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25. März 2013

Kinder an der Nase herumführen

Wenn die Lüge stimmen würde, dass man vom Lügen eine lange Nase bekommt, hätten Mütter und Väter allesamt einen Mords Riecher. Doch wie gut oder wie schlecht sind sogenannte Erziehungslügen eigentlich?

Eine Notlüge im Dienste der Erziehung kann nicht schaden. 
Aber aufgepasst: Kinder haben 
ein Näschen für Schwindeleien. (Illustration: Nicolas Bischof)

UND WENN KINDER LÜGEN?
Infos und Tipps: Nicht nur Eltern, auch Kinder schwindeln, dass sich die Balken biegen. Weshalb das so ist und wie Eltern damit umgehen sollten.

Die Batterien sind leer, und wir haben keine neuen», sagt die Mutter. Gar nicht wahr. Erst vor einer halben Stunde hat sie diese eigenhändig aus dem Bagger entfernt, weil sie das nervige Ding einfach nicht mehr ausgehalten hat.

Die Batterienlüge gehört zu den häufigsten Elternlügen. Denn auch wenn die meisten Eltern ihren Kindern das Lügen verbieten: Fast alle greifen in der Erziehung selbst auf Unwahrheiten zurück. Das bestätigt auch eine Studie im Magazin «Internal Journal of Psychology». Darin geben vier von fünf Eltern zu, ihren Kindern schon mal eine Lüge aufgetischt zu haben, um sie zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen.

Wenn Lügen Routine wird, läuft etwas schief in der Erziehung

Laut Renato Meier (53), Leiter der Familien-, Paar- und Erziehungsberatung Basel (fabe), ist das grundsätzlich in Ordnung. «Aber wenn das Lügen zu einem Muster wird, dann läuft etwas schief in der Beziehung zwischen Eltern und Kind», relativiert er. «Denn letztlich werden die Lügen ja eingesetzt, um eine bestimmte Reaktion des Kindes zu verhindern.» Ein typisches Beispiel dafür ist die Behauptung: «Ich habe nicht genug Geld dabei», wenn das Kind im Supermarkt etwas Süsses oder ein Spielzeug will. Damit will die Mutter leidige Diskussionen oder gar einen Trotzanfall vermeiden. «Das ist verständlich», sagt der Experte. «Aber auf lange Sicht ist es keine Lösung. Denn wenn Eltern ihre Beziehung zu den Kindern auf Unwahrheiten aufbauen, fehlt es an Vertrauen und verhindert Nähe. Zudem drücken sie sich vor wichtigen Erziehungsaufgaben.» Darum rät er den Eltern, ihrem Kind zu erklären, dass es nicht das Recht darauf hat, immer etwas zu bekommen, und warum das so ist. «Klar, geht das meist nicht grad vor Ort an der Kasse. Darum regeln Eltern solche Dinge am besten schon, bevor sie zum Einkaufen gehen. Nur so lernen es die Kinder.» Abgesehen davon merken sie schon, was wahr ist und was nicht, sagt er.

Und wie sieht es aus mit der häufigsten Erziehungslüge: «Wenn du etwas nicht tust, dann gehe ich»? Diese Drohung ist laut Renato Meier absolut tabu: «Kleine Kinder glauben, die Mutter oder der Vater würde sie wirklich verlassen. Das stürzt sie in grosse Verunsicherung, weil die sichere Bindung infrage gestellt wird. Darum sollten Eltern auf diese Lüge unbedingt verzichten.»

Eine ganz andere Kategorie von sogenannten Lügen sind Märchen- und Fantasiegeschöpfe wie der Osterhase oder die Zahnfee. «Sie passen in die magische Welt der Kleinkinder. Solche Geschichten helfen ihnen, die für sie noch nicht fassbare Welt zu ordnen, sagt der Experte.

Fazit: Erziehungslügen sind nicht gleich Erziehungslügen. Es gibt schädliche, verzeihliche und sogar wunderbar magische.

Autor: Andrea Fischer