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06. März 2017

Kinder kriegen ohne Liebe

Andrea will ein Kind, aber keine Partnerschaft um jeden Preis: Sie sucht einen Mann, mit dem sie gemeinsam Kinder grossziehen kann – ohne eine Liebesbeziehung einzugehen. Jochen lebt dieses Familienmodell mit einem lesbischen Paar. Er möchte es nicht missen.

Co-Elternschaft

Andrea * hat einen Entschluss gefasst. Einen, der mit den Wertvorstellungen vieler kollidiert. Andrea will ein Kind mit einem Mann zeugen, mit dem sie keine Liebesbeziehung führt. Sie will mit diesem Mann nicht unbedingt zusammenleben, aber gemeinsam mit ihm ein Kind grossziehen. Sie wären kein Paar, sondern eine Art Team, das sich die Verantwortung für das Kind teilt.

Andreas Entschluss ist kein verzweifelter Verlegenheitsplan. Im Gegenteil: Für Andrea ist diese Art von Elternschaft eine gleichwertige Alternative zu konventionellen Familienmodellen. Co-Elternschaft oder Co-Parenting nennt sich diese Lebensform, bei der von Anfang an keine Liebe im Spiel ist, aber der Wunsch, ein Kind zu «teilen» und es gemeinsam grosszuziehen. Mit anderen Worten: Kindererziehung und Liebesbeziehung zu entkoppeln, ist bei Co-Eltern eine bewusste Wahl und nicht die Folge einer Scheidung.

Dieser Trend schwappt aus den USA zu uns herüber, auch wenn er von der breiten Masse noch ignoriert wird. Quasi im Stillen sind im deutschsprachigen Raum aber bereits in den Nullerjahren speziell für Co-Eltern ein gerichtete Onlineforen und Datingportale entstanden, und die Anzahl der User wächst von Jahr zu Jahr.

Erstaunlich ist das nicht. Denn die klassische Kleinfamilie erodiert seit den 1990er-Jahren. Weil das Bedürfnis nach Selbstbestimmung wächst, akzeptiert die individualistische Gesellschaft immer mehr Familien- und Lebensformen. Die Idee einer «Designfamilie» ohne Romantik mag befremdend klingen, sie ist allerdings nicht neu: Bis ins 20. Jahrhundert wurden Ehen standardmässig von den Eltern arrangiert und oft auch aus ökonomischen Gründen geschlossen. Liebe war keine zwingende Bedingung.

Unter schwulen und lesbischen Paaren, die sich gegenseitig oder dank einer dritten Person zu einem Kind verhelfen, ist Co-Parenting mittlerweile ein relativ offen diskutiertes Thema. Doch Andrea ist hetero­sexuell – und damit noch für viele eine Exotin.

Zum Treffen in einem Café erscheint allerdings keine Exotin, sondern eine attraktive Frau Anfang 40, mit gelocktem Haar und einer warmen Stimme. Sie wohnt in einer mittelgrossen Stadt in der Deutschschweiz, hat Freunde, Kolleginnen, Hobbys. Als Lehrerin hat sie viel Erfahrung mit Kindern gesammelt.

Mr. Right lässt auf sich warten …

Wenn Andrea über ihr Vorhaben erzählt, wirkt sie echt und unverkrampft. Man ahnt schnell: Sie hat sich ihre Sache gut überlegt. «Die erste Paarungsrunde habe ich schlicht verpasst», gesteht Andrea gleich zu Beginn. Sie gehöre aber nicht zu den Frauen, die erst mit 40 Jahren realisieren würden, dass sie noch ein Kind in die Welt setzen wollten. «Ich wollte immer Kinder haben. Leider hatte ich bisher nie den richtigen Partner dafür.»

Es sei viel schwieriger gewesen, als sie angenommen hatte, ab Mitte 30 überhaupt noch einen Partner zu finden, «der sich binden will, Geschweige denn einen, der auch bereit ist, eine Familie zu gründen», sagt Andrea. Ihren Partner einfach vor vollendete Tatsachen zu stellen und zu hoffen, dass sich das Leben als glückliche Kleinfamilie irgendwie einspielt, das hätte sie sich nie vorstellen können. «Ich habe zwar einen grossen Kinderwunsch, aber ich sehe mich nicht als alleinerziehende Mutter und möchte das auch dem Kind nicht zumuten.»

Andrea ist überzeugt: Ein Kind braucht stabile Verhältnisse mit mehreren Bezugspersonen, die ihm eine verlässliche emotionale Bindung bieten. Eine Co-Elternschaft biete diese Stabilität genauso gut oder schlecht wie eine konventionelle Partnerschaft.

Dass es glückliche Partnerschaften gibt, die einem Kind Geborgenheit und Sicherheit geben, will Andrea nicht bestreiten. «Wenn man aber bedenkt, dass 50 Prozent der Ehen wieder geschieden werden, dann lohnt es sich, ­darüber nachzudenken, wie weit die romantische Elternschaft als Modell für Kinder und Partnerschaft taugt.»

Und Andrea geht in ihren Überlegungen noch weiter: «Im Idealfall wachsen Kinder in einer Co-Elternschaft vielleicht sogar in stabileren Verhältnissen auf, weil die emotionalen Verletzungen und Enttäuschungen zwischen Eheleuten wegfallen.»

Ein Kind bindet Eltern die nächsten zwanzig Jahre, da braucht es klare Absprachen.

Andrea ist keine Idealistin. Sie weiss, dass auch ihr Modell Schwächen hat. Ihre erste grosse Hürde ist, einen Co-Vater zu finden, der die Verantwortung für ein Kind ernst nimmt. Wie viele andere hofft sie, im Internet fündig zu werden. Co-Elternschaft-Portale funktionieren im Prinzip wie Datingplattformen: Interessierte melden sich an und geben ihre Wünsche an. Für Andrea ist wichtig, dass der Co-Vater ähnliche Werte und Erziehungsansichten hat, dass sie Vertrauen zu ihm fassen kann, dass er eine integre Person ist, die für das gemeinsame Kind ein Vorbild sein kann – und vor allem, dass sich der Co-Vater ernsthaft engagiert, und zwar so lange, wie ihr Kind sie beide braucht. «Ein Kind bindet Eltern die nächsten zwanzig Jahre, da braucht es klare Absprachen», meint Andrea dezidiert.

Damit diese im Alltag oder bei Konflikten eingefordert werden können, würde sie die beidseitigen Verpflichtungen auch vertraglich regeln. Im Optimalfall wünscht sie sich eine Freundschaft mit dem Co-Vater, sie kann sich auch gemeinsame Ferien vorstellen. «Welche Wohnform die richtige ist, entscheidet sich erst aus der konkreten Situation heraus, das ist ja bei Patchworkfamilien nicht anders.»

Von dieser konkreten Situation ist Andrea noch weit entfernt. Seit ein paar Monaten ist sie auf einer der Plattformen angemeldet. Sie hat rund 20 Zuschriften erhalten: von Männern zwischen 35 und 65, von auffallend vielen Akademikern, auch aus Deutschland und den USA. Doch der Richtige war bisher nicht dabei. Woran liegt das?

Kein Sonntagsvater erwünscht

«Diejenigen, die mich anschreiben und von denen ich zwei auch getroffen habe, stellen sich unter Co-Vaterschaft etwas zwischen Samenspender und Sonntagsvater vor», sagt Andrea. Wenn sie sie auf die gemeinsame Verantwortung oder Alimente anspreche, bekämen viele Männer dann doch kalte Füsse. «Einmal im Monat Vater sein und mit dem Kind lustige Sachen unternehmen, das finden die meisten cool, aber Windeln wechseln oder täglich kochen soll dann doch lieber ich allein.»

Bitter, aber wahr: Andreas Erfahrungen mit Männern in der realen Welt spiegeln sich auf Co-Eltern-Plattformen wider. «Das ist frustrierend, aber auch logisch», sagt sie. «Verbindlichkeiten und Verpflichtungen entsprechen nicht dem Zeitgeist – auf Männer trifft das ­offenbar noch mehr zu als auf Frauen.»

Ihre Chancen, doch noch Mutter zu werden, schätzt Andrea realistisch ein. «Es wäre ein Glücksfall», sagt sie. Auf einen Deal mit einem «Sonntagsvater, dem ein Prestigekind vorschwebt», will sie sich nicht einlassen. «Dann stelle ich mich lieber auf ein Leben ohne eigene Kinder ein.» Und man denkt: Vielleicht hat sie doch noch Glück. Denn es gibt sie, die verantwortungsvollen Co-Väter.

Ein Vater, drei Mütter, zwei Töchter

Jochen König ist so einer. Der Berliner Blogger und Autor ist sogar zweifacher Co-Vater. Wer seinen Blog kennt, weiss: Tochter Fritzi (7) stammt aus einer mehr oder weniger konventionellen Liebesbeziehung, die aber nach drei Jahren in die Brüche ging. Tochter Lynn (2) hat König mit einer Freundin gezeugt, die in einer lesbischen Partnerschaft lebt. Lynn hat also zwei Mütter. Tochter Fritzi lebt acht Tage am Stück bei Jochen König und sechs Tage bei ihrer Mutter. Die Erziehung von Tochter Lynn teilen sich der Co-Vater und die Co-Mütter fifty-fifty.

Der Berliner Blogger Jochen König teilt sich die Erziehung seiner zweiten Tochter mit zwei Müttern.
Immer auf Trab: Der Berliner Blogger Jochen König teilt sich die Erziehung seiner zweiten Tochter mit zwei Müttern.

Immer auf Trab: Der Berliner Blogger Jochen König teilt sich die Erziehung seiner zweiten Tochter mit zwei Müttern.

Dass sich König auf das Abenteuer Co-Elternschaft eingelassen hat, sei Fritzis Schuld. «Sie wollte unbedingt ein Geschwisterchen», witzelt der 35-Jährige. «Aber im Ernst: Es war tatsächlich auch Fritzis Wunsch, der mich zu meinem Entschluss bewogen hat. Zu diesem Zeitpunkt hat einfach vieles gepasst.» Sein Umfeld habe zunächst sehr unterschiedlich reagiert. «Die einen hielten meinen Wunsch nach einer Co-Vaterschaft für eine Schnapsidee. Andere sahen darin eine Alternative für sich selbst, sollten sie in den nächsten Jahren keinen Liebespartner finden.»

Als praktizierender Co-Vater ist König im Alltag fast immer in Erklärungsnot. «Natürlich gehen fremde Menschen, die ich etwa auf dem Spielplatz mit Lynn treffe, davon aus, dass ich in einer klassischen Paarbeziehung lebe. Manchmal lasse ich es die Leute auch glauben, weil es zu viel Aufwand wäre, meine komplizierte Familienkonstellation jedes Mal zu erklären.» Manchmal habe er aber auch explizit Lust zu erklären, dass er Lynn nach dem Spielplatz zu «ihren Müttern» bringe.

Das klingt alles locker und pragmatisch. Doch wie lebt König mit der Angst, seine Töchter könnten wegen ihrer unkonventionellen Eltern gemobbt werden? Einen Moment lang ist es still am Telefon. «Ich denke, diese Angst haben alle Eltern. Wir leben in einer Gesellschaft, in der meine Kinder sicher mit Anfeindungen konfrontiert werden, aber das passiert auch Kindern aus klassischen Familien.» Seine Töchter könne er nicht vor allen Gefahren des Lebens beschützen. Aber wie alle anderen Eltern kann sie König in ihrem Selbstbewusstsein bestärken. Dass er Lynn mit seinem Lebensmodell eine Hypothek mit auf den Weg gibt, glaubt der Co-Vater nicht. «Wir alle haben die Hypothek, Kinder unserer Eltern zu sein. Eltern sind nie perfekt.»

Wie eine Grossfamilie

Für die siebenjährige Fritzi ist ihre Familienkonstellation nichts Besonderes. Dass sie in zwei Wohnungen lebe, dass sie ihre Schwester nicht täglich sehe und dass diese zwei Mütter habe, seien für sie einfach Tatsachen, sagt ihr Vater. «Natürlich merkt sie, dass es bei ihr anders ist als bei den meisten Familien, aber sie geht locker damit um.» Auf dem Spielplatz habe sie mit ihrer speziellen Situation sogar schon angegeben: «In meiner Familie gibt es mehr Mütter als in deiner!»

Die Mütter von Lynn nennt Fritzi bei ihren Vornamen, sie seien wohl wie Tanten für sie, sinniert König. «Wir funktionieren im Prinzip wie eine Grossfamilie. Letztlich ist es egal, wie die Mütter von Lynn bezeichnet werden, wichtig ist, dass Fritzi und Lynn für die nächsten 20 Jahre feste Bezugspersonen haben.» Momentan sehe Fritzi vor allem ganz praktische Vorteile: «Mit Lynns Müttern hat sie zwei zusätzliche Personen, von denen sie Weihnachtsgeschenke bekommt.»

Wir haben sicher mehr besprochen als viele Liebespaare, die sich für ein Kind entscheiden.

Für König war immer klar, dass er das nähere Umfeld seiner Töchter in alles einweihen muss. Auch, um Anfeindungen zu vermeiden. Doch das gelingt nicht immer, jedenfalls nicht auf Anhieb. Bei einem Elternabend in der Kita von Fritzi wollte König etwa erklären, dass Fritzi bald eine Schwester bekommt, die eben zwei Mütter hat. «Einer der Erzieher empfand das jedoch als Angriff auf sein konventionelles Familienkonzept und sagte in die Runde, das gehe ihm zu weit.» Es brauchte einige Gespräche und Diskussionen, bis der Konflikt geklärt werden konnte.

Auch mit den Co-Müttern von Lynn hat König im Vorfeld mehrere intensive Gespräche geführt. «Wir haben sicher mehr besprochen als viele Liebespaare, die sich für ein Kind entscheiden.» König und die Mütter haben sogar Regeln aufgestellt, wie die Stimmverteilung bei Entscheiden sein wird, wenn sich nicht alle einig sind. «Wir müssen uns aber nicht bei allem einig sein», findet König. Wichtiger sei, den eigenen Vorstellungen gegenüber eine gewisse Lockerheit zu entwickeln. «Wenn Lynn im Alltag mit unterschiedlichen Formen von Strenge umzugehen lernt, kann das ein Vorteil sein.» Bei ihm sei etwa der Morgenablauf viel strenger durchgetaktet als bei den Müttern, weil er zwei Kinder für den Tag parat machen müsse.

Wie klassische Familien hat auch Königs Familie eine WhatsApp-Gruppe, um kleine Dinge effizient zu klären. Zusätzlichen Koordinationsaufwand habe sein Lebensmodell nicht, weil der Alltag wie bei anderen Familien feste Strukturen habe. «Allerdings können andere vieles nebenbei beim Abendessen klären. Wir müssen uns extra Zeit nehmen und uns bei grösseren Entscheidungen treffen, weil wir nicht zusammenwohnen.»

Wenn Jochen König auf die letzten Jahre zurückblickt, stellt er vor allem fest, dass er sich das Kinderhaben ganz grundsätzlich viel einfacher vorgestellt hatte. «Es ist physisch und emotional extrem anstrengend», gibt er ohne Umschweife zu. Das bleibt es auch in einer Co-Elternschaft. «Mit meiner Ex-Freundin habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass Liebesbeziehungen mit Kindern nicht zwingend einfacher werden, da beide sehr viel Arbeit erfordern und emotional belasten können.» Mit den Co-Müttern sei die Familiensituation nun entspannter, «weil in die Elternschaft mit Lynn keine Liebesbeziehung involviert ist».

Alle acht Tage vaterfrei

Derzeit überwiegen die Vorteile seiner Co-Vaterschaft. Weil König im Grunde Teilzeitvater ist, kann er sich alle paar Tage mit seinen eigenen Interessen beschäftigen, länger arbeiten, er kann abends weggehen und morgens länger schlafen. «Im Prinzip habe ich alle acht Tage vaterfrei. Ich kann dann ganz anders leben als mit Kindern.»

Es klingt, als hätte sich Königs Lebensmodell nach zwei Jahren gut eingespielt. Der Alltag ist straff organisiert, die emotionalen Familienbindungen sind stabil. Doch seit Kurzem ist der Co-Vater wieder in einer Beziehung. Ob die neue Partnerin alles durcheinanderwirbelt? Für eine abschliessende Antwort sei es zu früh, sagt König. «Die Kinder werden in meinem Leben aber weiterhin an erster Stelle stehen.»

* Name der Redaktion bekannt / Quelle: «Berner Zeitung»

Autor: Lucie Machac

Illustrationen: Alice Wellinger