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14. April 2014

Theaterstoff für Kinder: Klassiker oder Eigenentwicklung?

Lassen sich ältere Kinder noch mit «Romeo und Julia» oder kleinere mit der «Kleinen Hexe» hinter dem Ofen hervorholen, oder braucht es eigene Figuren? Was macht überhaupt geeignete Stücke aus? Lesen Sie (rechts) auch die Reportage zu drei Theaterprojekten mit Kindern.

Balkonszene aus «Romeo und Julia»
Balkonszene aus «Romeo und Julia»: Auch ein ideales Theaterstück für ältere Kinder oder Jugendliche? (Bild: Getty Images)

Shakespeare wird 450 Jahre alt, auf den Profitheaterbühnen ist er ungebrochen präsent, selbst wenn die Jahrzehnte mit den meisten Aufführungen seiner Klassiker bereits etwas zurückliegen. Doch stellt sich die Frage, ob Evergreens wie «Ein Sommernachtstraum» oder «Romeo und Julia», eventuell gar «Hamlet», auch bei Projekten mit Schülern oder in Theatervereinen mit Kinder- oder Jugendaktivitäten noch gefragt sind. Und wie stehts mit anderen Klassikern aus der deutschsprachigen Bühnenliteratur?

Gefunden: der Hase
Gefunden: der Hase

Wie andere Theaterpädagog(inn)en betont auch Christian Renggli, der mit theaterpaedagogik.ch eine die Schweiz vernetzende Plattform für professionelle Theaterarbeit mit (jungen oder älteren) Laien betreibt, die Notwendigkeit, dass Kinder «ihre eigene Geschichte spielen können». Gerade bei den Jüngeren bedeute dies in der Regel selbst entwickelte Stoffe. Bei Theaterspielenden in höheren Klassen nehme dann die Bedeutung der klassischen Literatur zu.

VON ENTWICKLUNG BIS PUBLIKUM
Doch worauf kommt es bei der Wahl der Stoffe generell an? Einfach gesagt spielen folgende Aspekte eine Rolle:

Das Alter: Haben die Kinder, wie bei Schulprojekten üblich, alle dasselbe Alter? Geht das Alter von ersten bis späten Schuljahren auseinander, wird die Aufgabe für den Pädagogen schwieriger. Ansonsten gilt: Je jünger die Beteiligten, desto mehr erarbeitet man Stoffe selbst und anfangs in freier Form.

Die Anzahl der Beteiligten: Wie gross die Gruppe ist, wie oft man überhaupt individuell mit einzelnen Kindern oder in überschaubar grossen Gruppen arbeiten kann, ist ebenfalls von grosser Bedeutung. Zudem geht es rein technisch darum, dass der Stoff genug Rollen für alle abwerfen muss. Die eine oder andere kleine kann jeweils schon aus dem Ärmel geschüttelt werden, aber bei vielen künstlich hinzugefügten Rollen riskiert der Stoff verwässert oder das Setting auf der Bühne überfrachtet zu werden.

Die Vorbereitungszeit: Nicht minder wichtig ist der Aspekt, wie viel Zeit zur Erarbeitung eines Stoffs bleibt. Bei selbst entwickelten Themen beansprucht die erste Phase – bis man überhaupt ein Stück hat – viel Raum. Dafür kann flexibler auf die Bedürfnisse eingegangen werden. Anderseits steht der Stoff bei der Umsetzung von bestehenden Stücken bereits fest, stellt jedoch auch seine spezifischen Anforderungen, an denen nur beschränkt «geschraubt» werden kann.

Die Frage der Aufführung: Für die Wahl eines Stückes ebenso entscheidend ist die Frage, ob es am Ende für Eltern, Schulkollegen oder anderes Publikum aufgeführt werden muss. Nicht selbstverständlich, sind doch in einigen Fällen keine Auftritte geplant und der Fokus kann voll auf die Entwicklungsarbeit gelegt werden.

Der Lebensraum: Auch die alltägliche Wohn- oder Schulsituation der Kinder fliesst bestenfalls in den Entscheid für ein bestimmtes Thema oder ein existierendes Stück ein. Viertklässler in Berns oder Zürichs Innenstadt beschäftigen teilweise andere Themen als (beinahe) Gleichaltrige in den Bergen...

ERFOLGREICHE KLASSIKER
Theaterpädagoge Christian Renggli unterscheidet bei den Eigenentwicklungen von Theaterstoffen für jüngere Kinder (bis ca. 4. Klasse) grundlegend zwischen zwei Varianten: «Es kann sein, dass man von einer Idee (z. B. Fussball-WM) ausgeht und darum herum eine Geschichte baut. Bei der Fussball-WM könnte dies etwa sein: Team XY reist ins falsche Stadion und muss sich gegen Kugelstosser behaupten. Von den Kindern kommen da oft sehr originelle Ideen.
Oder wir gehen von Figuren aus: Ich möchte einen Piloten spielen, oder: Ich bin ein Forscher; und gestaltet darum herum eine Geschichte. Etwa: Das Flugzeug stürzt in der Einsamkeit ab, die Überlebenden fragen einen Forscher um Rat.
Wichtig ist für mich vor allem, dass die Themen nahe am Alltag der Kinder gewählt sind. Es macht zum Beispiel keinen Sinn, mit Kindern aus einer ländlichen Gegend ein Stück über den Bankenplatz Schweiz zu spielen.»

Wie oben erwähnt ist bei Jugendlichen (ungefähr ab 14) mehr Literarisches gefragt. Renggli achtet bei der Auswahl möglichst «auf einen grossen Interpretationsspielraum - wie zum Beispiel im <Sommernachtstraum> von Shakespeare». Für ihn sei jedoch «fast jeder Stoff spannend, solange er spannend erzählt wird».

Eines seiner Lieblingsprojekte fand mit Schülern einer 3. Sekundarklasse C statt: «Wir lasen Grimm-Märchen und interpretierten sie neu. Wir setzten sie in eine andere Zeit, so dass daraus ganz eigene Geschichten entstanden.»

UND IHR LIEBSTER THEATERSTOFF?
Hatten Sie als Theaterpädagoge oder Lehrer(in) ein bestimmtes Lieblingsstück, und warum? Oder erinnern Sie sich an eine sehr gelungene Theatererfahrung als Kind oder Teenager?
Nennen Sie hier als Kommentar das Stück und geben Sie eine Kurzbegründung dazu. Danke!

Autor: Reto Meisser