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05. November 2012

Kinderarbeit

Arbeit in der Kinderkrippe: Alles andere als unbeliebt
Die Arbeit in der Kinderkrippe: Alles andere als unbeliebt. (Bild iStock Photo)

«Ich habe das Glück, dass mein Sohn nicht in die Kinderkrippe muss», sagt die Frau, die neben mir im Auto sitzt. Sie tätschelt ihren Babybauch und zupft an den Bändern des Sicherheitsgurtes, um ihn perfekt zu positionieren. Nur das Beste für das Ungeborene. Das ist einer dieser Momente, in denen ich ins Steuerrad beissen könnte. Soll ich ihr nun alles, was mir zu diesem Thema in den Sinn kommt, an den Kopf werfen? Besser nicht, denn ihr Baby soll nicht in meinem Auto zur Welt kommen.

Aber Ihnen kann ich es ja sagen: Als Mami zweier Kita-Mädchen bin ich überzeugt davon, dass es ein grosses Glück ist, dass meine Kinder fremdbetreut werden können. Es geht wohlgemerkt nicht um mein berufliches Fortkommen, meine Selbstverwirklichung oder mein Portemonnaie. Nein, es geht um meine Töchter. Laut einem afrikanischen Sprichwort braucht man ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen. Und genau hier liegt das Problem. Ich bin kein Dorf. (Selbst wenn ich meinen Mann dazurechne, sind wir immer noch weit davon entfernt.)

Die Strukturen innerhalb der Krippen ähneln hingegen denen einer Grossfamilie. Jedes Kind wird von einer Person betreut, die sich in besonderem Masse mit ihm beschäftigt. Daneben gibt es aber auch noch viele weitere Erzieherinnen und Erzieher, die ebenfalls in der Verantwortung stehen. Im Gegensatz zu leiblichen Eltern hat das Krippenpersonal allerdings mehr Distanz zum Geschehen. Eine besondere Rolle kommt den «Geschwistern» der Kleinen zu. Es gibt eine Reihe von Studien, die eindrucksvoll aufzeigen, dass Krippenkinder sozialer sind als ihre Kollegen, die den ganzen Tag über bei Mutter, Vater oder Grosseltern sind. Das ist keine Überraschung, denn dort, wo zehn oder zwölf kleine Racker zusammen lachen, spielen, leben, gibt es viel mehr Reibungspunkte als in der klassischen Zwei-Kind-Familie.

In der Schweiz ist der Bedarf an Kita-Plätzen gross. Und er steigt weiter. Neu eröffnete Krippen füllen sich binnen weniger Tage wie von Geisterhand. Wenn man die Mädchen und Buben fragt, wie es ihnen in der Kita gefalle, fallen die Reaktionen meist positiv aus. Meine Töchter gehen gerne «schaffen». Das ist nicht verwunderlich, denn der Job als Kinderkrippenkind ist abwechslungsreich und macht auch noch Spass. Neulich wurden in «unserer» Kita Hühnereier ausgebrütet. Genau genommen übernahm das ein Brutkasten. Meine Mädels waren live dabei, als die Güggeli schlüpften. Sie erlebten, wie die gelben Flauschkugeln ihre ersten Körner pickten und wie ihnen im Laufe der ersten drei Lebenswochen ein winziger Kamm wuchs. Jetzt mal ehrlich: Ist das kein Glück?

PS: Eine gross angelegte US-amerikanische Langzeitstudie (Study of Early Child Care and Youth Development, SECCYD) hat ergeben, dass Krippenkinder, die qualifiziert betreut wurden, im späteren Leben beruflich erfolgreicher sind als Menschen, die im Kleinkindalter ausschliesslich bei den Eltern waren. Ein weiteres Ergebnis: Ehemalige Kita-Kinder scheinen später weniger anfällig für psychische Erkrankungen zu sein.
Verband Kindertagesstätten der Schweiz:
www.kitas.ch

Autor: Bettina Leinenbach