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14. April 2014

Kindertheater: Grosser Auftritt für die Kleinen

Kinder haben Freude am Theaterspielen, und ihre Talente werden dabei auf viele Arten gefördert. Eine Vorbereitung auf Hollywood sind die Kindertheaterprojekte aber nicht.

Eine Gruppe Kinder spielt Theater
In der Theaterwerkstatt Spiel.raum in Buchs spielen die Kinder Farben – wie fühlt sich Rot an, wie Blau?

Widerwillig stopft Valentina (9) ihren Schlafsack in den roten Rollkoffer. «Den Schlafsack mitnehmen? So etwas Blödes, ich will ein richtiges Bett!», empört sich das Mädchen. Es sitzt auf dem Boden eines hohen, hellen Raums im Basler Quartierzentrum Burg, einer ehemaligen Brauerei. Sechs weitere Kinder zwischen sechs und neun Jahren packen derweil im Zeitlupentempo ihre Rucksäcke und Taschen ein – und wieder aus. Dem einen ist der Rucksack vor lauter Büchern zu schwer, und ausserdem hat seine Spinne im Glas keinen Platz mehr, der Nächste will im Keller weitere 20 Rollkoffer für sämtliche Schmusetiere holen, einer krümmt sich beim Witzelesen vor Lachen und plumpst in den Koffer, ein Prahlhans stoppt die Zeit, wie schnell er das Zelt aufstellen kann, und noch ein anderer verzichtet auf sämtliche Kleider, weil der Rucksack mit Proviant voll ist.

Sechs Kinder beim Theaterspielen
Theater Pflotsch in Basel: Die Kinder gehen ganz auf in ihren Rollen. Auch deshalb, weil Leiterin Priska Sager sie bereits bei der Erarbeitung eines Stücks mitreden lässt.
Priska Sager, Bewegungs- und Theaterpädagogin
Priska Sager, Bewegungs- und Theaterpädagogin

Die sieben Kinder spielen sieben selbst entwickelte Charaktere. Sie besuchen in ihrer Freizeit ein Mal wöchentlich das Kinder-Zirkus-Theater Pflotsch in Basel. Im Juni werden sie ein Stück mit Theater, Akrobatik, Jonglage und Pantomime aufführen. Priska Sager (48), Bewegungs- und Theaterpädagogin und Leiterin der Gruppe, erarbeitet alle Stücke mit den Kindern selbst. «Das stärkt das Selbstbewusstsein der Teilnehmenden: Sie merken, dass ihre Ideen ernst genommen und umgesetzt werden, ihre Worte im Stück eine Rolle spielen», sagt Priska Sager. Dadurch, dass sie die Geschichten selber entwickeln, haben alle Kinder die Rolle, die sie sich wünschen, und sind dafür motiviert. Das Thema «Ich will die Hauptrolle» steht so gar nicht im Raum. Beim Erfinden lernen die Kinder mitzudenken und sich einzubringen, den andern zuzuhören und Rücksicht zu nehmen. «Neben Sozialkompetenzen entwickeln die Kinder so beim Theaterspielen auch Sprach- und Körperbewusstsein sowie Raumorientierung», sagt die Theaterpädagogin.

Priska Sager leitet mehrere Theaterprojekte mit verschiedenen Altersgruppen, unter anderem das Theater Wechselstrom, ein Generationenprojekt. An der Arbeit mit Kindern schätzt sie besonders, dass diese spontan und voller Ideen sind. Die Spielfreude in den Kursen übertrage sich auch auf den Alltag und ermögliche Lebensfreude, sagt sie. Stimmt: Schlüpfen die Kinder aus ihren Rollen, tummelt sich ein bunter, fröhlicher Haufen im Quartierzentrum.

Ein wunderbarer Platz für Träumereien und Ideen

Ganz anders präsentieren sich die Räume des Kinder- und Jugendtheaters Zug (KJTZ). Abgeschirmt von der Welt liegen sie im dritten Untergeschoss des Metalli-Einkaufszentrums. Doch hier unten beschäftigen sich die jüngeren und älteren Kinder nicht mit Shoppingfantasien, sondern drücken ihre Träumereien und Ideen durch Theaterspielen aus. Sie feilen an ihrem Ausdruck, an Bewegungen, an ihrer Sprache. Wir besuchen die 10- bis 14-jährigen Theaterfüchse, die sich zwischen Mitte Februar und Anfang April dreimal wöchentlich treffen, um die «Legende vom vierten König» zu erarbeiten – eine zu Ostern passende Geschichte.

Kinder beim Theaterspielen
Im Kinder- und Jugendtheater Zug bewegt sich Arsena zur Musik, die anderen machen nach.

Die Kinder beschreiben gerade das Wesen eines Pferds und dessen Verhältnis zum Besitzer, ihre Ideen sprudeln. Die Kursleiterinnen Rosanna Nieli (42) und Leonie Brombacher (42) betonen, dass es kein Falsch oder Richtig gibt. Dann spielen die Kinder das Pferd. «Ich finde, es macht mega Spass, dass ich hier so viele Rollen ausprobieren kann», sagt Leonie (14) zu ihrer Motivation. «Ausserdem lernen wir viel, das ich auch sonst gut gebrauchen kann. Zum Beispiel, sich vor ein Publikum hinzustellen oder Selbstvertrauen.» Das findet auch Isabelle (10) wichtig: «Hier kriegt man Mut für vieles. Und es ist toll, einen Moment ein anderer Mensch zu sein.» Und Benjamin (11) ergänzt: «Beim Theaterspielen kann man unzählige Charaktere und Gefühle ausdrücken, das geht in der Schule nicht. Dort kann ich nicht das Ross sein.»

«Theater ist für das Leben wie der Flugsimulator für den Piloten»

Das Kinder- und Jugendtheater Zug bietet jährlich 200 Kursplätze an für Kinder und junge Erwachsene zwischen 4 und 26 Jahren. Abgesehen von verschiedenen Altersgruppen gibt es verschiedene Kursmöglichkeiten: wöchentlich, in den Ferien oder kurz, dafür intensiv. Pro Saison werden acht Produktionen aufgeführt. Viele Kinder kommen immer wieder. Das grösste Interesse am Theaterspielen zeigen Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren. «Ein Alter, in dem man sich stark mit sich selbst beschäftigt und das Leben testet. Dazu ist Theaterspielen ideal. Durchs Spielen kann man Erfahrungen sammeln und üben, sich in den wildesten Situationen zu behaupten. Dabei merkt man: Ich kann das», erklärt Stefan Koch (47), Gründer und seit 27 Jahren Leiter des KJTZ. Er zitiert den Hirnforscher Manfred Spitzer: «Theater ist für das Leben wie der Flugsimulator für den Piloten.» Ausserdem lernen Kinder und Jugendliche beim Theaterspielen, Gefühle anderer Personen wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren. Das sei eine der wichtigsten Gaben der Menschheit, findet der Theaterleiter und beobachtet: «Die Empathie verschwindet heute immer öfter im virtuellen Smog.»

Auch eine stillgelegte Stickereifabrik in Buchs SG ist zu neuem Leben erwacht: als Werdenberger Kleintheater Fabriggli. Während draussen die Sonne auf die verschneiten Berge des St. Galler Rheintals scheint, flitzen drinnen im Scheinwerferlicht kleine, wilde und gefährliche rote Spots über die Bühne. Sie gehören zur Geschichte «Die Königin der Farben», mit der sich die zehn 5- bis 8-jährigen Kinder beschäftigen. Da ist Fantasie gefragt: Wie sollen sie das sanfte Blau oder das zickige Gelb spielen? Wie dem Publikum klarmachen, was sie in der Hand halten, ohne etwas in der Hand zu halten?

Scheue Kinder werden mit der Zeit mutiger

Der kleine Cenk (6) beugt sich über die mit einem blauen Tuch ausgekleidete Kiste und bemerkt: «Da ist ja gar nichts drin!» «Nein, aber du kannst trotzdem zeigen, dass du etwas Kuscheliges herausnimmst. Hast du ein Haustier?», fragt Bettina Herrmann (31), die Leiterin. Sofort reagiert Cenk, nimmt ein kleines, flauschiges Kaninchen aus der Kiste, streichelt es und setzt es vorsichtig wieder zurück – natürlich nur gespielt. Den Gesichtern der Kinder sieht man an, ob da etwas Ekliges, Gruseliges oder Herziges in der Kiste sitzt. Für Herrmann ist Theaterspielen eine Übung, das Leben zu beobachten und das auf der Bühne umzusetzen. So fliesst viel Eigenes der Kinder in die Szenen. Die Lehrerin, die sich in Theaterpädagogik weitergebildet hat, beobachtet auch, dass scheue Kinder mit der Zeit mutiger werden und Theaterspielen unter anderem für diejenigen Kinder, die noch nicht so gut Deutsch können, eine gute Übung ist, sich auszudrücken. «Ausserdem ist unsere Theaterwerkstatt eine der wenigen Alternativen zum üblichen Sportfreizeitangebot in der Region.» Im März zeigten die Kinder ihr Schaffen in der Werkschau ihren Eltern und Freunden.

Autor: Milena Conzetti

Fotograf: Vera Hartmann