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12. Oktober 2015

Kinderarmut in Industrieländern

Klar sind primär Kinder in Drittweltländern von Hunger bedroht, das Armutsphänomen betrifft aber Familien in Industrieländern ebenfalls – auch in der Schweiz. Zahlen und Fakten zu einem unterschätzten Phänomen - und drei Porträts von alleinerziehenden Müttern (rechts: «Auf Rechnungen gebettet»).

Die Länder Europas
Die Länder Europas und die nächsten umliegenden Staaten: Die ganz dunklen kommen in der Unicef-Untersuchung (noch) am besten weg, die hellen schlecht. (© Unicef)

Die aktuellste Studie der Unicef (Bericht zur Situation der Kinder in Industrienationen) belegt zum einen klar, dass Kinderarmut die Folge von armen Erwachsenen ist. Korrekterweise müsste man von Familienarmut reden, sobald es um Ursachenforschung und nicht um das Phänomen schlechthin geht. Naheliegendes Fazit dazu: «Schuld» sind die Eltern, die selbst meist schon vor der Ankunft des Nachwuchses in prekären Verhältnissen lebten, z.B. aufgrund von längerer Arbeitslosigkeit, Krankheiten, manchmal auch schon nur Scheidungsfällen.
Zweitens und im Ansatz teilweise überraschender fällt das Fazit aus, dass Armut bei Minderjährigen kein ausschliessliches Problem in Drittweltstaaten ist. In einigen Industrienationen sterben Kinder zwar nicht in ähnlich hoher Anzahl an Hunger, doch leiden sie nicht selten an sogenannt relativer Armut, wie sie Elsbeth Müller, Leiterin von Unicef Schweiz, im Interview (Migros-Magazin, Ausgabe 42) erklärt: Sind Kinder im Vergleich zu ihren Altersgenoss(inn)en am selben Ort in ihren Möglichkeiten eingeschränkt, werden sie etwa mangels Geld für Freizeitaktivitäten, Kleider usw. von Teilen des Soziallebens mit Gleichaltrigen abgeschnitten, weniger gefördert oder gar generell schlechter betreut?

Was untersucht wurde
Insgesamt untersuchte der Bericht 29 Punkte, gruppiert in die fünf grossen Themenbereiche ...

Materieller Wohlstand
Gesundheit und Sicherheit
Bildung
Verhalten und Risikobereitschaft
Wohnsituation und Umwelt

Darunter befinden sich für den Laien sehr notwendige Dinge wie die Qualität der medizinischen Betreuung (in Not- und anderen Fällen), jedoch auch Aspekte wie jene, ob es für Ferien reicht oder ob man in der Wohnung ein Zimmer sein Eigen nennt. Die letzten beiden Punkte bilden mit zwölf anderen eine gemeinsame Bewertungsgrundlage, wenn also keine Ferien drin liegen oder ein Zimmer mit Geschwistern geteilt wird, deutet das allein für sich genommen noch nicht auf relative Armut hin. Auch das Übergewicht oder etwa die Luftverschmutzung fliessen in die Gesamtbewertung ein.

Von Holland bis Rumänien
Betrachtet man die Rangliste der Industrienationen mit dem Gesamtmittelwert aller Bereiche, so belegt die Schweiz den achten Rang, mit einem Durchschnitt von 9.6 Rangpunkten. Durchaus ein respektables Ergebnis – es sei denn, dass man den allgemeinen Lebensstandard, den Reichtum oder die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zum Massstab nimmt. Weil in diesen Ranglisten durchwegs ein Platz in den ersten fünf, meistens gar in den ersten drei der untersuchten 29 Staaten resultiert, muss man in Sachen Kinderfreundlichkeit schon etwas Abstriche machen.
Spitzenreiter mit nur 2.4 Ringpunkten sind die Niederlande, vor Norwegen (4.6), Island (5.0), Finnland (5.4) und Schweden (6.2). Knapp vor den Eidgenossen taucht auch Nachbar Deutschland (Sechster mit 9.0) auf, Frankreich dahinter als 13. (12.8 Punkte), vor allem aber Österreich (18. mit 17.0) und Italien (22. mit 19.2 Punkten) fallen schon stark ab. Klar den letzten Rang hält Rumänien mit 28.6 Punkten, vor Lettland (26.4) und Litauen (25.2). Erschreckend weit hinten findet man auch die USA: Platz 26 mit 24.8 Punkten.

Materiell wenig vorbildliche Schweiz
Etwas überraschend schneidet die Schweiz in Sachen materieller Wohlstand nicht etwa besser, sondern gar leicht schlechter ab als in der Gesamtwertung. Mit einem Faktor von knapp 0.7 über dem Durchschnitt aller Industrieländer erreicht sie Rang 9, wiederum führen Holland (1.2), Finnland, Norwegen und Island (alle über 1.0) die Liste an. Völlig abgeschlagen am Ende Rumänien (-3.15), wiederum auf dem unrühmlichen viertletzten Platz die USA (-1.2), drei Ränge hinter Italien (-0.65). Frankreich und Deutschland sind erste Verfolger der Schweiz (Ränge 10 und 11).

Beinahe bedeutender als die Bewertung zum Wohlstand fällt die Analyse zur relativen Armut aus:
Fast jedes zehnte Kind leidet in der Schweiz unter Armut. Genau beträgt der Prozentsatz beim Zehntplatzierten 9.4%. In dieser Rangliste mit dem Anteil armer Kinder überflügeln die Finnen mit nur 3.5% die Niederländer (fast 6.0%) gar deutlich, die USA als Zweitletzte «verpassen» hier nur um ein halbes Prozent den Spitzenwert Rumäniens (23.5%)! Auch hier nehmen Deutschland und Frankreich die Ränge unmittelbar hinter der Schweiz ein (beide noch mit knapp unter 10%).

Dafür bei Wohnen oder Fettleibigkeit vorne
Gesundheit und Sicherheit ist sicher auch ein zentraler Bereich der Studie, wirken sich doch hier Defizite möglicherweise bis zur Frage von Leben oder Tod aus. In der Gesamtwertung erreicht die Schweiz hier Rang 11, gleich zwischen Frankreich und Deutschland, aber weit hinter den Leader-Nationen Island, Schweden und Finnland. Ohne eine schlechte Bewertung bei der Impfrate (Platz 22!) hätte die Schweiz hier eine bessere Rangierung erlangt. Den Spitzenrang schaffte sie bei der Fettleibigkeit (2.): Weniger als 9% der untersuchten 11-, 13- und 15-Jährigen sind betroffen. Was schon fast erstaunt, wenn man wiederum berücksichtigt, dass in Sachen körperliche Bewegung nur der viertletzte Platz resultiert.

Kein Grund zum Jubeln? Doch, in einer Kategorie schwingen die Eidgenossen glatt obenaus: Bei der Qualität von Wohn- und Lebensumfeld liegen sie an der Spitze.

Ebenso spannend: Bei der direkten Konfrontation mit Gewalt erreicht man zwar Platz 4, dafür sieht es beim Mobbing bedenklich aus: Rang 22.

Noch schlechter die Rangierung beim Cannabis-Konsum: Nur Kanada weist einen höheren Anteil an Jungen mit diesbezüglichen Erfahrungen aus.

Schwer beurteilen lässt sich die Performance bei der Bildung: Bloss Rang 16 belegt die Schweiz hier, allerdings ist die negative Note zum Grossteil auf das unterdurchschnittliche Angebot im Vorschulbereich zurückzuführen – und somit schlicht Folge langer politischer Diskussionen mit einer tendenziell skeptischen Mehrheit.

NOCH MEHR INFOS
Die ganze Unicef-Studie mit Weltkarte (in Englisch)

Autor: Reto Meisser