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14. November 2011

«Kinder sind nicht der Besitz der Eltern»

Die Zahl der Fälle, in denen Eltern ihren Kindern eine medizinische Behandlung verweigern, steigt. Oft ist es schwierig, mit den ideologisch motivierten Angehörigen eine Lösung zu finden.

Chemotherapie vs. alternative Heilmethoden
An der Chemotherapie scheiden sich oft die Geister. Manche Eltern setzen auf alternative Heilmethoden (Photo: Vario Images).
Ulrich Lips
Ulrich Lips (63) ist stellvertretender Leiter des Kinderspitals Zürich und Chef der Zürcher Kinderschutzgruppe.(Bild: zVg.)

Ulrich Lips (63) ist stellvertretender Leiter des Kinderspitals Zürich und Chef der Zürcher Kinderschutzgruppe.

Ulrich Lips, wie häufig verweigern Eltern ihren Kindern eine medizinische Behandlung?

Harte Zahlen habe ich keine. Aber ich allein habe es in jetzt 23 Jahren sicher über ein Dutzend Mal erlebt. Und in letzter Zeit ist die Tendenz eher zunehmend.

Was für Gründe sind Ihnen schon begegnet?

Meist geht es um die Alternativmedizin und um Krankheiten, die starke Medikamente brauchen, wie etwa Chemotherapie. Die Eltern haben Angst vor den Nebenwirkungen und glauben, auch mit alternativen Methoden erfolgreich zu sein.

Man traut Ihnen als Arzt also nicht zu, dass Sie das richtig einschätzen können?

Richtig. Dabei wären wir sogar offen für komplementärmedizinische Methoden, ergänzend zu unseren. Werden diese jedoch allein angewendet, wird es gefährlich für das Kind.

Wie versuchen Sie Eltern zu überzeugen, Ihre Hilfe dennoch anzunehmen?

Wir zeigen ihnen die Konsequenzen auf, erläutern ihnen die Prognose mit und ohne Chemotherapie, wir klären über die Nebenwirkungen auf. Dabei reden wir immer mit beiden Elternteilen. Wir bieten an, mit einer Familie zu sprechen, bei der ein Kind den gleichen Tumor hatte. Falls das Sinn macht und gewünscht wird, sprechen wir auch mit einer wichtigen Person des Familienclans oder der religiösen Gemeinschaft. Das ist häufig erfolgreich, weil diese Personen oft konzilianter sind als die Eltern. Allerdings: Wenn ein Kind Leukämie hat, kann man nicht wochenlang diskutieren.

Was geht in den Eltern vor, die sich trotz allem verweigern? Warum versuchen sie nicht alle Wege, ihrem Kind zu helfen?

Das ist genau das grosse Rätsel. Auch ich kann das nicht nachvollziehen.

Bringt Sie so ein Verhalten nicht zur Weissglut? Wie gehen Sie damit um?

Es bringt nichts, wütend zu werden. Das würde es nur schlimmer machen. Es gehört zur Professionalität, seine Gefühle zu kontrollieren.

Haben die Eltern wirklich mehr Rechte als ein Arzt, der verpflichtet ist, Leben zu retten? Können Sie gar nichts tun?

Doch. Wenn alle Diskussionen nichts fruchten, wendet sich das Behandlungsteam an die Kinderschutzgruppe, und die kann dann die Vormundschaftsbehörde einschalten. Das Recht der Eltern geht weit, aber es hört dort auf, wo das Wohl des Kindes gefährdet ist. Kinder sind nicht der Besitz der Eltern, sie haben ihre eigenen Rechte. Aber auch wenn die Vormundschaftsbehörde involviert ist, können sich die Diskussionen und Rechtshändel hinziehen. Es kommt vor, dass es am Ende zu spät ist und das Kind trotz allem stirbt.

Und Sie können nur daneben stehen und zusehen?

Ja, das ist leider so.

Gibt es gesellschaftliche Entwicklungen, die diese Verweigerungshaltung von Eltern verstärken?

Ganz klar. Eltern wollen heute überall mitreden, was ja per se nicht schlecht ist. Aber das Kindeswohl darf dadurch nicht gefährdet werden. Ausserdem sind Kinder oft solche Wunschkinder, dass alles, was nicht genauso rauskommt, wie man es sich vorstellt, als Katastrophe empfunden wird.

Braucht es Eignungstests für Eltern?

Diese Frage ist eine nette intellektuelle Spielerei, aber niemals durchsetzbar. Auch wenn ein solcher Test vielleicht nützlich wäre.