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02. Juli 2012

Kinder müssen aktiv sein

Annette Cina (41) berät am Familienforschungsinstitut der Universität Freiburg Eltern. Sie hat drei Kinder im Alter von acht, sechs und vier Jahren. Grundsätzlich, sagt Cina, sei es gut, wenn Kinder in der Freizeit Hobbys pflegten.

Annette Cina (41) berät am Familienforschungsinstitut der Universität Freiburg Eltern. (Bild: zVg.)

Täuscht es, oder ist die Freizeit von Kindern immer stärker verplant?

Die Tendenz ist eindeutig: Kinder gehen neben der Schule sehr vielen Aktivitäten nach. Vermutlich schlicht darum, weil die Angebotspalette so breit ist, es gibt wirklich für jeden Typ Kind etwas. Kommt dazu, dass Eltern heute stark auf das Thema sensibilisiert sind. Sie finden es wichtig, dass Kinder in der Freizeit etwas unternehmen.

Ist das eine positive Tendenz, oder sind Sie als Fachperson skeptisch?

Ich sehe das grundsätzlich positiv. Durch Hobbys bekommen Kinder Einblick in ganz verschiedene Beschäftigungen und können sich weiterentwickeln. Ausserdem ist es eine Bereicherung, wenn man etwas findet, das man gern macht. Oft geht es bei den Aktivitäten auch um soziale Kontakte, das ist der Hauptgrund, warum Freizeitaktivitäten bei Kindern boomen. Es ist für sie nicht mehr so einfach, ungeplant Freunde zu treffen. Wenn zum Beispiel Freundin Bettina nur noch am Dienstag zwischen 17 Uhr und 18 Uhr frei ist, werden spontane Treffen sehr schwierig. Aber es sollte natürlich nicht überborden.

Woran merken Eltern, dass es zu viel ist?

Wenn die Kinder nervös werden. Wenn sie gehetzt, gestresst und unmotiviert sind. Und wenn sie wirklich keine freie Minute mehr haben. Sie brauchen nach der Schule zuerst eine Pause, um sich zu regenerieren. Dann haben sie die Ruhe und Konzentration für die Hausaufgaben. Wenn die zu kurz kommen, ist das Programm überladen.

Ist es okay, wenn Eltern Freizeitbeschäftigungen streichen, wenn die Noten leiden?

Da muss man genau hinschauen. Es macht keinen Sinn, dem Kind etwas zu nehmen, das es beflügelt und motiviert. Damit stösst man auf Widerstand, und die Noten werden auch nicht besser. Wenn es sich nicht vermeiden lässt, das Programm zu reduzieren, muss man das gemeinsam besprechen und mal schauen: Welche Aktivitäten finden wann wo statt? Welche davon liegen drin?

Ist es wirklich möglich, dass Kinder ihre Freizeit freiwillig total verplanen, oder stecken da eher die Eltern dahinter?

Das hängt von den Kindern ab. Einige können sich fast nicht entscheiden und probieren alles Mögliche aus. Andere müssen von den Eltern motiviert werden.

Sind Kinder unter Druck, ihre Freizeit zu planen, weil alle anderen es auch tun?

Durchaus. Vor allem, weil sie sonst ihre Kollegen nicht mehr treffen und schlicht allein bleiben. Meist haben sie aber auch tatsächlich Lust, etwas Neues auszuprobieren.

Wenn die Kinder ihre Hobbys selber wählen, ist es dann akzeptabel, wenn keine freie Zeit bleibt?

Es ist extrem wichtig, dass etwa zwei Stunden pro Tag wirklich unverplant bleiben. Einerseits brauchen Eltern Momente, um mit den Kindern zu reden. Und es sollte etwas Spatzig da sein, falls es Probleme zu besprechen gibt. Ausserdem müssen Kinder auch mal einfach sein können, rumhängen, lesen, Musik hören, etwas Spontanes unternehmen oder eben wirklich gar nichts tun.

Es fällt den Eltern aber schwer, die Kinder in Ruhe zu lassen, wenn sie einfach im Zimmer sind und nichts tun.

Das ist aber in Ordnung. Klar, wenn Kinder nur noch am Compi sitzen, ist das nicht gut.

Was ist dann zu tun? Das Kind in den Sportverein schicken?

Ja, das ist sehr sinnvoll, wenn ein Kind keine sozialen Kontakte mehr hat und das Leben nur noch am Bildschirm konsumiert.

Dürfen Eltern bei der Wahl der Hobbys mitreden und sie zum Beispiel ins Chinesisch schicken, weils Zukunft hat?

(Lacht) Das können sie natürlich versuchen, aber es wird nicht viel bringen. Wenn Kinder eine Aktivität im Auftrag der Eltern ausüben, fehlt die Motivation, und die Aktion endet für alle im Frust. Besser wäre, zu verhandeln und zu sagen: «Du kannst Fussball spielen, dafür gehst du in die Nachhilfestunde.» Ansonsten sollen Freizeitaktivitäten nichts als Spass machen. Das ist ihr Sinn.

Auch Hobbys, die Kinder selber wählen, können Leistungsdruck mit sich bringen.

Gewisse Aktivitäten sind nun mal mit Leistung verknüpft. Wenn jemand einen Mannschaftssport wählt, muss man ihm das klarmachen. Wenn man zum Beispiel einen Sport mag, spricht auch nichts gegen Leistung. Und ein Kind lernt, das auszuhalten.

Sollen Eltern darauf drängen, ein gewähltes Hobby zu pflegen?

Sie dürfen ruhig mal sagen: «Du hast dich dafür entschieden, und das kostet. Du musst also ein bisschen dranbleiben.» Kommt dazu: Etwas Druck kann helfen. Denn mit dem Erfolg kommt manchmal auch der Spass wieder.

Oft unterstellt man Eltern, dass sie die Kinder zu Freizeitbeschäftigungen drängen, die ein gewisses Prestige mit sich bringen – etwa Geige spielen oder Spanisch lernen. Oder dass sie über das Kind einen eigenen Kindheitstraum erfüllen.

Das kann alles ein bisschen mitspielen. Man muss aber sehen: Nein sagen ist auch für Eltern schwierig, wenn die Kinder etwas wollen.

Sind sie unter Druck, den Nachwuchs zu fördern?

Sie sind zumindest unsicher. Eltern wissen heute auch, dass Kinder täglich ein bis zwei Stunden Bewegung brauchen. Dass musische Beschäftigung gut für die Entwicklung ist und so weiter. Sie möchten nicht riskieren, dass die Kinder etwas verpassen.

Eltern getrauen sich also gar nicht mehr, die Freizeit ihrer Sprösslinge frei zu lassen.

Sie müssen oft abwägen, denn wenn es schwierig wird, soziale Kontakte spontan zu pflegen, müssen diese eben geplant werden.

Mit der Folge, dass man als Vater oder Mutter stundenlang den Nachwuchs durch die Gegend chauffiert. Darf man aus Egoismus zu etwas Nein sagen?

Ich würde zuerst die Alternativen prüfen. Kann der Sohn oder die Tochter zum Beispiel selber irgendwohin fahren oder bei jemandem mitfahren? Geht das nicht, muss das Kind verzichten. Das schadet ihm nicht. Auswählen, auch mal Nein sagen und Verzichtenkönnen sind Kompetenzen, die einem Menschen langfristig nützen.

Ist die ganze Familie ausgebucht, sieht man sich kaum mehr. Ist das ein Problem?

Ja, denn es ist wichtig, dass die Eltern wissen, wies denn Kindern geht, was sie beschäftigt, wo es Probleme gibt. Dafür müssen sie sie sehen. Gemeinsame Essenszeiten sind dafür sehr geeignet. Das kann auch mal das Frühstück sein. Oder ein Kind hat einen Fussballmatch, und die ganze Familie geht hin.

Autor: Yvette Hettinger