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06. März 2017

Kinder-Sonntag in der Turnhalle

Kalte Sonntage mit Computerspielen vertrödeln? Langweilig, verglichen mit dem Angebot «OpenSundays». Einen Nachmittag lang können sich Kinder in Turnhallen spielerisch so richtig austoben – angeleitet von jugendlichen Coachs, die dabei ihrerseits viel lernen.

«OpenSunday» in Tübach-Horn
«OpenSunday» in Tübach-Horn: Kinder dürfen sich einen ganzen Nachmittag lang in der Turnhalle austoben.

Johlend stürmen die Kinder in den Vorraum der Sporthalle in Tübach-Horn SG: 35 energiegeladene Schülerinnen und Schüler von der 1. bis zur 6. Klasse sind an diesem kühlen Sonntag angetrabt, und sie haben sehnsüchtig gewartet, bis die Tür aufgeht.

Es ist OpenSunday – Zeit, sich einen Nachmittag lang sportlich auszutoben, statt sich zu Hause hinter Computerspielen zu verschanzen. Das Angebot der Stiftung «IdéeSport» trifft voll ins Schwarze: Ausgelassen rennen Buben und Mädchen durch die Sporthalle, probieren schon mal die Elefantenmatte aus, klettern die Stangen hoch oder hüpfen über die Reifen am Boden.

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Nach ein paar Minuten ruft Juniorcoach Rubens Wirth (18) die Kinder zusammen. Als sie im Kreis am Boden sitzen, erklärt er ihnen die Regeln. Viele kennen sie schon auswendig: «Es wird nicht geschubst, gehauen oder geplagt!», ruft ein kleiner Junge eifrig. Rubens nickt. «Genau. Und wenn etwas nicht läuft, fragt ihr einen Coach.» Die OpenSundays in Tübach-Horn werden von Oktober bis April durchgeführt. – wenn es draussen kalt und unfreundlich ist und viele Kinder lieber zu Hause sitzen bleiben, statt hinauszugehen. Rubens Wirth ist meistens dabei, und er rennt mindestens so begeistert wie die Kinder. Spiel und Sport machen auch ihm sichtlich Spass.

Als Startschuss in diesen Nachmittag hat Rubens zusammen mit den anderen Juniorcoachs «Affenfangis» eingeplant: Fünf Fängerinnen und Fänger versuchen, die anderen Kinder einzufangen und in den «Käfig» hinter dem Fussballtor zu stecken. Los gehts, ausgelassen und im wilden Galopp. Sobald Rubens jedoch mit seiner Handpfeife trillert und die Kinder in den Kreis ruft, folgen sie ihm erstaunlich schnell. Kaum zu glauben, dass er das früher alles andere als einfach fand.

Aller Anfang ist schwer
«Als ich Juniorcoach wurde, hatte ich grosse Mühe, vor der ganzen Gruppe etwas zu erklären, ohne zu stammeln», erinnert er sich. Damals ging er noch in die erste Oberstufe. «Ich habe dann zum Glück sehr schnell gelernt, mich hinzustellen und deutliche Anweisungen zu geben.»

Im Lauf der letzten Jahre hat er viel Erfahrung gewonnen. Sie hilft ihm bei seiner Ausbildung im Kinderhus Ladrüti in Egnach TG, wo er im ersten Lehrjahr als Fachmann Betreuung arbeitet. «Auch dort kann ich den Kindern dank des Trainings als Juniorcoach heute Sicherheit und klare Strukturen vermitteln», sagt Rubens. «Bei Unstimmigkeiten schaue ich, was los ist, und diskutiere die Probleme aus.» Heute sagt er deshalb nicht mehr: «Was hast du gemacht?», weil das quasi eine Anschuldigung ist, sondern: «Was ist dein Problem?»

Ein etwa sechsjähriger Junge ist beim Spielen gestolpert und hat sich das Knie aufgeschürft. Fabienne Lutz (20) bringt ihn ins Nebenzimmer. Als Projektleiterin trägt sie die Hauptverantwortung. Seit zwei Saisons ist sie dabei. «Zum Glück hat es bei uns noch nie einen schlimmen Unfall gegeben», sagt sie. Ein paar Schürf- und Platzwunden, ab und zu ein wenig Nasenbluten – mehr ist in all den Jahren weder in Tübach-Horn noch an anderen Austragungsorten passiert. Fabienne klebt dem Jungen geübt ein Pflaster aufs Knie, tröstet ihn – und schon ist alles wieder gut. Kaum ist er zurück bei den anderen, rennt er munter los.

Zum Zvieri gibts Äpfel
Blitzschnell verfliegt die Zeit bis zum Zvieri. Die Kinder sind jedoch derart ausgelassen am Spielen, dass sie kaum aus der Halle zu locken sind. Viel zu viel Spass machen Bänklischaukel oder Ringtrapez. Aber eine kurze Pause muss sein, damit sich die Wildfänge zwischendurch ein wenig beruhigen und etwas trinken. Im Vorraum gibt es Äpfel, Brot und Wasser, vorbereitet von den Juniorcoachs.

In Rorschacherberg SG, gut 15 Autominuten von Tübach-Horn entfernt, steht zur gleichen Zeit die 13-jährige Melanie Pinto am Tisch in der Vorhalle und schneidet Äpfel. Hier sind gar 55 Mädchen und Buben erschienen – Kinder aller Nationalitäten, darunter ein paar Buben und Mädchen aus der Sonderschule nebenan – Integration pur.
Hastig essen sie ihren Zvieri, und kaum öffnet einer der Coachs die Hallentür, stürmen sie los. Weiter geht das ausgelassene Treiben, Lachen erfüllt die Halle.

Melanie Pinto (13) betreut bei ihrem ersten Einsatz am Rorschacherberg bereits 70 Kinder.
Melanie Pinto (13) betreut bei ihrem ersten Einsatz am Rorschacherberg bereits 70 Kinder.

Melanie Pinto (13) betreut im ersten Einsatz am Rorschacherberg bereits 70 Kinder.

Melanie Pinto hilft mit, die wilde Schar zu bändigen. Erst kürzlich hatte sie nach einem Teamkurs am Vormittag ihren allerersten Einsatz als Juniorcoach – gleich mit 70 Kindern! Da musste Melanie erst einmal tief durchatmen: «Ja, das war anstrengend, und ganz am Anfang war ich natürlich ein wenig nervös. Da muss man ja zuerst wissen, wie man am besten vor diese Menge Kinder hinsteht und wie man sie überhaupt ruhig bekommt.»

Lernen, andere zu motivieren
Zum Glück haben fünf andere Juniorcoachs gleichzeitig mit ihr angefangen. Sie werden im Wechsel eingesetzt, und die erfahrenen Coachs zeigen den «Frischlingen», wie sie am besten vorgehen. «Geh doch hin und motiviere diese Gruppe, sie sollen sich gegenseitig auf der Schaukel anstossen», hätten ihr die Erfahrenen zum Beispiel geraten.
«Im Teamkurs lernen wir auch, wie wir mit schwierigen Situationen umgehen können. Wir spielen eine Situation zweimal durch: Das erste Mal, wie es wäre, wenn sie schlecht laufen würde, und dann noch einmal, wie man sie gut anpacken könnte.»

Jede Saison wird ausserdem ein bestimmtes Thema besonders intensiv behandelt. Aktuell geht es um Feedbacks: Wie sollen Juniorcoachs und Coachs miteinander kommunizieren, wenn etwas gar nicht gut läuft? «Diese gemeinsamen Besprechungen und Übungen helfen mir sehr», sagt Melanie Pinto. «Und ich fühlte mich schon bei meinem zweiten Einsatz viel sicherer.» Ob sie beruflich etwas in diese Richtung lernen möchte, weiss sie heute noch nicht. Im Moment hat sie einfach Spass und geniesst die Erfahrung. «Das Tolle ist: Ich kann beim Fussball oder Fangis jederzeit mitmachen und lerne dabei erst noch etwas.»

Wie nach jedem «OpenSunday» werden alle Coachs gemeinsam eine Nachbesprechung machen – sobald sich die Kinder ausgetobt haben und sich eins nach dem anderen höflich verabschiedet hat. 

DREI PROJEKTE

Für Minis und Teenies

MidnightSports: Die Stiftung IdéeSport startete 1999 unter dem Titel MidnightSports ihr erstes Bewegungsförderungsprojekt: Samstags zwischen 21 Uhr und Mitternacht treffen sich Jugendliche ab 13 Jahren in Sporthallen und spielen Basketball, Streetsocker oder Volleyball. Die Absicht dahinter: «Sport als Mittel der Gewalt- und Suchtprävention, der Gesundheitsförderung und der gesellschaftlichen Integration.»

OpenSunday wird für Kinder zwischen 7 und 12 Jahren angeboten. Das Bewegungsförderungsprojekt wurde vor zehn Jahren ins Leben gerufen (siehe dazu Interview Seite 95) und wird heute an insgesamt 46 Standorten in 20 Kantonen angeboten. Pro Juventute unterstützt die «OpenSundays» finanziell und ideell.

MiniMove, das jüngste Projekt, setzt bei der Bewegungsförderung noch früher an: Es ist für Familien mit Kindern zwischen 2 und 5 Jahren gedacht und findet im Winter an Sonntagnachmittagen statt.

Schweizweit werden in allen Programmen pro Jahr bis zu 4000 Veranstaltungen angeboten, rund 130'000 Kinder und Jugendliche nehmen daran teil. Finanziert werden die Projekte zum Teil durch Bund, Kantone und Gemeinden sowie mithilfe von Stiftungen und Sponsoren.
Infos: www.ideesport.ch

Autor: Claudia Weiss

Fotograf: Stephan Bösch