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07. November 2016

Kinder mit gehörlosen Eltern

Stella und Luna Zurkirchen sind anders aufgewachsen als andere Kinder. Nachteile hatten die beiden wegen der gehörlosen Mutter und dem Vater nie: Sie haben von klein auf zwei Sprachen gelernt, die Gebärden- und die Lautsprache. Erstere nutzen sie manchmal für ganz spezielle Zwecke. Fazit: «Wir haben gratis eine Sprache dazugelernt».

Die Zurkirchens am Familientisch
Die Zurkirchens am Familientisch: Die hörenden Töchter «reden» mit ihren gehörlosen Eltern in Gebärdensprache.

«Die Gebärdensprache ist meine Muttersprache», sagt Stella Zurkirchen. Die 19-Jährige mit den langen, blonden Haaren sitzt mit ihrer Schwester Luna (16) und Mutter Petra Zurkirchen (48) zu Hause am Küchentisch in Bäretswil ZH. «Die Lautsprache habe ich erst im Kindergarten richtig gelernt», erinnert sie sich. «Ich verstand, was die Kinder sagten, antwortete ihnen aber mit Gebärden.» Erst nachdem Stella begriffen hatte, dass die anderen Kinder sie nicht verstanden, stellte sie auf Lautsprache um. Die Logopädin brachte ihr bei, wie die Gram­matik funk­tioniert – in der Gebärden­sprache ist sie vereinfacht. Bald plapperte Stella wie die Gleichaltrigen: «Als Kind lernst du schnell.»

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Während Stella erzählt, gestikuliert sie mit den Händen und übersetzt simultan für ihre Mutter, die oben am Tisch sitzt. Laut- und Gebärdensprache beherrscht die quirlige Zürcher Oberländerin perfekt. «Ich hatte es einfacher», sagt die gut drei Jahre jüngere Luna. «Ich habe einfach alles meiner Schwester nachgemacht.»
Man merkt den gesprächigen Mädchen nicht an, in was für einer stillen Welt sie mit ihren Eltern aufgewachsen sind. Sie hatten nie ein Radio, einen Fernseher aber schon. Besonders beliebt sind in ihrer Familie Slapstick-Filme wie «Dick und Doof». Und Stummfilme mit Chaplin. Anders ist bei ihrem TV-Gerät bloss, dass alle Sendungen mit Untertitel laufen.

Die Lautsprache habe ich erst im Kindergarten richtig gelernt. (Stella Zurkirchen)

«Ansonsten ist alles gleich, nicht?», sagt Stella und blickt zu ihrer Schwester, die zustimmend nickt. «Wir leben einfach in zwei verschiedenen Welten und sind visueller.» Das Einzige, was mit den Eltern lange nicht ging, war Telefonieren. Doch auch dies funktioniert seit Neuestem: per Facetime mit dem Smartphone. «Ein paar Ticks haben wir schon», sagt Stella. «Wir können nicht durchs Wohnzimmer rufen, wenn wir den Eltern etwas sagen wollen. Wir gehen zu ihnen hin und tippen sie an. Das mache ich auch bei meinen Freundinnen immer. Aber es stört sie nicht.»

Stella Zurkirchen mit Vater Marcel
Persönliche Merkmale werden in der Gebärdensprache zu Namen, auch bei Vater Marcel und Stella: Marcel formt für seinen die hohle Faust an der Wange, weil er schon immer Pfuusbäckli hatte. Stella zeigt mit dem Finger auf ihre Wimpern, weil sie sehr lange hat.

Freundinnen lernten Gebärdensprache

Auch anderes wie etwa das Uno-Spielen funktioniert bei Zurkirchens speziell: Sie rufen nicht «Uno!», sondern klopfen auf den Tisch, denn das Klopfen ist sichtbar und die Vibration spürbar. «Ich dachte bis vor Kurzem, das machen alle so», sagt Stella. Als Aussenseiterinnen fühlten sich die beiden Mädchen wegen ihrer gehörlosen Eltern jedoch nie, ihre Schulgschpänli waren immer respektvoll und neugierig: «Sie wollten wissen, wie es bei uns zu Hause zugeht.» Schulkameraden waren anfangs scheu, denn sie mussten sich erst daran gewöhnen, dass sie sich deutlich artikulieren und Hochdeutsch sprechen mussten, wenn sie mit den Eltern von Stella und Luna redeten. «Ein paar Freundinnen lernten sogar die wichtigsten Wörter wie ‹Danke›, ‹Hallo› und ‹Auf Wiedersehen› in Gebärdensprache», sagt Luna.

Mit der Gehörlosigkeit lebt es sich wie mit einer Fremdsprache, die daheim gesprochen wird. Für die Elternabende bestellte die Schule jeweils einen Dolmetscher oder eine Dolmetscherin von Procom, der Stiftung für Kommunikationshilfen für Hörgeschädigte. Neunzig Prozent der Kinder von gehörlosen Eltern sind hörend, wie Martina Raschle vom Schweizerischen Gehörlosenbund (SGB) sagt. Diese Kinder haben sogar eine eigene Bezeichnung: Man nennt sie CODAs – Children of Deaf Adults.

Ich habe einfach alles meiner Schwester nachgemacht. (Luna Zurkirchen)

Etliche Freundinnen und Freunde von Stella und Luna sind ebenfalls CODAs. Ihre Eltern sind in der Gemeinschaft der Gehörlosen aktiv. Für Gehörlose gibt es in der Schweiz neben vielen Sportklubs auch Vereine wie «sichtbar», die kulturelle Anlässe organisieren: Gottesdienste, gemeinsame Ausflüge oder den «Deaf Slam»: Poetry-Slam-Abende für Gehörlose. Marcel Zurkirchen spielt Fussball im Gehörlosensportverein Zürich, Petra spielte lange Volleyball. Gemeinsames Mitfiebern, Treffen mit Klubmitgliedern und ihren Kindern waren und sind wichtige Bestandteile des Familienlebens.

Luna Zurkirchen mit Mutter Petra
Luna und Mutter Petra mit ihren Namen: Luna hält ihren Zeigefinger an die Nasenwurzel, weil sie dort ein Muttermal hat. Petra hält die angewinkelte Hand auf Kinnhöhe, weil sie das Haar stets in der Länge trägt.

Spätes Nachhausekommen? Kein Problem

Wie andere Gleichaltrige nahmen auch die beiden Schwestern am Musikunterricht teil oder spielten im Schultheater mit. Die ­Eltern kamen auch zu den Aufführungen – es war bloss nicht so interessant für sie. Und an ­Konzerte wurden die Schwestern von Gotte, Götti oder Tante begleitet. Heute, da sie langsam flügge werden, gehen sie allein an Konzerte und dürfen auch spät nach Hause kommen. «Da haben wir einen mega Vorteil», sagt Luna lachend. «Wir müssen nicht mal flüstern, wenn wir zu spät nach Hause kommen: Sie hören es nicht», ergänzt Stella und übersetzt ihrem Mami auch gleich, was sie gesagt hat. Petra lacht und nickt. Man spürt, die Beziehung zu den Eltern ist eng, das gegenseitige Vertrauen gross.

Stella und Luna wissen, dass es nicht für alle CODAs so unproblematisch ist wie bei ihnen. Luna hat schon CODAs beobachtet, die als Teenager angefangen haben, die Gebärden ganz klein zu machen. Sie weiss, was das bedeutet: «Die Eltern sind ihnen peinlich, sie schämen sich, in Gebärdensprache zu reden.» Bei den beiden Schwestern war das nie der Fall: «Ich habe mich nie geschämt für die Gehörlosigkeit», sagt Luna. Und Stella fügt an: «Ich bin eher stolz darauf. Aber das ist vielleicht anders, wenn das Umfeld die Eltern nicht akzeptiert. Wir sind hier in Bäretswil super integriert.»

Das Einzige, was die beiden so richtig ärgern kann, ist Mitleid. «Ich verstehe nicht, wenn jemand sagt ‹Oh, das tut mir leid, dass deine Eltern gehörlos sind›», sagt Stella. «Das ist eine dumme Aussage. Die Eltern sind nicht behindert. Wer Mitleid hat, hat keine Ahnung, was ­gehörlos bedeutet. Eigentlich ist Gebärdensprache wie eine Fremdsprache.»

«Mitleid verstehe ich nicht», findet auch Luna. «Denn wir haben gratis eine Sprache dazugelernt.» Stella besucht die Fachmittelschule an der Kantonsschule Zürich Nord und möchte Primarlehrerin werden, Luna ist in einer Ausbildung zur medizinischen Praxisassistentin in Wollishofen. Dass sie die Gebärden beherrscht, ist ein grosser Vorteil. «Ich kann auch gehörlose Patienten problemlos aufnehmen.»

Töchter mit Beschützerinstinkt

Die Schwestern fühlen sich aber schnell verantwortlich für ihre Eltern. «Es gibt schon diesen Beschützerinstinkt», sagt die 16-Jährige. «Sie mögen es aber gar nicht.» Mutter Petra nickt und verwirft die Hände. Ja, dieses Verantwortungsgefühl ihrer Kinder haben sie und ihr Mann ganz und gar nicht gern. «Aber es geht halt manchmal schneller, wenn wir übernehmen», sagt Luna. Beispielsweise, wenn ein Elternteil in einem Laden etwas fragen will. Oder wenn man ein Hotelzimmer reservieren oder im Restaurant bestellen muss.

Aber eigentlich kommen Petra und Marcel Zurkirchen bestens allein zurecht. Sie sind beide berufstätig: der Vater als Werkstattleiter in einem Mechanikbetrieb, die Mutter als Reinigungskraft. Sie fahren Auto, machen Sport, reisen gern, sind gesellig und aktiv. Sie haben die halbe Welt bereist und wissen sich zu helfen, wenn die Kommunikation schwierig wird.
Hin und wieder müssen die Töchter allerdings als Übersetzerinnen helfen. Sie nahmen schon als kleine Knirpse das Telefon ab. Wenn ein Versicherungsexperte am Draht war, erklärten sie ihm, er solle ein Mail schreiben, die Eltern seien gehörlos. «Meistens riefen sie eine Woche später nochmals an», sagt Luna kopfschüttelnd.

Wenn die beiden Schwestern unterwegs sind, reden sie oft in Gebärdensprache miteinander. Das ist praktisch: Sie können auch reden, wenn beide Kopfhörer tragen und können durch Zugfenster oder geschlossene Autofenster hindurch kommunizieren. Und manchmal wird es richtig laut bei den Zurkirchens, etwa wenn die Familie im Auto unterwegs ist. Dann wird die Musik aufgedreht: Vater Marcel liebt das Brummen der Bässe.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Daniel auf der Mauer