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23. Januar 2012

Damit Kinder nicht zum «Lustkiller» werden

Mit den Jahren verändern sich Alltag und Bedürfnisse eines Paares. Verstärkt trifft dies auf Eltern zu. Dennoch muss Nachwuchs nicht generell das Abflauen oder gar das Ende gelebter Sexualität sein. Ein paar Tipps.

Ein Kind verändert das (Zusammen-)Leben eines Paares in radikaler Weise, setzt sich für längere Weile unmissverständlich ins Zentrum des Familienlebens. Es gibt nicht mehr nur den Beruf, die beiden Partner und allfällige Hobbys. Mit letzteren ist es häufig ohnehin nicht mehr weit her, was übrigens die Spannung im Paar-Alltag weiter erhöhen kann.
Viele Eltern reagieren auf die neue Situation mit Frust und mit zwei radikalen Schlüssen. Der eine Mythos besteht dabei in der Haltung, wegen der neuen Lebenssituation, zusätzlichen Belastungen und dem Wonneproppen, der zu Hause fast alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, das Liebesleben gleich als gestorben zu betrachten. Entweder hat man keine Zeit mehr, oder dann keine Lust.
Das zweite Extrem betrachtet die verschwundene Zeit und den Spass zu zweit als im Grunde unverändert. Alles sei doch nur eine Frage der Organisation und des Willens.
Beides hilft üblicherweise nicht weiter. Jenseits solcher Mythen gilt es zu akzeptieren, dass sich das Leben mit Neuankömmlingen schlicht verändert hat. Dies zu verneinen hilft den wenigsten. Handkehrum muss die veränderte Situation keineswegs bedeuten, dass das Sexleben nach der Fortpflanzung nun unwiederbringlich der Vergangenheit angehört. Schliesslich funktionieren Menschen nicht wie Tiere.
Betrachtet man die häufigsten Ratschläge von Sexualberatern oder Familien-Psychologen, so lassen sich zwei andere Schlüsse ziehen: Erstens sollte gerade in der ersten Zeit nach der Geburt des Nachwuchses nie Druck aufgesetzt werden, das Sexleben wieder regelmässig aufzunehmen. Der Druck ist so kontraproduktiv wie verständlich. Dies betrifft vor allem die Väter. Mütter tappen häufiger in eine zweite Falle, ebenso verständlich wie längerfristig fatal: Hat frau keine Lust mehr auf Sex, speziell den eigentlichen Geschlechtsakt, geht sie aus Furcht, Nein zu sagen, zunehmend jeder Form von Zweisamkeit mit dem Partner aus dem Weg. Auf die Dauer entsteht dadurch eine nicht erklärte Distanz, die nur höchst mühsam wieder abzubauen ist.
Folgende Tipps helfen im Kopf und beim Meistern des Alltags ein wenig, das Paarleben mit und ohne Sex in Schwung zu halten:
Eine Einstellungssache …1. Zuerst gilt es die Veränderung zu akzeptieren. Ja, es wird nie mehr genau so wie früher, doch das muss nicht das Ende des Paares mit seinen neuen, aber auch ‚alten‘ Bedürfnissen bedeuten. Das Verneinen der neuen Situation, das Beharren auf früheren Formen des Zusammenlebens kann aber fast nur scheitern.
2. Ein Nein zu Sex oder schon Zweisamkeit bedeutet (meistens) nicht ein Nein zum Partner. Klar. Das hilft (gerade dem Mann) auf dem Weg zur Befriedigung von Bedürfnissen noch wenig weiter, doch setzt dieses Verständnis zumindest nicht gleich den Mechanismus vom Hinterfragen des eigenen Status als Partner (und Mann) in Gang.
3. Druck aufsetzen führt letztlich nie zum gewünschten Ergebnis, dies vergessen etliche Männer in ihrer Verzweiflung ob des verlorenen Sexlebens. Entweder verschliesst sich die Partnerin noch konsequenter und baut Barrieren auf, oder dann geht sie völlig ohne Lust, fast schon unter Zwang auf Wünsche des Partners ein. Auch die zweite Variante hilft diesem nicht weiter.
4. Kommuniziert man seine Bedürfnisse (fast) nie mehr und tritt nur den Rückzug, ja gar die Flucht vor dem Partner an, kann dies schrittweise zur Aufgabe der Beziehung führen. Respektive die Reduktion auf die Rollen der Mutter und des Vaters. Sehr lange geht dies meist nicht gut.
5. Es gilt, ein neues Verhalten zu zweit zu finden, die Bedürfnisse mitzuteilen und anzuhören, flexibel, aber nie selbstverleugnend zu sein. Oft helfen Formen des Liebesspiels mit Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten, gerade in der ersten Zeit nach der Geburt, und die Abkehr von einem allzu Penetrations-fixierten Verständnis der Sexualität.
… und eine Frage der «Planung»1. Zentral ist das Schaffen von Freiräumen für einige wöchentliche Stunden zu zweit. Möglichst findet man Grosseltern, Babysitter oder andere Lösungen nicht allein zum Organisieren des Arbeitsalltags, sondern auch zum Aufrechterhalten der Zweisamkeit. Es muss überhaupt eine gewisse Zeit zu zweit verfügbar sein, um wieder etwas in Gang zu bringen. Fünf Minuten vor dem Einschlafen oder vor dem Aufstehen reichen da kaum.
Natürlich hilft es, wenn die Kinder bald an ein bis zwei weitere Bezugspersonen gewöhnt sind, auch wenn sonst immer ein Elternteil zu Hause ist.
2. Auch beim alltäglichen Leben mit bereits leicht grösseren Kindern kann man sich gewisse Zeit freischaufeln. Bedürfnisse gilt es nicht vor den Kindern zu verstecken (wenn auch nicht für Erwachsene auszudeutschen). Bald ist es klar, dass Schlafenszeit abends nach einer bestimmten Zeit zugleich «Elternzeit» ist, es sei denn, wirklich böse Träume oder Beschwerden kommen dazwischen. Oder der Sonntagmorgen früh gehört vor einer bestimmten Tageszeit auch den Eltern.
3. Auch erst mit etwas grösseren Kindern empfiehlt es sich, eine bestimmte Privatsphäre einzuführen. Geschlossene Türen gilt es zu respektieren – jene der Kinder wie auch jene der Eltern. Dann wird erst geklopft und gefragt und nicht einfach reingestürmt.
4. Damit der Druck auf seltene Stunden der Zweisamkeit zu Hause nicht zu gross wird, heisst es oft von Zeit zu Zweit einen Abend im Kino oder ein kurzes Wochenende anderswo einzustreuen. Klar, das bedeutet noch mehr organisierten Betreuungsaufwand von Angehörigen oder Babysittern. Aber es gint dem Paar eine Perspektive, lockerer mit den Anforderungen des andern und eigenen Bedürfnissen umgehen zu können.
Eine Mehrheit schaffts
So schwierig dies alles tönen mag: Eine Mehrheit der Paare findet «trotz» Kindern mit den Monaten wieder zu einem Sexleben. Ein Drittel gab in deutschen Studien an, letztlich dieselbe Intensität der Sexualität wieder erlangt zu haben, ein weiteres Drittel pflegte Formen der Zweisamkeit, konstatierte jedoch gewisse Abstriche. Ein Drittel hatte jedoch Mühe, sich überhaupt wieder eine Perspektive als Paar zu erarbeiten und diese regelmässig zu leben.
Was sind Ihre Erfahrungen als Eltern? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Autor: Reto Meisser