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24. März 2014

Kinderwunsch: Dem Klapperstorch Beine machen

Jedes sechste Paar in der Schweiz hegt einen unerfüllten Kinderwunsch. Débora und Josip Colina hofften sieben Jahre lang, Eltern zu werden. Nun hat es geklappt – dank einer In-vitro-Fertilisation.

Débora und Josip Colina im eingerichteten Kinderzimmer
Alles parat fürs Kind: Débora und Josip Colina freuen sich 
auf Andres.

Es kann jeden Tag so weit sein. Vielleicht passiert es gerade in diesem Moment. Débora und Josip Colina (beide 33) werden Mami und Papi. Endlich! Söhnchen Andres hat lange auf sich warten lassen. Sieben Jahre, um genau zu sein. 2007 wäre das Paar bereit gewesen. Bereit für einen neuen Lebensabschnitt, bereit für ein Baby. «Wir wollten mindestens drei Kinder, vielleicht sogar vier», sagt Débora Colina. Sie würden gute Eltern werden, liebevoll und einfühlsam, humorvoll und gelassen, da war sie sich sicher. Die Reiseberaterin setzte die Pille ab. «Wir erzählten allen, dass wir uns ein Baby wünschten.» Das, so findet sie heute, war ein grosser Fehler. Dauernd fragten die Verwandten und Bekannten nach. Das Problem war nur: Die damals 26-Jährige wurde nicht schwanger. Weder im ersten Monat noch im ersten Jahr. Débora und Josip Colina warteten weitere sechs Monate. Dann war ihnen die Sache nicht mehr geheuer, und sie machten einen Termin in einer Kinderwunschpraxis.

In-vitro-Fertilisation
In-vitro-Fertilisation (Bild: iStockPhoto)

JEDE VIERTE BEFRUCHTUNG FRUCHTET
Ausserdem zum Thema: Wie viele In-vitro-Fertilisation führen zur (erfolgreichen) Geburt? Die wichtigsten Zahlen und Fakten. Zum Artikel

Laut Lehrbuch ist alles ganz einfach: Die Samenzelle des Manns trifft auf die Eizelle der Frau, und schon entsteht neues Leben. In Wirklichkeit ist es eben doch kein Kinderspiel. Jedes sechste Paar in der Schweiz ist ungewollt kinderlos, Tendenz steigend. «Wenn sich der sehnliche Wunsch nach einem Baby nicht erfüllt, kann das sehr belastend sein», sagt Bruno Imthurn, Leiter des Kinderwunschzentrums am Universitätsspital Zürich. «Deswegen ist es so wichtig, offen darüber zu sprechen.» Gerade im deutschsprachigen Raum sei das Thema immer noch mit Tabus belegt. Dabei gebe es mittlerweile eine Fülle von Behandlungsmöglichkeiten, mit der Fruchtbarkeitsprobleme überwunden werden können. «Vor 20 Jahren konnten wir nur einem von zehn Paaren helfen, heute halten in unserem Zentrum Frauen im Alter von Frau Colina zu 80 Prozent am Ende des Wegs ein Baby im Arm.»

Dieser Weg ist nur selten kurz und unbeschwerlich. In den meisten Fällen ähnelt er einer langen Achterbahnfahrt. Die Colinas haben ihre «Reise» genau dokumentiert. In den fünfeinhalb Jahren, seit sich das Paar aus Adlikon ZH in die Hände der Reproduktionsmedizin begeben hat, ist viel Papier zusammengekommen: Laborberichte, Ultraschallbilder, Arztbriefe. Débora Colina hat alles in einen grauen Ordner geheftet. Zwischen den Dokumenten finden sich immer wieder Fotos. Keine gewöhnlichen Bilder, sondern Mikroskopaufnahmen. Graue Strukturen, kleine Kreise, Zellhaufen. Sie streicht sanft über die Fotos «ihrer» Embryonen, die es alle nicht geschafft haben.

Bei künstlichen Befruchtungen zahlen Krankenkassen nichts

Kritiker sagen, die Reproduktionsmedizin greife in die natürlichen Abläufe ein. Bruno Imthurn hält dagegen: «Genau genommen trifft das auf alle medizinischen Behandlungen zu.» 2012 wendeten sich schweizweit 6300 Frauen an Kinderwunschpraxen und -zentren. Die Krankenversicherungen übernehmen nur die Kosten für die Abklärungen bei beiden Partnern und für bis zu drei Inseminationen (siehe Box rechts). In Deutschland und Österreich werden In-vitro-Fertilisationen teilweise von den Kassen bezahlt. «Wenn ein Paar in der Schweiz eine künstliche Befruchtung versuchen will, steuern die Krankenversicherungen hingegen keinen Rappen bei», sagt Bruno Imthurn. Er wünscht sich, dass mehr Kosten übernommen werden. Laut Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation handelt es sich beim unerfüllten Kinderwunsch um eine Krankheit.

Débora und Josip Colina begannen mit Inseminationen. Dann kamen mehrere Hormonbehandlungen und künstliche Befruchtungen dazu. Zwei Mal wechselten die beiden die Kinderwunschpraxis. Sie reisten sogar ins Ausland, um ein experimentelles, in der Schweiz nicht zugelassenes Verfahren auszuprobieren. Die Kosten von insgesamt über 60'000 Franken zahlten sie selbst. Alles vergebens. «Ich weinte sehr viel», sagt Débora Colina. In ihrem Umfeld wurde ein Baby nach dem anderen geboren, nur ihr Bauch blieb leer. Besonders bitter war, dass sie nun niemand mehr auf ihren Kinderwunsch ansprach. «Das war noch schlimmer als die dauernde Fragerei.»

In dieser Phase trennen sich viele Paare. Glücklicherweise erwies sich die Beziehung der Colinas als stabil. 2013 entschieden sie sich, es ein letztes Mal zu versuchen. Sie sprachen im Kinderwunschzentrum des Universitätsspitals Zürich vor. Wieder eine Hormonbehandlung, wieder eine künstliche Befruchtung, wieder ein Embryonentransfer, wieder abwarten. Zwei Wochen später läutete das Telefon. Débora Colina erkannte die Rufnummer der Klinik. Sie hatte kein gutes Gefühl. Am liebsten hätte sie den Anruf nicht angenommen, sich tot gestellt. Dann nahm sie den Hörer doch ab. Die Stimme am anderen Ende der Leitung sagte nur: «Bingo!»

www.kinderwunsch.ch

So läuft eine künstliche Befruchtung ab

Die Infografik zum Thema künstliche Befruchtung
Die Infografik zum Thema künstliche Befruchtung

Die Infografik zum Thema zum Download: PDF (755 KB)

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Tina Steinauer