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25. Juni 2012

«Keuschheit ist nicht zeitgemäss»

Zurzeit läuft der Dokumentarfilm «Virgin Tales» in den Schweizer Kinos. Dieser beschreibt das Leben einer amerikanischen Familie, deren sieben Kinder sich den Sex für die Ehe aufsparen. Ein Zukunftsmodell oder eine unzeitgemässe Utopie?

Ingrid Hülsmann (62) ist Fachpsychologin, Sexualtherapeutin und fachliche Leiterin des Präventionsprojekts «Lilli». (Bild: zVg.)
Ingrid Hülsmann (62) ist Fachpsychologin, Sexualtherapeutin und fachliche Leiterin des Präventionsprojekts «Lilli». (Bild: zVg.)

Ingrid Hülsmann (62) ist Fachpsychologin, Sexualtherapeutin und fachliche Leiterin des Präventionsprojekts «Lilli».


1. Ingrid Hülsmann, der Film «Virgin Tales», der derzeit im Kino läuft, befasst sich mit dem Thema Keuschheit vor der Ehe. Jungfräulich in die Ehe – ist dieser Anspruch noch zeitgemäss?

Natürlich nicht. Früher, als die Mädchen sehr jung geheiratet haben, war er allenfalls ein Schutz vor ungewollten Schwangerschaften. Aber heute, in einer Zeit, in der Frauen viel später Familien gründen und ihnen gute Verhütungsmittel zur Verfügung stehen, macht er überhaupt keinen Sinn mehr.

2. Welche Rolle spielen bei der Enthaltsamkeitsdebatte sexuell übertragbare Krankheiten?

Hinter solchen Forderungen stehen eher religiöse denn medizinische Gründe. Was sexuell übertragbare Krankheiten betrifft, hat eine norwegische Studie gezeigt: Mädchen, die sexuell aufgeklärt sind, schätzen ihren Körper mehr und verhüten verantwortungsvoller. Damit schützen sie sich auch vor sexuell übertragbaren Krankheiten.

3. Welcher Ansatz führt zu mehr ungewollten Teenager-Schwangerschaften? Der offene oder der restriktive?

Die Zahlen hierzu sind völlig eindeutig. Ein Studie von 2006 hat gezeigt: Im aufgeklärten Holland werden pro Jahr etwa 12 von 1000 Teenagern schwanger, in den restriktiven USA sind es 72.

4. Wie hat sich der Umgang der Jugendlichen mit Sexualität in den vergangenen Jahren verändert?

Erstaunlicherweise hat er sich in den letzten zehn Jahren kaum verändert. Noch immer wünschen sich die allermeisten Sex mit jemandem, für den sie Gefühle haben. Noch immer liegt das durchschnittliche Alter beim ersten Mal bei etwa 16 Jahren. Allerdings verzerren unter anderem die Flut an zugänglichen Bildern (wie Pornos auf dem Handy) und das Internet die Vorstellung davon, was normal ist. Das kann die Jugendlichen schon sehr irritieren und verunsichern.

5. Wie können Eltern ihren Kindern ein behütendes und doch alltagstaugliches Wissen über Sex mitgeben?

Eltern können den wertschätzenden Umgang mit dem eigenen Körper fördern. Wenn Kinder daheim erklärt bekommen, wie Sexualität funktioniert, wie man verhütet, können sie einen verantwortungsvollen Umgang mit ihrer Sexualität lernen.

«20 Minuten»-Online-Artikel vom 5. Juni 2012.
«20 Minuten»-Online-Artikel vom 5. Juni 2012.

Den ganzen «20 Minuten»-Online-Artikel, der den Anstoss zu den Fragen lieferte, lesen Sie hier

Autor: Andrea Fischer