Archiv
17. Oktober 2011

Kinder kommen als Künstler zur Welt

Draussen: Hudelwetter. Die Kinder sind schlecht drauf und mögen mein Essen nicht. «Vati, du weisst doch, dass ich Rotchabis nicht gern hab!» — «Hä? Letzte Woche war das noch dein Allerliebstes...?!»—«Ja, aber, Mann, das war letzte Woche!» Später an der Tramhaltestelle — wir wohnen nahe der Endschlaufe — fährt mir der Fahrer vor der Nase weg, und zwar eineinhalb Minuten früher, als es im Fahrplan stünde. Das tut er oft, weil er weiss, dass er unterwegs Zeit einbüssen wird. Aber dass er mir heut auch noch Grimassen schneidet... Irgendwie nicht mein Tag.

Es gibt Tage, an denen man die Welt nicht versteht. Während ich im Niesel aufs nächste Tram warte, lese ich, wie die Präsidenten von GC und dem FCZ unisono gegen Fans wettern, die Pyros werfen... Als ginge sie das alles nichts an. Hallo, meine Herren! Sie sind die Gastgeber und Hausherren, Sie haben für Sicherheit im Stadion zu sorgen. Jahrelang haben Sie sich um diese Verantwortung gedrückt, die irren Fackelwerfer gar noch gehätschelt. Die x-fachen Durchsagen — «Wir dulden absolut keine Pyros» — waren nur noch lächerlich, denn es wurden dauernd Pyros abgefackelt, und nichts geschah. Würden Sie bitte dafür sorgen, dass man wieder mit Kindern ans Fussballspiel kommen kann, ohne um deren Leben fürchten zu müssen? Merci.

Alle Sind blau und sprechn Chinesisch.

Solche Tage gibts halt im Herbst: Man hat das Gefühl, alles habe sich gegen einen verschworen... Warum quasselt die Kioskfrau mit ihrer Kollegin, statt mir meine Hustenbonbons zu verkaufen? Ich bin im falschen Film. «Es gibt Tag da Sind alle Blau und sprechn Chinesisch», steht am nächsten Tag auf der Zeichnung geschrieben, die ein Leandro aus Wangen an der Aare mir geschickt hat, einfach so. Die Zeichnung ist grossartig: Menschen in allen Blautönen, die eigenartige Frisuren tragen und in Sprechblasen «Cha cha» und «Chang jang» von sich geben, darüber die Zeile: «Es gibt Tag da Sind alle Blau und sprechen Chinesisch.» Genauso habe ich mich gestern gefühlt, und ich hätte all diese Bläulichen, die mich nicht verstanden und ich sie nicht, auf den Mond schiessen können. Ehrlich gesagt, mitsamt meinen Kindern. Aber ich hätte, was ich empfand, nicht so gut beschreiben können wie Leandro. Wie präzise Kinder manchmal fabulieren! Dabei ist der Bub schon in der zweiten Klasse. Da haben Kinder meist bereits aufgehört, grosszügig und fantasievoll zu zeichnen, bereits kleinlich zu «möölelen» und «gäggelen» begonnen. Kinder kommen als Künstler zur Welt. Ihr Denken ist uneingeschränkt, ihre Vorstellungskraft unbegrenzt. Nichts ist unmöglich. Und zeichnet man einen blauen Tag erst mal so chinesisch, ist er nur noch halb so blau.

Wunderbare Post
«Alle Sind blau und sprechn Chinesisch.»

Kindlich sollte man bleiben. Ihre Wahrnehmung ist beneidenswert. Wenn Hans, den ich eben noch auf den Mond schiessen wollte, sagt: «Aber, Vati, man könnte doch ganz, ganz umweltfreundliche Autos bauen. Warum macht man es dann nicht?»,liebe ich ihn dafür, und mir können all die Politikerphrasen gestohlen bleiben, die wir in den Wahlkampfmonaten über uns ergehen lassen mussten. Und wenn künftig ein so komisch blauer Tag aufzieht, schaue ich mir einfach Leandros Zeichnung an. Dann wird alles gut.

Bänz Friedli (46) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli