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04. Februar 2013

Klein, fein und ganz sicher gondelfrei

Sonnenschein, die Schule ist aus, und die Kinder nörgeln? Da gibts nur eins: Ab auf die Skipiste. Die liegt gleich vor der Haustür. Denn es gibt sie noch, die familienfreundlichen, kleinen Skilifte im Unterland.

Skilift der Gemeinde Wildberg im 
Zürcher Tösstal
Wildberg ZH: Der Skilift der Gemeinde Wildberg im 
Zürcher Tösstal wurde diesen Winter neu eröffnet. Garagist Urs Christinger ist 
die treibende Kraft hinter dem Projekt.

Ihr Lieblingslift im Mittelland
Auch für Sie müssen es nicht immer Skiferien in grösseren Touristenorten sein? Mindestens so sehr schätzen Sie einen Skilift in der Nähe, der kindgerechte Pisten bietet und günstige Tarife.
Verraten Sie uns unter dem Artikel mit einem Kommentar Ihren Lieblings-Skiort im Mittelland. Vielen Dank!


Der Schnee kam früh und fiel auch im Mittelland in ergiebigen Mengen. Im beschaulichen Aargauer Dörfchen Asp, das eingebettet zwischen Aarau und Frick am Fuss des 621 Meter hohen Staffeleggpasses liegt, ist die Ankunft der weissen Pracht jedes Jahr der Startschuss zur Skisaison. Dann stehen René Arnet (50) und Hans Schneider (54) mittwochs, samstags und sonntags ab 13.15 Uhr am Skilift oberhalb der Dorfstrasse und helfen beim Einfädeln. 285 Meter lang ist ihr «Borer Super Star». Jeder der 46 Bügel trägt einen Namen: Alexandra heisst einer, dahinter folgt Silja, Tinu und ein Malergeschäft in Aarau. Für 150 Franken Sponsorbeitrag gabs ein Messingschildchen und die schöne Gewissheit, etwas Gutes für die Allgemeinheit zu tun.

Es gibt sie noch, die familienfreundlichen, kleinen Skilifte im Unterland.
Es gibt sie noch, die familienfreundlichen, kleinen Skilifte im Unterland.

Das Schweizer Unterland ist erstaunlich dicht mit Skiliften bestückt. Sie liegen teils auf unter 600 Metern und funktionieren nach dem Prinzip Hoffnung: Frau Holle möge es schneielen und beielen lassen. Tatsächlich bringen es die Unterländer Skistationen fast jedes Jahr auf ein paar Betriebstage. Gerüstet ist man allenthalben. Sogar im urbansten Flecken der Schweiz, in der Millionenagglomeration Zürich, steht ein Skilift. Seit 1972 betreibt die Stadt Dietikon vor den Toren Zürichs einen Lift mit 40 Bügeln für die 180 Meter lange Skipiste.

Zwar sind die Wintersportorte im Flachland modest und alles andere als schneesicher, dafür samt und sonders amtlich geprüft sowie haftpflichtversichert. Sie laufen oft mithilfe der Gemeinden, meist aber auf Initiative von Vereinen oder privaten Betreibergemeinschaften. Diese — oft spontan am Stammtisch gegründet — kratzen bei Dorfbevölkerung und Gewerbe das Startkapital von etwa 40'000 Franken für eine gute Occasion zusammen und legen los. Der Betrieb wird finanziert durch bescheidene Mitgliederbeiträge und sehr viel Frondienst.

Von Aarau aus ist der Skilift im Fricktaler Dorf Asp mit dem Bus schnell erreichbar. Betrieben wird er von René Arnet (im Bild links) und Hans Schneider (im Bild rechts).
Von Aarau aus ist der Skilift im Fricktaler Dorf Asp mit dem Bus schnell erreichbar. Betrieben wird er von René Arnet (im Bild links) und Hans Schneider (im Bild rechts).

Schneesportvergnügen in tiefen Lagen hat Tradition. Im aargauischen Asp wird seit den 60er-Jahren jeweils im Spätherbst ein Skilift aufgebaut. Der aktuelle gehört Hans Schneider und René Arnet, die «aus Idealismus und Freude an der Sache» dabei sind. Denn Geld verdienen lässt sich mit dem Lift nicht. «Die Rechnung muss in etwa aufgehen, dann ist es in Ordnung», sagt Hans Schneider. Eine Tageskarte für Erwachsene kostet in Asp zehn Franken, die Saisonkarte 50 Franken — Nachtskifahren am Mittwoch und Freitag inklusive.

Ohne Pistenfahrzeug, aber mit Schraubenzieher und Geduld

Aus Rücksicht auf die Finanzen und den Bauern, dem die Wiese gehört, verzichtet man auf ein Pistenfahrzeug. Ein Traktor mit angehängter Walze tuts auch. Die Piste ist tipptopp in Schuss, und der Lift läuft wie ein Örgeli. Gerät er doch einmal ins Stocken, weil zum Beispiel Dreck in die Drehvorrichtung gelangt, greifen die Betreiber beherzt zu Holzbalken und Schraubenziehern und ziehen den nächstbesten Gast als Helfer heran. Fünf Minuten später geht der Spass weiter.

Man kennt sich, ist per Du und hilft einander ohne grosses Aufheben.

Und den haben die Gäste. «Die meisten stammen aus der Region und kommen regelmässig hierher», sagt Hans Schneider, dessen Bruder und Schwägerin an der Bergstation ein kleines Pistenbeizli führen. Man kennt sich, ist unkompliziert mit allen per Du und hilft einander ohne grosses Aufheben. Zum Beispiel, wenn die Familie Devaux aus Däniken SO der dreieinhalbjährigen Tochter Muriel das Skifahren beibringen will. «Sie fährt heute zum ersten Mal eine Piste hinunter», erklärt der stolze Papa Michael. Nur muss die vierköpfige Gesellschaft zuerst irgendwie den Hang hinauf. «Das geht schon», meint René Arnet, hält kurz den Skilift an und legt Baby Celine — gut verpackt und festgezurrt im Sitzchen — samt Holzschlitten in die kräftigen Arme von Hans Schneider. Der hängt sich gekonnt in den Bügel und lässt sich samt Fracht hochziehen. Vater Michael klemmt Muriel auf ihren Miniskiern zwischen seine Knie und tuckert ebenfalls bergwärts. Dahinter folgt Mutter Jolanda mit dem Rucksack.

Kurz darauf stehen Vater und Tochter wieder am Startpunkt, Muriel hat ihre Premiere mit Papis Hilfe geschafft. Sie schaut noch etwas unsicher, stemmt sich dann aber entschlossen Richtung Bügellift. Bereit, das Abenteuer ein zweites Mal zu wagen. Die meisten Pisten im Mittelland sind breit, sicher und reichen selten über Niveau blau hinaus. Keine Herausforderung für Könner, aber ideal für Kinder, Anfänger, und alle, denen Spass wichtiger ist als sportlicher Ehrgeiz. Mögen sich die Bündner Markensteinböcke Gian und Giachen ruhig mokieren über die Ambitionen der Flachländer. Arosa und St. Moritz sind prächtiger, Asp, Wildberg und Konsorten dafür konkurrenzlos günstig, mit öffentlichen Verkehrsmitteln schnell erreichbar und perfekt für einen freien Nachmittag in der Natur.

Der Betrieb rentiert kaum, der Spass steht im Vordergrund

Den längsten Lift im Kanton Zürich hat die Gemeinde Steg im Tösstal: stolze 1100 Meter. Er überwindet 300 Meter Höhendifferenz und führt die Wintersportler auf knapp 1000 Meter über Meer. Nicht der grosse Wahnsinn, aber über dem Hochnebel, was am schulfreien Nachmittag für einen Ausflug an die Wintersonne reicht. Das neuste Exemplar steht nicht weit weg, ebenfalls im Tösstal. Im Dezember 2012 eröffnete die Gemeinde Wildberg — 977 Einwohner, 650 Meter ü.M. — die erste Wintersaison ihrer Geschichte.

Der Skilift der Gemeinde Wildberg im Zürcher Tösstal wurde diesen Winter neu eröffnet. Garagist Urs Christinger ist die treibende Kraft hinter dem Projekt.
Der Skilift der Gemeinde Wildberg im Zürcher Tösstal wurde diesen Winter neu eröffnet. Garagist Urs Christinger ist die treibende Kraft hinter dem Projekt.

Ein Kombilift mit Bügeln (für die Grossen) und Tellern (für kleinere Schneehäschen) bringt die Wintersportler zum Ausgangspunkt der 160 Meter langen und 30 Meter breiten Piste. Geplant gewesen war die Inbetriebnahme am 2. Januar 2013. Aber Frau Holle machte einen Strich durch die Rechnung — diesmal im positiven Sinn. Da bereits Mitte Dezember 2012 ideale Schneeverhältnisse herrschten, eröffnete Garagist Urs Christinger (44) die Saison bei strahlendem Wetter am 12. 12. 12 um 12.12 Uhr. Mit enthusiastischem Echo weit über die Gemeindegrenzen von Wildberg hinaus. «Dass es so früh so viel geschneit hat, war genial», sagt Christinger, Initiant und Präsident des Vereins Skifahren Wildberg.

Allerdings war der Spass ein paar Tage später schon wieder vorbei, der schöne Schnee dem einsetzenden Regen zum Opfer gefallen. «Letztes Jahr hätten wir es auf 30 Betriebstage gebracht, wenn der Lift schon existiert hätte», sagt Christinger. «Dieses Jahr müssen wir froh sein, wenn wir es vielleicht auf acht Betriebstage bringen. Wir haben schlicht keinen Erfahrungswert. Aber eigentlich ist es egal, der Betrieb rentiert sowieso nicht.» Im Mittelpunkt steht der Spass. So fand am 27. Januar das erste Wildberger Plauschskirennen statt, inklusive Glühwein und Cüpli.

St. Gallen: Ein Skilift mitten in der Stadt. Auf dem Beckenhalder Hang in St. Gallen lernen grosse und kleine Ostschweizer seit Generationen den Umgang mit den Latten.
St. Gallen: Ein Skilift mitten in der Stadt. Auf dem Beckenhalder Hang in St. Gallen lernen grosse und kleine Ostschweizer seit Generationen den Umgang mit den Latten.

Der St. Galler Stadtskilift Beckenhalde hat nicht nur ein Pistenfahrzeug, sondern sogar eine eigene Schneekanone. Um punktuelle Engpässe zu überbrücken, wie Betriebschef Wisi Rohrer (44) versichert. Überhaupt geht man in der Ostschweiz sehr professionell ans Werk. Über eine 0860er-Nummer erfährt der interessierte Schneesportler via täglich aktualisierter 24-Stunden-Infobox, ob die Pisten geöffnet sind oder nicht. Wenn ja, ist jeden Nachmittag von halb zwei bis halb fünf Betrieb. Am Wochenende bereits morgens und drei Mal pro Woche auch abends bis 21.30 Uhr.

Wisi Rohrer sorgt dafür, dass auf dem Beckenhalder Hang in St. Gallen alles glatt läuft.
Wisi Rohrer sorgt dafür, dass auf dem Beckenhalder Hang in St. Gallen alles glatt läuft.

Durchschnittlich 70 Besucher kämen an einem schönen Nachmittag, sagt Betriebschef Rohrer. Der St. Galler ist im Hauptberuf Hausmann und im Teilzeitverhältnis fest am Skilift angestellt. Besitzerin des Lifts ist die Feldschützengesellschaft St. Gallen. Die Besucher stammen nicht nur aus der näheren Region. «Unser Einzugsgebiet reicht über den Thurgau bis zum Bodensee», sagt Wisi Rohrer, «die Kombination von Wintersport und Stadtnähe hat halt einen ganz besonderen Reiz.» Der Hang an der St. Georgenstrasse ist zudem übersichtlich, familienfreundlich und breit genug, damit Skifahrer, Snowboarder und Schlittler aneinander vorbeikommen. Und wenn Frau Holle will, so heisst es in den kommenden Wochen auch im Unterland: Pulver gut! Ski heil! Bahn frei!

www.skilift-asp.ch
www.skifahren-wildberg.ch
www.fsg-sg.ch
Skiliftmuseum: www.skilift-nostalgie.ch

Autor: Ruth Brüderlin

Fotograf: Tanja Demarmels, Daniel Ammann