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16. Juli 2012

Klein London an der See

Brighton ist die kleine, coole Schwester der swingenden britischen Hauptstadt. Ein Besuch an der Küste Südenglands.

Hartgesottene schwimmen im kalten Ärmelkanal
Die Hartgesottenen schwimmen im kalten Ärmelkanal.

Alle Tipps zur Brighton-Reise: Von Sehenswürdigkeiten wie dem Royal Pavilion, dekadentes Georg IV-Erbe, über Events und Restaurants bis hin zum Hotel oder Flug.

Edelshopping in den Lanes
Edelshopping in den Lanes ...

Wahrscheinlich hat es am Salat etwas viel Knoblauch. Eventuell klemmt die Toilettenspülung, und garantiert zeigen die imposanten Gebäude auf der Rückseite ihr abgetakeltes Gesicht. Willkommen im Königreich. Auf der Insel funktioniert eben alles ein bisschen anders — oder gar nicht. Never mind, macht nichts. Engländer, Meister im Understatement, ertragen Alltagsunbill stoisch und konzentrieren sich auf das Angenehme. Davon hat Brighton reichlich. Es ist ein Shopping- und Partyparadies, hat die grösste Restaurantdichte Britanniens und eine innovative Musikszene, in der Fatboy Slim Nationalheldstatus hat. Gerne verbringen Londoner ihre Wochenenden in Brighton, wo alles ein bisschen unverkrampfter und günstiger ist. Es ist ja nur eine Stunde per Auto oder Zug entfernt. Das Beste: Alles ist kompakt auf kleinem Raum und locker zu Fuss erreichbar. Hurrah — wie der Brite zu sagen pflegt.

Süss, trendig und unverkrampft – Brighton ist eine Versuchung

Ein Ferienfoto mit der königlichen Familie
... und ein Ferienfoto mit der königlichen Familie (aus Pappe) am Pier.

Keine 20 Minuten dauert es in zügigem Schritttempo vom Trendquartier Kemptown im Osten quer durchs Zentrum bis zum Einkaufsparadies mit den grossen Ketten beim Clock Tower im Westen. Im Prinzip. Bloss schafft das niemand. Zu gross sind unterwegs die Verlockungen, stehen zu bleiben. Das fängt schon bei Metrodeco & Mdtea an der Upper St. James's Street an. Die Kombination von französischem Tea Salon und Art-déco-Einrichtungsgeschäft entzückt. Erstens mit göttlichen Cakes im Schaufenster und zweitens wegen der Einrichtung. Jedes Möbelstück ist käuflich. Also hinsetzen und Cream Tea ordern. Das ist Schwarztee und ein Gebäck namens Scones, das aufgeschnitten und dick mit Clotted Cream (Streichrahm) und Erdbeerkonfitüre bestrichen wird. Weiter Richtung Westen liegen die berühmten Lanes, verwinkelte, enge Gassen mit viktorianischen Häusern. Hier gibts internationale Designerläden, unzählige Juweliere, Strassenkünstler und Cafés mit putzigen Terrassen. Posh Chic — piekfein, aber etwas banal — sei dort alles, schnöden Einheimische wie Kerry Turner, der mit seinem Partner in Kemptown das Designhotel Blanch House führt.

Art-déco-Einrichtung und Cream Tea locken ins Metrodeco & Mdtea
Art-déco-Einrichtung und Cream Tea locken ins Metrodeco & Mdtea.

Turner empfiehlt Real Chic, echte Klasse und Authentiziät, im Quartier North Laine in der Nähe des Bahnhofs. In den schnurgeraden Gassen verkaufen lokale Designer und Produzenten Mode, Möbel und Alltagsgegenstände zu moderaten Preisen — in trauter Nachbarschaft mit Hippieshops, Tarot-Studios und Buchläden. Dazwischen bearbeiten Strassenmasseure verspannte Rücken, und Restaurants reihen sich ohne Ende aneinander. Vegi oder Fleisch, Suppe, Salat oder Pizza. Es gibt alles, alles ist günstig und schmeckt. Die englische Küche wird ihrem lausigen Ruf mittlerweile ohnehin nur noch selten gerecht. Schon gar nicht in exotischen Lokalen, wie dem Swisstorante gleich unterhalb des Bahnhofs. Hier wirten seit einem Jahr Simon Belser (38) aus dem Baselbiet und Jasmine Rohrer (33) aus Gossau SG. Das Restaurant ist nicht viel grösser als ein Imbiss und serviert Raclette, Fondue, Glace und — als einziges Lokal in Britannien — Rivella.

Simon Belser serviert im Swisstorante Swissness pur
Simon Belser serviert im Swisstorante Swissness pur.

«Bei uns kehren viele Heimwehschweizer ein», sagt Simon Belser. «Aber auch Asiaten, die mal Schweizer Küche probieren möchten. Die Engländer essen den Käse besonders gern in einem Eingeklemmten.» Der ehemalige Büroangestellte war schon immer Englandfan, und als Freundin Jasmin im letzten Frühling bei einem Sprachaufenthalt das zur Miete ausgeschriebene Lokal entdeckte, wagten beide den Sprung über den Kanal. «Seit der Personenfreizügigkeit ist das kein Problem mehr, und der Papierkram hielt sich in Grenzen.» In Brighton haben sie sich gut eingelebt: «Die Leute sind freundlich und fair — und ein bisschen exzentrisch. Aber das fällt einem schnell nicht mehr auf. Hier kann man sich geben, wie man ist. Auch ganz normal sein ist okay.» Brighton trage den Beinamen «Little London by the Sea», erzählt Simon. Und auch, dass hier so viel los ist, dass er oft froh sei, sich in die ruhigere Schwestergemeinde Hove zurückziehen zu können, wo das Paar wohnt. In Hove kommt selten Hektik auf, höchstens ein dezentes Vibrieren vier Mal im Jahr, wenn im Stadthaus die Art Deco Fair stattfindet. Es ist die grösste Messe für Möbel, Schmuck, Kleider und Gebrauchsgegenstände aus der Zeit von 1920 bis 1940 im ganzen Königreich. Auf den ersten Blick ist sie unspektakulär: ein karger Raum, ein Schanktisch mit Kaffee aus Thermoskannen und selbst gebackenem Kuchen. Auch das Angebot scheint überschaubar — bis das Auge auf einer Kaffeekanne hängen bleibt, auf einer Puderdose oder einem Sortiment Lippenstifte von 1920, originalverpackt zum Schnäppchenpreis von sechs Franken inklusive des leichten Hauchs eines Parfüms vergangener Dekaden. In diesem Moment ist es angebracht, die Kreditkarte zu zerschneiden, sonst wirds teuer. An der Grenze zwischen Hove und Brighton, direkt am Meer, steht übrigens das berühmteste Art-déco-Gebäude der Insel, der Embassy Court. Er wurde 2005 renoviert und kann besichtigt werden.

Wind, Meer, Fish and Chips und rosarote Haare

Das Riesenrad am Strand ermöglicht einzigartigen Weitblick
Brighton hat alles, was London auch hat - nur schöner: Das Riesenrad am Strand ermöglicht einzigartigen Weitblick.

Das Meer und der kilometerlange Kiesstrand gehören zu den Pluspunkten Brightons. Zwar ist das Wasser kühl und das Wetter oft so windig, dass keine Frisur hält, egal, mit welchem Haarspray. Aber alles ist hier ein bisschen besser, auch das Wetter. Oft regnet es an der Themse, während der Himmel am Ärmelkanal wolkenlos ist. Wenn die Sonne den Strand aufgeheizt hat und langsam untergeht, setzt man sich mit dem Nationalgericht Fish and Chips und einem Bier an die Beach und geniesst die Sicht auf den Pier. Wie Pommes zum Fisch gehört Dekadenz zu Brighton. Seinen Ruf verdankt es dem Prinzregenten George, der sich hier 1786 wegen der gesunden Meerluft einen Gutshof kaufte. Ihm folgte ein Tross aus adeligen Spielern, vornehmen Trinkern und Damen der nicht ganz so guten Gesellschaft. Das Lustschloss, das sich der spätere König George IV. an der Stelle des Gutshofs erbaute, spottet jeder Beschreibung: Der Royal Pavilion ist die berühmteste Touristenattraktion Brightons.

Trotzdem lohne sich ein Besuch, was eines der bestgehüteten Geheimnisse Brightons sei, wie Einheimische süffisant behaupten. Der Taj-Mahal-Verschnitt mit pseudochinesischer Innenausstattung ist tatsächlich «absolutely fabulous». Allein der Kronleuchter und die Grossküche rechtfertigen den Eintritt. Des Königs Nachfolgerin war die prüde Queen Victoria. Ma’am war ob der Frivolitäten entsetzt und verkaufte den Palast der Stadt, nicht ohne vorher Möbel, Gemälde und Tapeten nach London zu karren. Heute ist die Originaleinrichtung wieder im Palast.

Ob als modisches oder gesellschaftspolitisches Statement gemeint — auffällig ist: In Brighton trägt jeder dritte Mensch unter 60 irgendetwas in Rosa. Sei es Hemd, Hose, Socken oder die Haare. Brighton gilt als Schwulenparadies. Mit Augenzwinkern frönt vor allem der Stadtteil Kemptown dem Klischee. Die Restaurant- und Clubdichte ist noch etwas höher und die Passanten ein wenig unkonventioneller. Während sich die anderen Stadtteile nach Ladenschluss von Menschen leeren, bleibt es entlang der St. James Street angenehm belebt. Hier wird gern gefeiert, und vielleicht darum hält sich sogar der Knoblauch im Salat in Grenzen. Hurrah.

Autor: Ruth Brüderlin