Archiv
24. Mai 2017

Kinderlos glücklich

Jede zehnte Frau in der Schweiz möchte kein eigenes Kind. Warum entscheiden sich viele gegen die Gründung einer Familie? Drei Frauen aus drei Generationen erzählen.

Rosanna Grüter (r.) hat Spass mit Freundinnen
Rosanna Grüter (r.) hat Spass mit Freundinnen: «Ich werde im Alter sicher nicht vereinsamen, denn ich pflege meine Freundschaften.»

Die Hollywoodschauspielerin Jennifer Aniston (48) war im vergangenen Sommer wieder mal schwanger. Auch die «Gala» nahm das Gerücht auf, obwohl die deutsche People-Postille ein halbes Jahr zuvor selbst nachgezählt hatte, wie oft man der Schauspielerin bereits einen Babybauch angedichtet hatte – 122-mal.

Ihre Meinung interessiert uns!
Sind auch Sie gewollt kinderlos? Weshalb haben Sie so entschieden oder hat es sich so entwickelt? Verraten Sie es (auf Wunsch anonym) in einem Kommentar.


«Das ständige Bemühen der Presse herauszufinden, ob ich schwanger bin oder nicht, zeigt, dass Frauen noch immer teilweise als unvollständig gelten, wenn sie keine Kinder haben», machte Aniston in der «Huffington Post» ihrem Ärger Luft. Sie habe das so satt. Jeder solle doch bitte sein eigenes «Glücklich-bis-ans-Ende-seiner-Tage» bestimmen.

Die natürliche Bestimmung jeder Frau
Vielen gilt die Mutterschaft noch immer als Krönung des weiblichen Daseins. Kinderlose Frauen können ein Lied davon singen: Sind sie unter 30, wird der ausbleibende Kinderwunsch mit «Das wird schon noch» kommentiert. Sind sie über 30, werden sie gefragt: «Hast du keine Angst, das dereinst zu bereuen?» Und über 40 heisst es mitleidig: «Du wärst so eine gute Mutter» – selbst wenn frau stets andere Ziele hatte und Mitleid eigentlich völlig fehl am Platz ist.

Viele können sich nicht vorstellen, dass eine Frau ohne Kinder glücklich sein kann. Schliesslich sei es die natürliche Bestimmung jeder Frau, dereinst Mutter zu werden. Dabei zeigen Zahlen einer im «Journal of Marriage and Family» veröffentlichten Analyse von rund 60 Studien: 70 bis 80 Prozent der Paare mit einem Baby fühlen sich unglücklicher als in der Zeit vor der Geburt. Je kleiner die Kinder sind, desto mehr leidet das Glück. Auch in der Schweiz wird zum Thema geforscht: Die Resultate einer vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützten Studie sind jedoch noch ausstehend.

Kinder sind immer noch Frauensache
Sechs Prozent der Schweizerinnen zwischen 20 und 29 Jahren wollen laut einer Befragung des Bundesamts für Statistik (BfS) keine Kinder. Mit zunehmendem Alter steigt der Anteil der Frauen, die gewollt kinderlos sind. Derzeit hat jede fünfte Frau zwischen 50 und 59 keine Kinder. Bei geschätzt der Hälfte handelt es sich um eine gewollte Kinderlosigkeit.

Die Wissenschaft unterscheidet drei Gruppen von Frauen, die gewollt kinderlos bleiben: Die Frühentscheiderinnen, die schon in jungen Jahren wissen, dass sie dereinst keine Kinder wollen, sind am seltensten. Am häufigsten sind Aufschieberinnen: Frauen, die so lange keine Entscheidung fällen, bis sich das Thema von selbst erledigt. Manche wechseln vorher noch schnell in die Gruppe der Spätentscheiderinnen: Das sind die Frauen, die jahrelang Kinder wollten oder unentschlossen waren, dann aber irgendwann eine Entscheidung dagegen fällen – meist aufgrund der Umstände oder weil sie sich inzwischen zu alt für eine Familie fühlen.

In den vergangenen Jahren sind mehrere Bücher zum Thema auf den Markt gekommen. Im deutschsprachigen Raum etwa «Kinderfrei: Oder warum Menschen ohne Nachwuchs keine Sozialschmarotzer sind», «Ich will kein Kind» oder
«Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos glücklich». Der Fokus dabei liegt stets auf den Frauen, denn Männer ohne Kinder müssen sich selten für ihre Kinderlosigkeit rechtfertigen: Kinder sind immer noch Frauensache - was mit ein Grund ist, warum manche Frauen keine wollen.

Die Frühentscheiderin

Moderatorin Rosanna Grüter
Moderatorin Rosanna Grüter

Die Moderatorin Rosanna Grüter könnte sich selbst ­allenfalls als ­Vater vorstellen – aber nicht als Mutter.

Rosanna Grüter (32) mag Kinder eigentlich sehr. Sie ist Gotte einer Sechsjährigen, während der letzten zwei Jahre war sie Moderatorin einer Kindersendung auf SRF 1, und im vergangenen Dezember liess sie sich für die Aktion «Kinder auf der Flucht» in die Glasbox von «Jeder Rappen zählt» sperren. Und dennoch hat sie sich bereits mit 23 für ein kinderloses Leben entschieden.

«Was macht eine Mutterschaft mit mir? Mit meinem Körper? Mit meiner Beziehung? Und will ich das?», habe sie sich damals gefragt. Sicher sei ihre eigene Kindheit mit ein Grund für ihre Haltung: «Meine Mutter war alleinerziehend und zeitweise mit uns überfordert. Zudem hat sie ihre Pläne für meinen Bruder und mich über Bord geworfen.» Einen Knacks habe sie deswegen aber nicht, sie gehe das Thema Kinderhaben vielleicht einfach etwas rationaler an als andere.

Ich bin ein Schiff auf hoher See – kein Hafen.

Von sich selbst sagt die Radio- und Fernsehfrau: «Ich bin ein Schiff auf hoher See – kein Hafen.» Sie liebe Abenteuer und hasse Routine. Sie sei einfach keine mütterliche Person, sie könnte sich selbst höchstens als Vater vorstellen: «Frauen opfern immer mehr.» Von Männern hingegen werde erst gar nicht so viel erwartet.

Rosanna Grüter: «Ich pflege meine Freundschaften.»
Rosanna Grüter: «Ich werde im Alter sicher nicht vereinsamen. Ich pflege meine Freundschaften.»

Die Beispiele in ihrem Umfeld bestärken sie in ihrem Entscheid: «Sobald das Kind da ist, fallen die meisten in die traditionellen Rollen zurück, selbst wenn die Paare noch so emanzipiert sind.» Warum sollte das dann ausgerechnet bei ihr anders sein? Oder das Paar trenne sich – und dann werde es sowieso schwierig.

Die Stadtzürcherin ist nach einer vierjährigen Beziehung wieder Single. Ihr Exfreund wusste, dass sie keine Kinder will: «Das war aber nicht der Trennungsgrund.» Sie sei froh, dass sie sich nicht wie andere Gleichaltrige unter Druck setze: «Ich muss nicht noch schnell einen finden, der mit mir eine Familie gründen will.»

Den Vorwurf, egoistisch zu sein, lässt Rosanna Grüter nicht gelten: «Auch wer Kinder auf die Welt bringt, macht das nicht unbedingt aus Selbstlosigkeit.» Manche würden ihre eigenen Träume durch ihre Kinder realisieren wollen. Oder aber sie würden etwas von sich auf der Welt zurücklassen wollen. Sie lebe ihre Träume lieber selbst und halte sich einfach für nicht so wichtig, als dass ihre Gene auf diesem Planeten unbedingt Bestand haben müssten.

Die Freiheitsliebende

Uschi Behrens wollte nicht am Herd enden.
Uschi Behrens wollte nicht am Herd enden.

Die pensionierte Analytikerin Uschi Behrens wollte nicht am Herd enden.

Uschi Behrens (69) ist in einem Alter, in dem sich viele Frauen gern Zeit für ihre Enkel nehmen. Die pensionierte, biomedizinische Analytikerin hat jedoch keine Nachkommen, weil sie bereits als junge Frau wusste, dass sie keine Kinder will. Die Wahlaargauerin wuchs in der Nachkriegszeit in Krefeld bei Düsseldorf auf, als zweites von drei Kindern. Ihre Eltern hatten nicht viel Geld, konnten ihre clevere Tochter aber trotzdem an ein von Nonnen geführtes Gymnasium schicken. Die Schülerschaft stammte mehrheitlich aus besseren Verhältnissen. Dies weitete den Horizont der jungen Frau: «Die Vorstellung, das Hausfrauenleben meiner Mutter zu leben, war mir ein Graus.» Sie sei gierig nach der Welt da draussen gewesen und habe einfach nicht am Herd enden wollen.

Die Vorstellung, das Hausfrauenleben meiner Mutter zu leben, war mir ein Graus.

Kaum hatte sie mit 21 eine Lehre als Textillaborantin abgeschlossen, bewarb sie sich für eine Stelle in der Schweiz: «Ich kam im magischen Jahr 1968 nach Basel. Es war die Zeit, in der die Frauen für die Veränderungen der Geschlechterrollen kämpften. Die Liebe war frei und die Pille eine sichere Verhütungsmethode.» Das habe sich so viel richtiger angefühlt als die Moralpredigten der Nonnen, die zudem zuweilen richtig bösartig gewesen seien.

Zwischen 30 und 55 hatte Uschi Behrens einen festen Partner: «Er wollte auch keine Kinder.» Darum habe das gut gepasst. Während andere sich um die Familiengründung kümmerten, reiste Uschi Behrens viel und bildete sich persönlich und beruflich weiter. Nach einer längeren Singlephase lebt sie heute seit rund acht Jahren wieder in einer Beziehung. Mit einem Mann, der ebenfalls keine Kinder hat.

Uschi Behrens mit ihren Tennispartnerinnen
Uschi Behrens mit ihren Tennispartnerinnen: «Ich habe Übung darin, selbst für mein Glück verantwortlich zu sein.»

Aber Hand aufs Herz: Wäre es im Rentenalter nicht schön, wenn da eine eigene Familie und ein paar Enkel wären? «Das habe ich mich früher zuweilen auch gefragt. Ob ich meinen Entscheid dereinst bereuen könnte. Aber nein: Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben.» Im Gegensatz zu Frauen, die nie einen anderen Lebensinhalt als die Familie hatten und im Alter sehnsüchtig auf den Besuch der Enkel warten, habe sie Übung darin, selbst für ihr Glück verantwortlich zu sein. Und überhaupt: «Ich höre auch immer wieder von Grosseltern, die richtiggehend eingespannt werden – und darüber nicht nur glücklich sind.»

Uschi Behrens geniesst ihre Freiheit noch immer. Jeweils im Frühling und im Herbst verbringt sie mit ihrem Partner mehrere Wochen mit dem Camper in Südeuropa. Ist sie zu Hause, trifft sie sich regelmässig mit ihren Freundinnen zum Tennis, hilft auf einem Bauernhof mit oder trifft sich mit ehemaligen Arbeitskollegen.
Ganz ohne Bezug zu Kindern lebt Uschi Behrens aber trotzdem nicht: Sie hat im Rahmen eines Caritas-Projekts die Patenschaft für ein zehnjähriges Mädchen aus dem Iran übernommen. Etwa jede zweite Woche verbringt sie einen Nachmittag mit dem Mädchen. «Nicht, dass ich eine Lücke zu füllen hätte. Das Engagement macht mir einfach Spass.» Es sei ja nicht so, dass sie nichts mit Kindern anfangen könne.

Die Aufschieberin

Prozessbegleiterin Regula Simon mit ihrem Partner Moritz Wittensöldner
Prozessbegleiterin Regula Simon mit ihrem Partner Moritz Wittensöldner: «Ich sah die Bereitschaft eines Mannes, mit einer Frau ein Kind zu bekommen.»

Prozessbegleiterin Regula Simon mit ihrem Partner Moritz Wittensöldner: «Ich sah die Bereitschaft eines Mannes, mit einer Frau ein Kind zu bekommen.»

Als Teenager war für Regula Simon (48) klar: Sie würde eines Tages zwei oder drei Kinder haben. «Es war das einzige Bild einer erwachsenen Frau, das ich hatte», sagt die ehemalige Primarlehrerin. Gleichzeitig habe sie mit der Mutterschaft das Ende des lebendigen Teils ihres Lebens verbunden: zu Hause angebunden und ohne Perspektive für die Zukunft zu sein. Trotzdem habe sie den Entscheid, sich mit einem Mann einzulassen, jeweils davon abhängig gemacht, ob sie sich mit ihm hätte vorstellen können, Kinder zu haben. «Mutter zu werden, lag jedoch immer in ferner Zukunft.»

Die Vorstellung Mutter zu werden, lag immer in ferner Zukunft.

Zwischen 30 und 35 Jahren war Regula Simon als Weltenbummlerin unterwegs: Sie arbeitete während rund acht Monaten im Jahr als Matrosin im Segeltourismus in Holland und überquerte sogar zweimal den Atlantik. Mitte 30 erwachte bei ihr das Bedürfnis, wieder sesshaft zu werden. Sie stellte sich die Kinderfrage nun öfters. Die Ambivalenz war jedoch noch immer da. Entscheiden musste sich die Ostschweizerin nicht, weil damals kein Mann, mit dem sie ein Kind hätte haben wollen, in ihrem Leben war.

In diesen Jahren stellten sich sonderbare Gefühle ein: «Wenn eine Freundin mir freudestrahlend anvertraute, sie sei schwanger, erfüllte mich das mit Trauer.» In Zusammenarbeit mit einer Supervisorin versuchte sie, diesem Gefühl auf den Grund zu gehen – und kam zum Schluss: «Die Traurigkeit hatte nichts damit zu tun, dass ich mir selbst unbewusst ein Kind gewünscht hätte, sondern entstand durch den befürchteten Verlust der Freundin.»

Aus Erfahrung habe sie gewusst, dass sich die Freundschaft verändern würde, sobald das Kind einmal da war. Zudem habe sie die Bereitschaft eines Mannes, mit einer Frau zusammen ein Kind zu bekommen und grosszuziehen, als Beweis seiner Liebe betrachtet: «Eine Liebe, die ich mir selbst auch wünschte.» Mit 40 verliebte sich Regula Simon neu. Ihr Partner war sich sicher, dass er keine Kinder wollte. So wurde ihr die Entscheidung abgenommen.

Regula Simon hat sich inzwischen zur Prozessbegleiterin weitergebildet. In den Gesprächen mit ihren Kundinnen ist Kinderlosigkeit oft ein Thema: «Eine Frau sagte mir, dass sie keine kinderlosen alten Frauen kenne, die zufrieden seien. Das wollte ich mir näher ansehen und habe mich auf die Suche gemacht.»

Aus der Recherche ist die Website kinderfreilos.ch sowie das Buch «Kinderlos bleiben? Auch OK» entstanden, das Regula Simon im vergangenen Herbst im Eigenverlag herausgegeben hat. Es kann über die Website bezogen werden. Sie hat zwölf Frauen über 60 interviewt, die gewollt oder ungewollt kinderlos geblieben sind – und alle sind im Reinen mit ihrem Schicksal oder glücklich mit ihrer Wahl.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Anne Gabriel-Jürgens