ist geglückt.

Aus staatsrechtlicher Sicht betrachtet, bin ich aber nach wie vor eine «Düütsche». Das lässt sich im Alltag relativ gut ausblenden. Meinen Töchtern gelingt das jedoch weniger gut. Die beiden verstehen einfach nicht, wieso sie keine Schwiizer Meitli sein sollen. Ist ja auch kaum nachvollziehbar. Die beiden sind im Kanton Zürich geboren, haben hier ihre ersten Schritte gemacht, das erste Breili gelöffelt, singen zu den Liedern von Andrew Bond und lieben die Seehundglace aus der Migros.

Wenn die Mädchen ohne uns Erwachsenen unterwegs sind, kommt kein Mensch auf die Idee, dass Ida und Eva keine echten Schweizerinnen sein könnten. Vor allem die Kleine hat eine Zürischnure, die manchen Eingeborenen vor Neid erblassen lässt. Einmal gab es bei uns zu Hause sogar Tränen, da Ida nicht verstehen konnte, wieso sie eine Ausländerin sein soll. Die Schweiz ist die einzige Heimat, die sie kennt. Nicht dazuzugehören ist immer doof. Wenn der Grund wie in unserem Fall aber eher abstrakt ist, ist es für so kleine Knöpfe noch unverständlicher.

Damit ist nun Schluss. Wir werden demnächst gemeinsam einen Antrag auf Einbürgerung stellen. Erst dachte ich, es ginge dabei vor allem darum, Klarheit für die Kinder zu schaffen. Je länger ich aber darüber sinniere, desto bewusster wird mir, dass wir Eltern das auch für uns machen. Die Sache ist simpel: Wenn man in ein fremdes Land auswandert, dort viele Jahre lebt, einen Freundeskreis aufbaut, Kinder zur Welt bringt, einen Garten bepflanzt und Nistkästen aufhängt (die dann auch noch rege genutzt werden) – dann ist man angekommen.

Ich würde jetzt gerne noch prahlen, wie gut ich mittlerweile Züritütsch kann (auch fluchen), aber das wäre dann der Moment, in dem meine Kinder schreiend in Deckung gehen würden. «Mami, hör uf, so zschwätze», würde Eva ausrufen. Und Ida würde mit den Augen rollen und eiskalt sagen: «Das tut mer i de Ohre weh.»
Jä nu, me cha nöd alles haa ...

Autor: Bettina Leinenbach