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14. März 2016

Die Reha für Kinder

Seit einem Schlaganfall ist Manuel Höchli halbseitig gelähmt. In Affoltern am Albis, in der landesweit einzigen Reha-Klinik für Kinder, kämpft der Zwölfjährige gegen die Behinderung an. Mit Spiel, Spass und Unterstützung der Miss Schweiz.

Reha-Patient Manuel Höchli
Glück im Unglück: Dank der Therapie in der Reha-Klinik wird Manuel Höchli (12) bald wieder durch die Gänge rennen können.

Manuel kurvt durch die Gänge – vorbei an einem zwei Meter hohen Plüschbären, einem Töggelikasten und Türen, die mit Kinderzeichnungen und Girlanden geschmückt sind. Er sitzt in einem Rollstuhl, in seinem «Ferrari». Der rechte Fuss am Boden ist sein Gaspedal, die rechte Hand am Rad sein Steuer. Seine linke Körperhälfte bleibt weitgehend inaktiv. Der Zwölfjährige ist halbseitig gelähmt. Darum lebt er seit drei Wochen im Rehabilitationszentrum für Kinder und Jugendliche in Affoltern am Albis.

Physiotherapie morgens um 8.15 Uhr: Für Manuel beginnt der Tag mit ein paar Übungen auf der Liege.
Physiotherapie morgens um 8.15 Uhr: Für Manuel beginnt der Tag mit ein paar Übungen auf der Liege.


Die Klinik gehört zum Kinderspital Zürich und ist das einzige Rehabilitationszentrum für Kinder und Jugendliche in der Schweiz. 47 Betten, 140 Vollzeitstellen, 220 Mitarbeiter. Kinder, die hier therapiert werden, haben meist eine schwere Hirnverletzung, etwa nach einem Unfall oder infolge eines Geburtsfehlers. Viele haben körperliche und geistige Beeinträchtigungen davongetragen, manche haben die Sprache verloren oder sind teilweise gelähmt. Wie Manuel.
Um 8.15 Uhr hat er noch Schlaf in den Augen, muss aber bereits zur ersten Therapiestunde anrollen. Sie findet in einem Raum statt, der einer Turnhalle im Kleinformat gleicht. Hier eine Sprossenwand, da ein Gymnastikball, dort ein Minitrampolin. Die Physiotherapeutin lässt den Buben das Tagesprogramm mit ein paar Übungen auf einer Liege beginnen.

Der Tag, an dem sich Minuten wie Stunden anfühlten

Vor vier Wochen stand Manuel noch auf den Ski. Morgens alpin, nachmittags nordisch. Der polysportive Primarschüler mit einer grossen Leidenschaft für Tennis und Golf freute sich schon auf den Skatingkurs, den seine Mutter für ihn gebucht hatte. Dass er dann auf der Loipe stürzte, als es einmal etwas abwärtsging, verstand er nicht wirklich – und noch weniger verstand er, dass er anschliessend nicht mehr aufstehen konnte, obwohl ihm nichts wehtat.

Lauriane Sallin setzt sich für mehr Reha- und Pflegezentren ein, insbesondere für junge Menschen. Erfahren Sie, warum und wie die amtierende Miss Schweiz sich für Kinder engagiert.


Der Langlauflehrer alarmierte Manuels Mutter. Daraufhin wurde der Junge zum Arzt im Dorf transportiert. Der erstellte Röntgenbilder, konnte darauf aber keine Verletzungen erkennen. Er rief umgehend die Rega: Verdacht auf Schlaganfall.
Pro Jahr erleiden rund 15 000 Menschen in der Schweiz einen Hirnschlag, darunter etwa 50 Kinder und Jugendliche. Dabei zeigt sich die Krankheit unabhängig vom Alter in zwei verschiedenen Ausprägungen: Entweder wird der «Schlag» durch eine Verstopfung in den Blutgefässen ausgelöst, oder die Gefässwände sind undicht, und es kommt zu einem Blutgerinnsel. Letzteres war bei Manuel der Fall.


Wenn Helen Höchli (47) sich an den Tag des Unfalls ihres Sohns erinnert, stehen ihr Angst und Verzweiflung erneut ins Gesicht geschrieben: «Am schlimmsten war das Warten.» Wertvolle Minuten seien verstrichen, weil der Helikopter nicht gleich neben der Arztpraxis in Lenzerheide GR landen durfte. «Der Landeplatz ist vor Kurzem verlegt worden, weil sich Anwohner durch den Lärm gestört fühlten.» Die Eltern mussten sich eine Stunde lang gedulden, bis auch das Ambulanzfahrzeug aus Chur bereit war, Manuel von der Arztpraxis zum Helikopter zu transportieren. Eine Fahrt im Privatwagen kam in seinem Zustand nicht mehr infrage.

Wenn einfachste Aufgaben zum Prüfstein werden

Unterricht in Motorik: Einen Strich mit dem Lineal zu ziehen, ist eine grosse Herausforderung.
Unterricht in Motorik: Einen Strich mit dem Lineal zu ziehen, ist eine grosse Herausforderung.

Manuel hatte Glück im Unglück: Das Gerinnsel kam von selbst zum Stillstand, bevor es allzu grossen Schaden anrichten konnte. Hätte es sich weiter ausgebreitet, wäre wahrscheinlich auch das Sprachzentrum geschädigt, das Erinnerungsvermögen oder das Arbeitsgedächtnis beeinträchtigt worden. Im schlimmsten Fall hätte es sogar zum Tod führen können.
Um 9.10 Uhr beginnt für Manuel in Affoltern am Albis der Unterricht, in einem Raum mit bloss vier Arbeitsplätzen. Kliniklehrerin Martina Leiser (58), vertraut mit 26 Lehrplänen aus 26 Kantonen, hat sich bei der Primarschullehrerin in Baden AG erkundigt, welcher Stoff in Manuels Abwesenheit behandelt wird. Heute steht Bruchrechnen auf dem Programm. Manuel begreift schnell, dass seine Auffassungsgabe durch den Hirnschlag nicht in Mitleidenschaft
gezogen worden ist. Eine Aufgabe bereitet ihm trotzdem Mühe: Er soll mit dem Lineal einen Kreis in acht Teile zerschneiden. Um den Massstab fixieren zu
können, braucht er seine linke Hand – und die ist dafür noch zu schwach.
Der ärztliche Leiter der Klinik, Andreas Meyer-Heim (48), erklärt, warum die Schule so wichtig ist: «Ziel der Rehabilitation ist wenn immer möglich die Reintegration in den Beruf. Und da unsere Patienten von Beruf Schüler sind, gehen sie bei uns auch zur Schule – und können sich so in einem geschützten Rahmen auf allfällige Schwierigkeiten vorbereiten.»

Ballerspiele am Computer – vom Arzt verschrieben

Ergotherapie: ärztlich verordnetes Ballern – Manuels Lieblingsprogramm.
Ergotherapie: ärztlich verordnetes Ballern – Manuels Lieblingsprogramm.

Der Leiter trägt keinen weissen Kittel, sondern meist nur Hosen und Pullover. Geht er durch die Gänge, macht er gern Faxen mit seinen Patienten, die er alle beim Namen nennt. Erst beim Gespräch mit den Angehörigen wird sein Gesicht zuweilen ernst, erkennt man in ihm die Autorität. «Manchmal haben die Eltern zu hohe Erwartungen, dann müssen wir sie bremsen, um das Kind zu schützen.»
Manuel macht sehr schnell Fortschritte. Das liegt auch daran, dass er eine hohe Frustrationstoleranz hat und topmotiviert mitmacht. Vor allem bei Armeo, seiner Lieblingstherapie. Dabei handelt es sich um eine Art Nintendo mit einem Roboterarm. Sogar ein Ego-Shooter-Game ist unter den programmierten Spielen zu finden. Einzige Bedingung: Manuel muss die Piraten mit der linken Hand «erledigen». Der Roboterarm unterstützt ihn bei dieser für ihn sehr anspruchsvollen Aufgabe, indem er einen Teil des Gewichts seines Arms trägt. Gleichzeitig ermahnt ihn die Ergotherapeutin, die ihn nicht aus den Augen lässt, locker zu bleiben.
Muskelkater hat Manuel nach diesen Übungen nicht. Denn die Kraft wäre theoretisch noch da. Das Problem sitzt vielmehr im Kopf. Auf dem Magnetresonanzbild ist ein baumnussgrosses Areal mitten in seinem Gehirn zu erkennen. Dort sind die Nervenzellen zerstört, für immer. Das Training soll die benachbarten, noch gesunden Zellen dazu anregen, die Aufgabe der kaputten zu übernehmen.

Drei Tage zwischen Hoffen und Bangen

Kein Gott in Weiss: Der ärztliche Leiter Andreas Meyer-Heim begegnet den Kindern in der Klinik auf Augenhöhe.
Kein Gott in Weiss: Der ärztliche Leiter Andreas Meyer-Heim begegnet den Kindern in der Klinik auf Augenhöhe.

Nach der Game-Session rollt Manuel zurück in den sogenannten Delfin, in den Stock D, der im Lift mit einem blauen Meeressäuger gekennzeichnet ist. Hier befindet sich seine WG, in der er das Mittagessen gemeinsam mit acht Mitpatienten einnimmt: «Bis vor einer Woche war ich im ‹Chamäleon›. Da hat es mir nicht so gefallen, weil die meisten Kinder da nicht sprechen konnten.» Zudem habe sein Zimmergenosse oft im Schlaf geweint. Jetzt teilt Manuel sein Zimmer mit Kevin (14), der gern mit ihm plaudert.

Manuel vermisst sein Zuhause. «Meine Familie, unser Hund und meine Freunde fehlen mir schon. Aber hier ist es viel besser als auf der Intensivstation. Dort wurde ich jede Stunde geweckt – die wollten nachschauen, ob ich noch lebe.» Zudem habe er damals noch nicht gewusst, was ihm fehle: «Das hat mir grosse Angst gemacht. Die ist jetzt zum Glück fort.»
Es dauerte 36 Stunden, bis Manuel nach dem Hirnschlag im Unispital Zürich operiert wurde. Ein Spezialistenteam schob ihm einen Mikrokatheter von der Leiste bis in die defekte Hirnarterie. Dort verstärkten sie die geschwächte Gefässwand mit einem Stent, den sie durch den Katheter nachschoben. «Manuels Leben hing an einem seidenen Faden», sagt seine Mutter. Sie habe drei Tage lang praktisch nur geweint und sei unendlich erleichtert gewesen, als ihr Jüngster ein paar Stunden nach der Operation aufwachte.

Hightech-Therapie – ermöglicht durch Spenden

Fortschritte mit dem Lokomaten: Das Hightechgerät fördert  Manuels Gehfähigkeiten.
Fortschritte mit dem Lokomaten: Das Hightechgerät fördert Manuels Gehfähigkeiten.

Ob Manuel sich vollständig erholen wird, ist ungewiss. Seine Mutter hat die Situation akzeptiert. Sie weiss, dass es viel schlimmer hätte kommen können: «Er war ein talentierter Tennisspieler. In Zukunft geht er vielleicht zu den Pfadfindern, dafür hatte er bisher nie Zeit.» Manuel macht sich keinen Kopf. Er lebt im Hier und Jetzt. Und freut sich auf die nächste Therapiestunde. Auf den Lokomaten: Laufband, zwei Roboterbeine, eine Hebevorrichtung und ein Bildschirm.
Knapp eine halbe Million Franken hat das Hightechgerät gekostet. Ein reduzierter Preis, den man der Klinik gewährte, weil sie mit der Herstellerfirma eng zusammenarbeitet und an der Produktoptimierung mitwirkt. «Vieles, was bei uns besonders viel Spass macht, muss durch Drittmittel finanziert werden»,
erklärt der Kinderarzt. Seit vor drei Jahren die Tagespauschalen eingebrochen sind, sei das Budget noch knapper – und Extras wie die Ponys für die Reittherapie oder die Roboter für die Ergotherapie lägen ohne Spenden nicht drin.
Therapeutinnen zurren Manuel mit unzähligen Bändern fest. Er verschmilzt mit dem Lokomaten und rennt mit einer Figur auf dem Bildschirm um die Wette. Auf der Zielgeraden zurück ins Leben.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Samuel Trümpy