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29. April 2013

Kinder in der Armutsfalle

Der neuste Unicef-Bericht zeigt: Jedes zehnte Schweizer Kind leidet unter Armut. Die Folgen reichen von Ausgrenzung bis Schulschwäche. Essen, Kleidung, Bildung: Was fehlt armen Kindern am meisten? Machen Sie mit bei unserer Umfrage!

Kinder im Schulhaus
Um nicht ausgegrenzt zu werden, brauchen 
Kinder minimale materielle Voraussetzungen. Doch wie schafft 
man Chancengleichheit? (Bild: Keystone)

Anja kriegt nur selten Taschengeld, und wenn, dann viel weniger als die andern. Auch vom Tanzkurs, den ihre Gschpänli besuchen, kann sie bloss träumen. Es ist einfach kein Geld da. Sie ist eines der vielen Kinder, die Armut täglich am eigenen Leib erleben. Hierzulande ist jedes zehnte Kind davon betroffen, das zeigt der neueste Bericht des Uno-Kinderhilfswerks Unicef. «Der Wohlstand eines Landes sagt leider nichts darüber aus, wie viele Kinder arm aufwachsen», sagt Fleur Jaccard (38), Leiterin Kinderrechte bei der Unicef.

Besonders betroffen sind Kinder von Alleinerziehenden, Arbeitslosen, Grossfamilien und Migranten. «Elementar ist, ob die Kinder am sozialen Leben teilhaben können und welche Entbehrungen sie ertragen müssen», sagt Fleur Jaccard. «Wichtig sind etwa, Sackgeld zu haben, Freizeitbeschäftigungen und zu Hause ein ruhiger Platz für die Hausaufgaben.» Können Kinder nicht bei Alltäglichem mitmachen — etwa mit den Gschpänli am Kiosk etwas kaufen oder sie zum Spielen nach Hause einladen — werden sie schnell ausgegrenzt. Die Folgen sind fatal: «Kinderarmut beeinträchtigt die körperliche und seelische Entwicklung der Kinder», sagt Fleur Jaccard. «Oft kommen Verhaltensauffälligkeiten und Schulschwäche dazu.» Die Ausbildungsmöglichkeiten schwinden auf ein Minimum — die Armutsfalle schnappt zu. «Das Risiko ist gross, dass die Familien dieser Kinder später auch wieder arm sind.» Deshalb ist es wichtig, früh einzugreifen. «Den Kindern muss man Chancengleichheit ermöglichen», sagt Fleur Jaccard.

Gefordert ist die Politik. Steuererleichterungen und Ausgleichszahlungen für Familien würden viel bringen. Armut ist leider nach wie vor ein Tabuthema, Kinder schämen sich deswegen so sehr wie ihre Eltern. Umso wichtiger ist es, dass man darüber spricht — und Kindern wie Anja eine Chance gibt.

Autor: Claudia Langenegger