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20. Oktober 2014

Kinderzeichnungen im Spiegel der Zeit

Der Zeichenwettbewerb des Pestalozzi-Kalenders war der grösste und beliebteste der Schweiz. Er wurde 1912 ins Leben gerufen und 1984 letztmals durchgeführt. Wir zeigen über 30 Bilder und erklären die Trends aus acht Jahrzehnten. Dazu das Porträt eines passionierten Zeichners und die Werke späterer Promis («Die Welt aus Kindersicht»).

Eine der ersten Werke von 1912: Eine 13-jährige zeichnet «Man kehrt von der Blumenausstellung zurück». (alle Bilder© Archiv der Kinder- und Jugendzeichnung der Stiftung Pestalozzianum)

Kinder zeichnen in ihrer Freizeit, was sie persönlich beschäftigt, erfreut oder ängstigt. Während des Zweiten Weltkriegs malten sie beispielsweise öfter Motive zur Lebensmittelknappheit, wogegen in den 70er-Jahren die Kinder eher ihre Wünsche nach neuem Spielzeug, etwa nach einer eigenen Sasha-Morgenthaler-Puppe, zu Papier brachten. In den Achtzigern malten sie bereits auch vereinzelt moderne Väter, die sich um Säuglinge kümmerten oder am Kochherd standen.

Auch das Zeichenmaterial veränderte sich im Lauf der Jahrzehnte: In den 20er- bis 40er-Jahren dominierten noch Bleistifte, Farbstifte und kleine, günstige Papierformate – Material war knapp. In den Fünfzigern und Sechzigern kommen Neocolor-Ölkreide und Filzstifte auf. Die Formate werden zunehmend grösser, die Papierqualität wird besser.

Anna Lehninger, Koordinatorin im Archiv der Kinder- und Jugendzeichnung der Stiftung Pestalozzianum, zeigt exklusiv dem Migros-Magazin repräsentative Beispiele aus sieben Jahrzehnten des Pestalozzi-Wettbewerbs – die alle ein Stück Zeitgeist wiederspiegeln:

20er-Jahre: Viele Kinder wählen futuristische Motive, man glaubt an die Zukunft und an den technischen Fortschritt.

30er-Jahre: Die reformpädagogische Bewegung «Neues Zeichnen» setzt sich durch und ermuntert die Kinder, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Es entstehen freie Werke voller Fantasiefiguren und vermenschlichter Wesen.

40er-Jahre: In den Kriegsjahren malen zahlreiche Kinder den Vater in der Uniform, Flugzeuge, Flüchtlinge oder auch ihre Arbeitseinsätze im Landdienst, oder Familienporträts ohne Väter. Es mangelt an Papier oder Farbstiften. Man benützt Bleistift und günstiges Packpapier.

50er-Jahre: Der Krieg ist überstanden, nun dominieren Sport und Spiel. Die Fünfziger sind die Zeit der grossen Sportanlässe, von denen die Kinder beeindruckt waren.

60er-Jahre: Erste Sorgen zur Umwelt kommen auf. Kinder und Jugendliche befassen sich mit Umweltschutzthemen – unter anderem im Sonderwettbewerb «Rettet unsere Gewässer» des Pestalozzi-Kalenders.

70er-Jahre: Pillenknick und zunehmender Wohlstand erlauben den Kindern mehr materielle Freiheiten. Das Konsumzeitalter setzt ein. Die Kinder zeichnen Kioske, Läden und Produktwerbung.

80er-Jahre: Es setzt sich durch, dass Kinder ein eigenes Zimmer bewohnen. Früher teilten sie ihr Schlafzimmer mit Geschwistern. Nun zeigen sie, wie sie ihre Räume individuell eingerichtet haben.


Alle Zeichnungen © Archiv der Kinder- und Jugendzeichnung der Stiftung Pestalozzianum

Autor: Gabriela Bonin