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22. April 2013

Kinder nicht alleine lassen

Das nationale Kompetenzzentrum für Sexualpädagogik in Luzern schliesst. Zuständig für die Aufklärung Jugendlicher sollen nun die Kantone sein. Doch was soll Aufklärung heute alles umfassen?

Die umstrittene Sexbox
Die umstrittene Sexbox zeigte: Aufklärung ist ein heisses Eisen. (Bild: Keystone/Georgios Kefalas)

Kinder müssen aufgeklärt werden. Aber wie? «Ganz wichtig ist es, auf Alter und Entwicklungsstand des Kindes Rücksicht zu nehmen», erklärt der Berner Sexualpädagoge Bruno Wermuth (49). Und Sexualität dürfe nicht mit Reproduktion verwechselt werden. «Sexualerziehung beinhaltet das ganze Spektrum der psychosexuellen Entwicklung», sagt Bruno Wermuth. «Dazu gehören Mannsein und Frausein, der Umgang mit Körper und Lust, die Biologie, der Umgang mit Medien und das Wissen, wie man sich vor aufdringlichen Berührungen oder unerwünschter Schwangerschaft schützt.»

Die Schliessung des Kompetenzzentrums in Luzern ist für Bruno Wermuth ein «Schritt in die falsche Richtung». Mit dem Internet sind Kinder mit viel mehr Material konfrontiert als früher, auch mit Pornografie. Aufgeklärter ist der Nachwuchs deswegen aber nicht. Im Gegenteil. «Heute sind Kinder und Jugendliche genauso allein gelassen wie früher», sagt Bruno Wermuth. Eltern fällt es oft nicht leicht, ihre Kinder in ihrer sexuellen Entwicklung zu begleiten. «Die meisten wurden selber unzureichend aufgeklärt, und es ist ihnen peinlich», sagt Bruno Wermuth. So ist die Schule oft die wichtigste Instanz, die ein Minimum an Wissen vermittelt. Doch dies geschieht nur in der obligatorischen Schulzeit. Wenn zwischen 16 und 18 Jahren die ersten sexuellen Erfahrungen gemacht werden, ist der Sexualkundeunterricht meist schon lange vorbei.

Werden Kinder nicht aufgeklärt, kann dies schaden: «Sie lernen nicht, wie man sich körperlich abgrenzt, oder sie werden sexuell sehr früh aktiv, weil sie alles selbst ausprobieren müssen — entsprechend steigen die Risiken für frühe Schwangerschaften oder sexuell übertragbare Krankheiten.» Doch insgesamt sei die Sexualpädagogik im Aufwind, so Wermuth. Eins ändert sich wohl aber nie: Aufklärung bleibt eine Herausforderung.

Autor: Claudia Langenegger