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10. Oktober 2016

Kinder trauern anders als Erwachsene

Wenn ein Mensch stirbt, hinterlässt er trauernde Angehörige. Darunter allzu oft auch Kinder. Wie kann man sie in dieser schwierigen Zeit am besten unterstützen? Eine Expertin gibt Auskunft.

Kinder trauern anders als Erwachsene

Frau Birgel, wie trauern Kinder?

Kinder trauern genauso lange und schwer, aber anders als Erwachsene. Sie können sich noch nicht bewusst mit der Trauer auseinandersetzen. Also gehen sie die Verarbeitung anders an. Sie können ihre Gefühle und Stimmungen innert Sekunden wechseln und sich ablenken lassen. Ein trauerndes Kind kann weinen, aber auch wütend sein, sich zurückziehen. Oder überdreht sein, lustig und Aufmerksamkeit suchend. Oder es kann Essprobleme haben oder Schwierigkeiten beim Einschlafen. Auch Freudlosigkeit und Antriebslosigkeit kann es geben. Leider werden nicht alle diese Trauerformen von den Erwachsenen erkannt, auch weil sie schnell wechseln können.

Gibt es auch Kinder, die nicht trauern?

Nein. Alle Kinder trauern. Wenn ein Kind spielt und lacht, bedeutet das nicht, dass es nicht trauert. Bei Erwachsenen ist das so, dass sie in ein riesiges Loch fallen, wenn sie trauern. Die Trauer ist wie ein Meer. Man schwimmt und rudert, damit man darin nicht versinkt. Kinder trauern mehr wie in Pfützen. Sie springen rein und wieder raus.

Weshalb ist das so?

Das Kind schützt sich so instinktiv vor einer Überbeanspruchung. Es wechselt zwischen der Trauer und dem Leben im Hier und Jetzt, wo man eben Fussball spielt oder über einen Witz lacht. Dazwischen sind die Trauerpfützen. Für die Kinder ist das gesund. Ohne diesen Schutzmechanismus ist die Trauer für ein Kinderherz gar nicht auszuhalten. Für Erwachsene ist das ein schwieriges Bild, das lachende Kind in der Trauerphase. Aber damit müssen sie umgehen.

Wie sollen sich Eltern von trauernden Kindern verhalten?

Das Kind ernst nehmen, das gilt für jedes Alter. Dann ist natürlich Liebe und Zuneigung wichtig. Und dass man ein offenes Ohr hat für das Kind. Es tut übrigens Kinder in jedem Alter gut, wenn man die eigene Trauer zeigt und darüber spricht. Erwachsene sollen die Kinder ermutigen, dass sie traurig oder wütend sein dürfen. Jedes Gefühl ist richtig.

Wann endet die Trauerphase bei Kindern?

Das kann man nicht sagen. Bei Kindern geht es oft schneller als bei Erwachsenen. Denn sie leben im Hier und Jetzt und haben bessere Ressourcen. Wenn Kinder gut begleitet werden von lieben Menschen, dann kommen sie schneller aus der grössten Trauer hinaus und können die verstorbene Person im Herzen wahren. Aber die Trauer wird nie aufhören. Nur die traurigen Zeiten werden kürzer. Sie sind aber noch so stark wie am Anfang. Trauer ist ein lebenslanger Prozess. 


ZUR PERSON
Sandra Birgel ist Kindertrauerbegleiterin. Sie leitet Kindertrauergruppe in der Trauerschmiede im Berner Oberland. Frau Birgel ist verwitwet und Mutter einer Tochter.

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Autor: Advertorial