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01. Mai 2017

Keine Zeit für Bern

Bundeshaus in Bern
Nicht immer schenkt es einem Über- und Durchblick: Das Bundeshaus in Bern. (Bild: Pixabay.com)

Ich würde mich nicht als besonders dummen Menschen bezeichnen. Ich habe ein paar anständige Abschlüsse, viele Klassiker der Weltliteratur gelesen, kann mich über komplexe Themen unterhalten und in den meisten Fällen differenziert argumentieren.

Aber wissen Sie was? Jedes Mal, wenn eine Abstimmungsvorlage vor mir liegt, komme ich mir vor wie der grösste Vollidiot.

Ich habe neulich versucht, die Rentenreform zu verstehen. Diese monströse, trockene, unübersichtliche Zahlenwüste aus Mehrwertsteuersatz-Erhöhung um 0,6 Prozent, Rentenaltererhöhung auf 65, Senkung des Umwandlungssatzes auf 6 Prozent, Erhöhung der Lohnbeiträge um 0,3 Prozent, 70 Franken zusätzlicher AHV-Rente und tieferem Koordinationsabzug.

Ich habe mich selten so verwirrt gefühlt. Und beim Lesen von Artikeln zum Thema hatte ich das Gefühl, dass nicht mal in politischen Kreisen alle zu 100 Prozent durchblicken. Die Reform hat schlicht zu viele Bestandteile, um ein abschliessendes Fazit ziehen zu können.

Man sagt, meine Generation sei politikverdrossen. Ist es reine Faulheit? Ein letztes Aufbäumen gegen die Autorität? Die unbeantwortete Frage, was einen das alles angeht? Oder fehlendes Vertrauen, etwas bewegen zu können? Natürlich: Es gibt Seiten wie easyvote.ch, die Abstimmungsvorlagen vereinfacht erklären. Aber ganz ehrlich? Ich nehme mir nicht bei jeder Vorlage die Zeit, mich einen Tag lang einzulesen. 

Autor: Anne-Sophie Keller