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11. April 2016

Kinderzirkus Bombonelli: Manege frei

Drei Wochen lang jonglieren, balancieren, spielen – der Kinderzirkus Bombonelli bietet Kindern eine Plattform, auf der sie ihre Talente entwickeln und ausleben können.

Mit Schwung dabei: Alisa  beweist Mut und Selbstvertrauen am Trapez.
Mit Schwung dabei: Alisa beweist Mut und Selbstvertrauen am Trapez.

Im Kanton Neuenburg, im Val de Travers, wo die Wiesen saftig sind, die Tannenwälder gross und die Dörfer klein, schlägt der Kinderzirkus Bombonelli jeden Sommer für zwei Wochen sein Lager auf. Die Bewohner von Les Verrières freuts: «Juhui, der ‹Bombonelli› ist wieder da!»

Wenn das Heimweh sich meldet: Während der Lagerwochen steht ein Briefkasten für Post nach Hause bereit.

45 bis 50 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 16 Jahren üben dann das neue Programm ein, betreut von etwa 15 Ewachsenen, Pädagoginnen und Pädagogen, Zirkusliebhabern, Freizeitartisten, Musikern und Hobbyköchen. Sie wohnen in einem etwas abgewirtschafteten, einst herrschaftlichen Haus am Dorfrand, auf der Wiese steht ein Zirkuszelt, überall tollen Kinder herum.

Immer wieder eine Attraktion für Kinder: die Zirkuswochen im Val de Travers.

Mädchen fahren mit dem Einrad über den Hofplatz, Buben lassen Diabolos in der Luft tanzen, ein paar Kinder turnen auf der Luftmatte auf der Wiese herum. Finja (14) und Luna (14) balancieren über ein Seil, das auf anderthalb Meter Höhe gespannt ist. Man sieht ihnen an, dass sie nicht zum ersten Mal hier sind – balancieren, das erfordert Übung. «Im ersten Jahr lernt man darüberlaufen, im zweiten abknien und im dritten rückwärtsgehen», erklären die Mädchen und machen es auch gleich vor.

Einrad, Trapez, Feuerkunst – was darf es sein?

Kleine Knirpse versuchen sich auf dem Stahlseil, das nur wenige Zentimeter über dem Boden gespannt ist. Ältere Kinder helfen ihnen, damit sie nicht hinunterfallen. Jedes Kind kann an den beiden ersten Tagen jede Disziplin ausprobieren und danach entscheiden, auf welche zwei es sich konzentrieren will: Trapez, Vertikaltuch, Kleintiere, Theater, Feuerkunst, Jonglage, Sprungmatte, Einrad, Hochseil, Hula-Hoop-Reifen, Musik und Tanz.

In guten Händen: Noemi (l.) ist eine von mehreren Betreuern, die Kinder unter ihre Fittiche nehmen.

«Es ist super hier!», schwärmt Emanuel (10), der zum ersten Mal dabei ist und sich in Feuerkunst und Trapez versucht. Seine Augen strahlen. Kurz darauf sieht man ihn am Trapez furchtlos hin- und herschwingen und Figuren ausprobieren.

Die Gruppe Trapez ist nun mit Üben dran. «Jetzt das Kälbli hängen, dann die Bauchwelle, das kannst du schon», sagt Betreuer Ädu (42). Das Kind müht sich zunächst noch ab, doch beim zweiten Anlauf klappt es. Zwei neunjährige Mädchen schwingen stehend auf einem anderen Trapez hin und her. «Sie haben das perfekte Alter», erklärt Tati (30), eine Leiterin.«Das Verhältnis zwischen Körpergrösse und Kraft stimmt. Und vor allem: Sie haben keine Angst.»

Kopfüber ins Vergnügen: Elia schlägt Kapriolen auf dem Trampolin.

Die beiden Mädchen probieren alles aus, was möglich ist, kreischen, lachen dabei. Sagt ein Kind zum anderen, das zum ersten Mal da ist: «Das geht nicht!», antwortet Ädu: «Das kannst du schon!» und «Musst es einfach mal probieren!». Und meistens klappt es auch. Funktioniert es überhaupt nicht, versuchen sie etwas anderes.

Nina sitzt (9) auf der Zuschauerbank. «Nachher sind wir mit Theater dran», sagt sie. Was genau machen die da? «Das sehen wir noch. Ich habe mir gedacht, beim Theater könnten wir so mit Neonlicht und leuchtenden Handschuhen etwas machen.» Pantomine also? «Ja, genau.» Eine halbe Stunde später sitzt Nina mit sieben anderen Kindern auf der Turnmatte in der Manege. «Habt ihr euch etwas ausgedacht, was wir spielen könnten?», fragt Leiter Wäggu (69). Ein Mädchen sagt: «Ich habe nichts überlegt.» Ein Bub: «Wir könnten Pantomime machen.» Fünf Minuten später marschieren sie als Dampfzug über die Matte: zuvorderst die Kleinsten, am Schluss die Grössten. Das diesjährige Oberthema des Zirkus Bombonelli heisst nämlich «Bahnhof».

Wer einmal dabei ist, kommt nicht mehr los

Das tägliche Programm kennt keinen Zeitstress: Eine halbe Stunde lang üben die verschiedenen Gruppen zusammen ihre Disziplin, während der übrigen Stunden können die Kinder tun, wonach ihnen der Sinn steht: individuell üben, rumhängen, in der Werkstatt mithelfen, Bühnendeko bauen, sich im Bastelraum oder Zeichenzimmer kreativ betätigen. Die Anzahl «Ämtli» ist überschaubar gross: Jeweils eine Gruppe muss den Tisch decken, abräumen und abwaschen.

Es läuft rund: Hannah, Tilla und Nora (v.l.) mit Einrad und Reif.

Die Kleinsten starten mit der Kleintiernummer: Sie wählen aus, welches Tier sie spielen wollen, und üben ihren Part. «Das ist für die Kleinen obligatorisch. Sie brauchen kein Vorwissen und werden nicht überfordert», erklärt Noemi (40). Sie sitzt auf einer improvisierten Bank vor dem Haus und flicht den Mädchen farbige Bänder ins Haar. Den Zirkus Bombonelli kennt sie von klein auf. Sie war 1982 erstmals dabei – als Achtjährige. «Trapez und Hochseil», sagt sie und lacht. Und dann fügt sie an: «Bist du mal dabei, kommst du nicht mehr davon los.» So geht es den meisten – Kindern wie Erwachsenen.

«Ich würde den Zirkus Bombonelli vermissen», sagt Flurina (21). Sie war während ihrer Schulzeit jedes Jahr dabei. «Als die Schule beendet war, versuchte ich, so schnell wie möglich zurückzukommen.» Heute studiert sie Pädagogik und arbeitet im Sommer als Leiterin beim Zirkus. Pesche (37) stiess erst als Erwachsener dazu, nimmt inzwischen aber auch schon seit 15 Jahren teil. «Was die Kinder machen, hätte ich mich nicht getraut: Vor 200 Personen aufzutreten, das braucht Mut.»

Und dann gilt: Bühne frei!

Auf die zwei Lagerwochen folgt nämlich eine weitere Woche mit Vorstellungen: Dann zeigen die Kinder im Berner Monbijoupark, was sie gelernt haben. Auch Nina sitzt nun draussen und lässt sich farbiges Garn ins Haar knüpfen. «Am Nachmittag mache ich Vertikaltuch», sagt sie. «Das ist super, aber auch anstrengend. Man braucht viel Kraft, und es tut weh beim Einrollen.»

Nora (11) kurvt zusammen mit Hannah (11) auf dem Einrad über den Vorplatz – vorwärts, rückwärts, ringsum. «Früher schaute ich mir immer die Vorstellungen an und fand es megacool», erzählt Nora. «Dann übte ich auf dem Einrad, bis ich es konnte, und meldete mich an.» Hannah (11) meint in einer Verschnaufpause:

«Der ‹Bombonelli› ist megacool – neue Freunde, coole Leiter.»

Hat den Dreh raus: Levi bei der Diabolo-Jonglade

Der Kinderzirkus Bombonelli ist so etwas wie eine grosse Familie, die sich einmal pro Jahr trifft, mit neuen Mitgliedern wie auch alten Bekannten. Bis vor vier Jahren war der Zirkus dem Berner Kindertreff Chinderchübu und somit der Stadt Bern angegliedert; danach trennte sich der «Chübu» wieder von dem Projekt. Mit Ach und Krach bringt der siebenköpfige Vorstand seither jedes Jahr knapp genug Geld zusammen, um das zweiwöchige Lager und die Vorstellungswoche im Berner Monbijoupark finanzieren zu können.

Der Zirkus Bombonelli ist auf jedes Vereinsmitglied angewiesen, das mit 30 Franken jährlich dabei ist. Den Preis für die Teilnahme – 350 Franken für drei Wochen – will man keinesfalls erhöhen. Alle sind überzeugt, wie gut und wichtig ein solches Projekt für die Kinder ist. «Der Zirkus ist sehr vielseitig, und jedes Kind kommt auf seine Rechnung, kann das machen, was ihm entspricht, und dranbleiben», sagt Melissa (26), die frischgebackene Expertin im Vertikaltuch. «Zirkuspädagogische Projekte sind sehr wertvoll. Jedes Kind findet seinen Platz: Es spielt keine Rolle, welche Vorbildung es hat. Es kann von Beginn an mitentscheiden und sich einbringen. Das motiviert.»

Im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit hat die Absolventin der Berner Fachhochschule für Soziale Arbeit solche Projekte untersucht. Sie stellt fest, dass Kinder, denen der Schulkontext Mühe bereitet, sich problemlos in Zirkusprojekte integrieren. «Die Kinder kommen hier in eine neue Welt und können sich unbelastet neu erfinden.» Alle Leitenden haben erlebt, wie Kinder den «Knopf auftun», sich mehr und mehr zutrauen und Selbstbewusstsein gewinnen.

Nach den Lagerwochen sind alle müde und geschafft, aber happy. Der Sonntag danach ist für alle seltsam: wieder daheim, wo es still und ruhig ist, der Lärm und die Gemeinschaft
fehlen. Danach folgt zum Glück noch die Woche der Vorstellungen im Berner Monbijoupark. Im Publikum sitzen oft mehr Kinder als Erwachsene – begeistert schauen sie zu, was die Gleichaltrigen zeigen.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Fabian Unternährer