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05. Januar 2015

KiTu – Spass an der Bewegung

Purzelbaum schlagen, Böckli springen, Stafetten laufen: In den sogenannten Kitus lernen Kinder im Vorschulalter spielerisch den Spass an der Bewegung. Zu Besuch bei zwei Turnvereinen.

Turnen sich warm im KiTu Steffisburg: Nick, Pascal, Tim, Lena, Chloé und Murielle (von links)
Turnen sich warm im KiTu Steffisburg: Nick, Pascal, Tim, Lena, Chloé und Murielle (von links)

Laut und farbig geht es zu in der Turnhalle am Kirchbühlweg in Steffisburg BE. Die Sonne scheint schräg durch die Fensterfront. Ein Haufen Kinder spaziert, läuft, rennt und springt in die Halle. Blonde Zöpfe, Pferdeschwänzchen, farbige Tücher im Haar, Fussballershirts. Die Kleinen sind im Kindergartenalter. Einige Eltern stehen noch im Eingangsraum, bald sind sie weg. Denn die nächsten eineinviertel Stunden gehören ganz den Kindern.

Beatrice Würsten (49), die sportlich aussehende Frau mit den kurzen Haaren, ruft die Kids zu einem Kreis zusammen. Aus allen Ecken der Halle kommen sie angerannt und sind auf einen Schlag ziemlich ruhig. Die Turnleiterin geht die Namenliste durch.

Dann gehts los: Das Kinderturnen (Kitu) beginnt mit einem Lied. Alle singen mit, drehen sich dabei um die eigene Achse, die Arme in die Höhe, Schritte nach links, Schritte nach rechts. Spielerisch geht es mit dem Einturnen weiter. Würsten zeigt vor, die Kinder machens nach, sie hüpfen, heben die Knie abwechslungsweise an, rollen gegen hinten ab, versuchen, die Beine in die Kerze hoch zu strecken, springen wie die Frösche und kriechen wie ein Büsi. Jedes macht mit, so gut es kann. Bei einigen sieht es lustig aus, bei anderen ganz gut. Einige drehen verkehrt, andere wissen nicht immer ganz genau, was zu tun ist. Ein Kind verliert die Schläppli, ein anderes muss das Schwänzchen neu binden.

Die Energie der Kraftbündel ist grenzenlos

«Jetzt nehmen wir die Posten hervor», kündigt die Kitu-Leiterin an. «Ja!», rufen die Kinder begeistert und rennen wild drauflos, quer durch die ganze Halle. Ein paar hängen sich kopfüber an die Kletterstangen, andere versuchen, beim Hervornehmen der Geräte zu helfen. Als die grosse dicke Matte da liegt, springt ein Grüppchen sofort drauf, und es werden immer mehr. Sie schreien, purzeln, lachen und machen das, was sie am liebsten tun: sich bewegen.

Lieblingsbeschäftigung 
in Steffisburg: Finn, Murielle, Chloé und Nick (von links) albern an der Kletterstange herum.
Lieblingsbeschäftigung 
in Steffisburg: Finn, Murielle, Chloé und Nick (von links) albern an der Kletterstange herum.

Als Hilfsleiterin ist heute eine Mutter dabei. Romy Ryser stellt zusammen mit Beatrice Würsten in kurzer Zeit die Posten auf: ein Bänkli an die Sprossenwand, Kasten, dicke Matte, ein umgedrehtes Bänkli fürs Balancieren, den Schlauch aus Stoff zum Hindurchkriechen, die Reifen fürs Hüpfen, die Bälle zum Werfen. Mit unerschütterlicher Energie balancieren, kriechen, werfen, springen und hüpfen die kleinen Kraftbündel drauflos.

Und, können die Kinder in Steffisburg denn alle auch den Purzelbaum? «Nein», schüttelt Beatrice Würsten den Kopf. «Das hat sich mit den Jahren verändert. Vor allem die Kleinsten haben manchmal Mühe. Doch das baue ich mit ihnen auf, in einem Jahr kriegt man das hin. In dieser Zeit ist es möglich, Defizite aufzuholen», sagt sie und lacht. «Vor allem können sie dabei auch Selbstvertrauen gewinnen.»

Doch nicht die Leistung steht beim Kitu im Zentrum: «Hauptsache ist, dass ich ihnen Freude und Lust am Turnen mitgeben kann», sagt Würsten. Die Steffisburgerin hat langjährige Erfahrung. Seit 18 Jahren leitet sie das Kinderturnen in ihrem Verein. Am Dienstag, Donnerstag und Freitag bietet der TV Steffisburg Kitu für Vorkinder- und Kindergärtler an. Sie teilt sich die Leitung mit vier anderen Frauen. Die Kinder zum Turnen zu bewegen, ist einfach: «Man kann sie mit sehr wenig und einfachen Dingen begeistern.»

Altersgrenze vor zwei Jahren herabgesetzt

Kinderturnen gibt es in Schweizer Turnvereinen schon seit Jahrzehnten. In vielen Gegenden, wo es keine Fussballklubs für Piccolos gibt, ist Kitu oft das einzige Sportangebot für Kinder im Vorschulalter. Bis vor wenigen Jahren waren die Turnvereine allein zuständig für den Erhalt dieses Angebots sowie die Ausbildung von Leiterinnen und ­Leitern. Denn die Sportförderung des Bundes unterstützte zunächst nur Aktivitäten für Kinder ab zehn Jahren.

Vor knapp zehn Jahren hat Jugend+Sport (J+S) dann das Pilotprojekt «J+S Kids» ins Leben gerufen. Die bis dahin geltende Altersgrenze wurde auf fünf Jahre heruntergesetzt: Auch Kinder im Vorschulalter respektive Vereine mit entsprechenden Angeboten sollten in ihrem Engagement unterstützt werden. Man schuf neue Rahmenbedingungen, arbeitete vermehrt mit Vereinen und Turnverbänden zusammen und initiierte die Ausweitung der Bewegungsförderung auf Kinder der Vorschulstufe. Mit dem neuen Sportförderungsgesetz im Jahr 2012 wurde das Pilotprojekt in das Sportförderungsprogramm J+S überführt: Seither gibt es sowohl J+S-Kindersport als auch J+S-Jugendsport, und es werden Angebote für Kinder ab fünf Jahren unterstützt.

In einer Zeit, da viele Kinder ihre Freizeit mehr und mehr am Computer und Smartphone verbringen, ein Drittel der Kleinen gar übergewichtig ist, wird die Förderung von Sport stets dringender. Spätestens, seit man weiss, wie schlecht die heutigen Kinder Purzelbäume schlagen, sind die Erwachsenen alarmiert.

Kleiner Knirps, grosser Sprung: Marco fliegt unter Aufsicht 
von Leiterin Beatrice Würsten über den Schwedenkasten.
Kleiner Knirps, grosser Sprung: Marco fliegt unter Aufsicht von Leiterin Beatrice Würsten über den Schwedenkasten.

Das Kitu in Steffisburg ist schnell vorbei. Jedes Kind ist nun mehrmals auf die grosse Matte gesprungen, hat versucht, über das Bänklein zu balancieren, hat Bälle an die Wand geworfen und ist durch die Reifen am Boden gehüpft. Nachdem die Geräte versorgt sind, gibts Käferlifangis: ein schnelles, wildes, spielerisches Durcheinander. Zum Abschied ruft Beatrice Würsten die wilde Bande in einen Kreis. Vor der Halle warten schon die Eltern, um die Kleinen in Empfang zu nehmen.

Rund 25 000 Kinder besuchen in Schweizer Turnvereinen die Kitu­Lektionen. Und nicht selten sind sie gut gefüllt oder gar ausgebucht. Wie im Solothurner TV Kaufleute, wo sich das Kitu KidsGym nennt. Jeweils Montagabends um halb sechs treffen sich in der Turnhalle Brühl zwei Gruppen mit 25 Kindern zwischen vier und sechs Jahren. Mehr Stunden Kinderturnen kann der TV Kaufleute nicht anbieten: «Die Halle ist besetzt, und es wäre auch sehr schwierig, zusätzliche Leiter zu finden», sagt KidsGym-Leiterin Alexandra Sommer (36). War es noch vor wenigen Jahren gang und gäbe, seine Freizeit dem Verein zu widmen, fehlt heute vielen schlicht die Zeit für ein intensives Engagement. Oft helfen deshalb auch Mütter als Hilfsleiterinnen mit: «Wir sind auf alle angewiesen», so Sommer.

Möglichst früh für den Sport begeistern

Früher wurden die Kitu-Leiterinnen und -Leiter vom Verband und den Vereinen individuell ausgebildet. Heute wird das in Zusammenarbeit mit J+S koordiniert. «Die Turnvereine hatten schon immer gute Ausbildungen», sagt Patricia Steinmann (40), Fachleiterin J+S­Kindersport. Heute sind diese vereinheitlicht und werden von J+S finanziell unterstützt. «Unser Ziel ist es, möglichst viele Kinder zu erreichen – in den Vereinen und in den Schulen», sagt Steinmann. Ein möglichst vielseitiges und kindergerechtes Angebot zu haben, auch im Vorschulalter, sei wichtig. «Wir wollen die Kleinen früh für den Sport begeistern. Je früher, desto besser», sagt Patricia Steinmann.

Zurück zum KidsGym des TV Kaufleuten: Hier sind heute Reck, Stafettenlauf, ein Sprung vom Reuterbrett und vom Trampolin angesagt. «Dieses Alter ist sehr dankbar», sagt Leiterin Alexandra Sommer. «Die Kleinen machen alles gern und haben an allen Geräten Freude.» Sommer ist schon fast 30 Jahre in diesem Turnverein. Als Siebenjährige hat sie mit Kunstturnen begonnen, mit 14 fing sie an, selber Turnstunden zu leiten.

Spielerisch und dennoch diszipliniert lernen

Noch bevor es richtig losgeht, rennen die Kinder aufgeregt herum. Neben Alexandra Sommer sind heute Chrigu und die Hilfsleiterinnen Ute, Rebekka und Chantal am Start, um die kleine Horde zu betreuen. Am lustigsten gehts bei der Stafette zu. Mit einem Hütchen auf dem Kopf müssen die Fünf- und Sechsjährigen auf die andere Seite der Halle laufen – und wieder zurück. Sie quietschen und kreischen, als sie sich das Hütchen auf den Kopf setzen und einfach mal loslegen. Nicht allen Dreikäsehochs ist dabei klar, was eine Stafette überhaupt ist. Dass man erst loslaufen muss, wenn das Kind aus der eigenen Gruppe zurück ist, und nur das vorderste der Reihe losrennen soll, nachdem der Leiter «Los!» gerufen hat. Doch Alexandra Sommer weiss, wie viel die Kleinen in einem Jahr lernen können. «Und das ohne Leistungsdruck!», schwärmt sie. Dieses Jahr scheint ein gutes Jahr zu sein: «Alle Kinder konnten den Purzelbaum von Anfang an.» Ihre Erklärung dafür ist eine familienpsychologische: «Die meisten Kinder hier haben ältere Geschwister, denen sie den Purzelbaum abgeguckt haben.» Die erfahrene Leiterin merkt ­jeweils schnell, welches Kind sich auch in der Freizeit viel bewegt. «Man sieht sofort, wenn jemand ein grosses Trampolin zu Hause im Garten hat oder beim Nachbarn häufig drauf herumspringen kann.»

KidsGym Solothurn: Stretch-Übungen
KidsGym Solothurn: Stretch-Übungen

Das Schwierigste im KidsGym sei, mit den Kleinen etwas einzuüben und sie dann auch bei der Sache zu halten. Disziplin sei deshalb nötig. Und: «Wir haben jedes Jahr im Winter eine Turnshow», erzählt Alexandra Sommer lächelnd, «und das ist immer eine ziemliche Sache.»

Die eineinhalb Stunden an den Geräten vergehen wie der Blitz, mehr und mehr Erwachsene tauchen auf, warten im Gang neben der Halle, stehen oben hinter der Glaswand und schauen zu. Als eine Gruppe Kinder mithilft, die dünnen Matten zu versorgen, sieht es aus, als würde eine Horde Ameisen die orange-blauen Teile quer über den Hallenboden tragen. Denn nicht nur bei der Stafette vergessen sich die Kleinen manchmal – auch beim Versorgen der Geräte wissen sie mit einem Mal nicht mehr, worum es hier eigentlich geht. Egal. Die grossen Geräte sind ihnen eh viel zu schwer, das ist etwas für die Erwachsenen. Hauptsache, die Kids dürfen das tun, was ihnen am meisten Spass macht: herumhüpfen, herumspringen, quietschen.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Marco Zanoni