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07. März 2016

Kinder bitte lächeln

Grosser Auftritt für die Zahnlücke
Grosser Auftritt für ... die Zahnlücke! Oder wenn der Klassenfotograf kommt. (Bild: Getty Images)

Wenn der Schulfotograf vorbeikommt, machen sich alle Kinder freiwillig hübsch. Nie ist die Haarspängelidichte höher als an jenem Tag, nie gibt es mehr geflochtenes Haar als an diesem Morgen. Und die Buben lassen sich auch nicht lumpen und ziehen ein Hemd an. Ja, wenn der Mensch mit der Kamera kommt, zeigen sich alle von ihrer Schokoladenseite.
Ich muss gestehen, ich kann mich der Sogwirkung dieses wichtigen Termins auch nicht ganz entziehen. Neulich, als es bei Ida mal wieder so weit war, wusch ich ihr noch morgens um sieben Uhr die Mähne. «Damit alles schön frisch aussieht, wenn der Fotograf kommt.» Und ich überredete das Kind, modisch besser aufeinander abgestimmte Kleider anzuziehen. «Sonst explodiert die Kameralinse, und das wollen wir doch nicht, oder?»

Warum der ganze Aufwand? Nun, weil das Klassenfoto nach wie vor ein wertvolles Zeitdokument ist, ein Stück eingefrorene Geschichte. Etwas, was man auch Jahre später noch gern hervorkramt, um sich an die guten alten Zeiten zu erinnern. Oder um über das Gspänli zu lachen, das immer so eine fiese Frisur hatte.

Das Schulfoto ist übrigens auch ein toller Beweis dafür, dass der Zahnwechsel tatsächlich stattfindet. Ida zweifelt fest daran. Bei ihr tut sich nach zwei freiwillig ausgefallenen Milchzähnen nichts mehr an der Wacklerfront. Unser Klassenbild würde jede Zahnärztin und jeden Kieferorthopäden in Ekstase versetzen. So viele riesige Zahnlücken habe ich noch nie aufs Mal gesehen, ein Meer aus mehr oder weniger gut verheiltem Zahnfleisch. Und erst noch all die erst halb herausgewachsenen bleibenden Modelle. Höckriger als Kamele, sage ich Ihnen. Oft schief, gelegentlich gerade – und mindestens an dem besonderen Tag manierlich geschrubbt.
Am liebsten sind mir übrigens die Kinder, deren Eckzähne sich beharrlich weigern, endlich auszufallen. Da grinst er glücklich in die Kamera, der Vampirnachwuchs unseres Landes.

Autor: Bettina Leinenbach