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06. April 2015

Kinder sind auch Vatersache – oder?

Ein Kleinkind leidet, wenn seine Mutter berufstätig ist – so urteilen noch heute rund die Hälfte der Männer und ein Drittel der Frauen in der Schweiz. Warum halten sich traditionelle Rollenmodelle so hartnäckig? Und wie lässt sich das ändern?

Für Frauen heisst es noch immer: Kinder und Küche anstatt Karriere.
Für Frauen heisst es noch immer: Kinder und Küche anstatt Karriere. (Bild: Getty Images)

Das traditionelle Rollenmodell ist in der Schweiz noch immer fest in den Köpfen verankert: 49 Prozent der Männer finden, dass ein Kind im Vorschulalter leidet, wenn seine Mutter berufstätig ist. 38 Prozent der Frauen sind der gleichen Meinung. Das zeigen erste Ergebnisse der Familienerhebung des Bundesamts für Statistik.

Die Zahlen verdeutlichen auch: Hat sich das traditionelle Rollenmodell in einer Familie erst einmal etabliert, wird sich daran nicht mehr viel ändern. Das Alter des jüngsten Kindes beeinflusst die Aufteilung der Kinderbetreuung kaum. Für weniger als 10 Prozent der Arbeiten rund ums Kind ist hauptsächlich der Vater verantwortlich – am höchsten ist deren Anteil beim Ins-Bett-Bringen mit 9 Prozent. Im Vergleich dazu bleibt in 75 Prozent der Fälle die Mutter zu Hause, wenn das Kind krank ist.

Archaisches Rollenbild des Ernährers

Warum sind die Rollen nach wie vor so althergebracht verteilt? Für Jürg Wiler, Co-Autor des Ratgebers «Der Teilzeitmann – Flexibel zwischen Beruf und Familie», gibt es viele Gründe: «Unter anderem haben Männer das archaische Rollenbild des Ernährers noch stark verinnerlicht.»

Auch wenn die Männer gegenüber der Berufstätigkeit von Müttern mit kleinen Kindern skeptischer eingestellt sind als die Frauen, so hat in den letzten 20 Jahren doch bei beiden ein Umdenken stattgefunden. Bei einer Umfrage aus dem Jahr 1994/95 hatten noch 61 Prozent der Männer angegeben, dass ein Kind leide, wenn seine Mutter einen Job hat. Bei den Frauen stimmten damals 49 Prozent dieser Aussage zu.

«Die Angst vor Macht- und Statusverlust hält viele Männer von Teilzeitarbeit ab»

Jürg Wiler, ist es nicht einfach natürlich, dass in den ersten Jahren die Mutter zu Hause bleibt?

Meine Partnerin und ich haben die ­Familienarbeit von Anfang an durch zwei geteilt. Ich muss zugeben: Zu Beginn habe ich mich eher als Zudiener gefühlt. Ich denke, Frauen haben kurz nach der Geburt eine engere Bindung zum Kind. Männer müssen sich diese Nähe zuerst erarbeiten – das braucht einen langen Atem.

Jürg Wiler (53) arbeitet 50 Prozent und leitet die Kampagne «Der Teilzeitmann Schweiz» sowie zwei Männergruppen.
Jürg Wiler (53) arbeitet 50 Prozent und leitet die Kampagne «Der Teilzeitmann Schweiz» sowie zwei Männergruppen.

Warum sollte man es als Vater nicht einfach dabei belassen?

Mein Leben ist mit der Kinderbetreuung zwar nicht einfacher geworden, aber sehr viel reicher. Kleinkinder machen fast jeden Tag einen Entwicklungsschritt: Ich habe aktiv miterlebt, wie sich aus einem Würmchen eine denkende und sprechende Persönlichkeit entwickelt hat – als vollberuflich tätiger Mann hätte ich mich nicht so nah dran am Leben gefühlt.

Was wurde schwieriger?

Die Karriere musste ich abstreichen. Ich war zwar nie auf den beruflichen Aufstieg fixiert, aber kalt liess mich das dennoch nicht.

Warum ist Männern die Karriere oft wichtiger als die Kinder?

Viele Männer haben noch immerverinnerlicht, dass sie die Alleinernährer der Familie sein müssen. Auch die Angst vor Macht- und Statusverlust hält viele von Teilzeitarbeit ab.

Wie gingen Sie damit um?

Der Druck fiel weg, als meine Tochter nach einem Sturz zum ersten Mal «Papi» statt «Mami» schrie. Seither weiss ich, dass ich eine vollwertige Bezugsperson für meine Kinder bin – das Ziel Karriere wurde dadurch weniger dringlich, weil mir das andere einfach wichtiger war.

Es gibt aber Mütter, die gar nicht arbeiten und ihre Kinder auch nicht in die Obhut der Väter geben wollen.

Frauen verlieren die Definitionsmacht über Haus und Kinder, wenn sie ihre traditionelle Rolle verlassen. Auch fühlen sie sich allenfalls weniger aufgehoben, wenn sie zum Familienunterhalt beitragen müssen. Im Gegenzug kann das Leben reicher werden, wenn es auf mehreren Ebenen gelebt wird. Viele gut ausgebildete Hausfrauen könnten ihr Potenzial auch in der Wirtschaft einbringen.

Was müsste sich ändern, damit die Kinderbetreuung keine Geschlechterfrage mehr ist?

Elternschaft in der Schweiz ist – im Gegensatz zu Holland oder Skandinavien – nach wie vor ein hartes Brot. Politik und Wirtschaft sind da gefordert: Menschen, die Verantwortung für Kinder übernehmen, brauchen Zeit dafür – und flexible Arbeitszeitmodelle.

Zeit ist Geld: In der Wirtschaft setzt sich normalerweise nur das durch, was auch Gewinn bringt.

Auch die Arbeitgeber profitieren: Studien zeigen, dass Unternehmen,die Teilzeitmitarbeitende beschäftigen, acht Prozent mehr Rendite erzielen – unter anderem weil die Angestellten motivierter und effizienterarbeiten. Zudem sind Teilzeiter ihrer Firma gegenüber loyaler, weil sie ihren Lebensentwurf verwirklichen können.

Und trotzdem gibt es nach wie vor wenig Teilzeitstellen.

Da wird sich in Zukunft einiges ändern. Im Wettbewerb um gut qualifizierte Arbeitskräfte müssen die Unternehmen umdenken. Die Generation, die jetzt in den Arbeitsmarkt tritt, wird mehr Flexibilität fordern – nicht nur die Frauen, auch die Männer.

Haben Sie Tipps, wie man dem Arbeitgeber Teilzeitarbeit schmackhaft machen kann?

Bereiten Sie sich gut auf das Gespräch vor. Betonen Sie die Vorteile für die Firma und zeigen Sie Lösungen auf. Zudem sollten berufstätige Mütter darauf bestehen, dass ihr Partner ebenfalls Teilzeit arbeiten kann. Sonst überfordern sie sich mit den beiden Rollen.

Autor: Andrea Freiermuth