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02. Dezember 2013

Keine Parteinahme im Kinderstreit

Eltern möchten das eigene Kind schützen, ihm zu seinem Recht verhelfen. Doch wie schnell soll man bei Streitereien mit Gschpänli eingreifen, bei wem und wie? Ein paar Tipps zur Deeskalation.

Wenn Kinder streiten, geht das an die Nerven – nicht nur, wenn beides «eigene» sind. Zwar kommen Mutter oder Vater persönlich mit der Situation dann schwerer zurecht, doch immerhin spielt sich alles im häuslichen Umfeld und Einflussbereich ab.
Anders bei ebenfalls häufigen Zwistigkeiten des Nachwuchses mit fremden Kindern derselben Altersstufe. Hier ist mindestens im ersten Moment die gewählte Seite klar: für den Sprössling! Hingegen fällt die Einflussnahme weniger leicht: Zuerst müsste man die Schule, den Kindergarten oder die Spielgruppe aufsuchen, dann den «richtigen» Adressaten finden, schliesslich die richtige Botschaft mit angemessener Wortwahl vertreten.

Leicht gehen dabei zwei Dinge vergessen: Erstens dramatisieren viele Kinder zwischen dem Spielgruppenalter und dem Ende der Primarschulstufe einen Konflikt gekonnt, etwa, um mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Eine durchwegs natürliche Taktik.
Zweitens können auch mit einiger Verve geführte Duelle zwischen Mädchen oder Buben bloss ein spielerisches Abtasten der sozialen Hierarchie bedeuten, das zur Bildung einer Gruppe gehört. Oder ein Klären von Spannungen.
In Notfällen
In beiden Fällen scheint es den meisten Pädagogen und Psychologen sinnvoller, wenn die Konfliktsituation ohne den Eingriff von Erwachsenen über die Bühne geht. Es sei denn, das eigene Kind sehe sich entweder …

… gravierenden Übergriffen auf seine physische, psychische oder sexuelle Integrität gegenüber, die schnell gestoppt werden müssen, oder …
… stets denselben (Macht-)Konstellationen als Opfer ausgesetzt, die sich über längere Zeit ernsthaft auf Wohlbefinden und Entwicklung auswirken.

In beiden Fällen muss bei der Lehrkraft oder Betreuungsperson interveniert werden, meist um im ersten Schritt den Aggressor oder das Opfer aus einer aus dem Ruder gelaufenen Konfliktsituation zu entfernen.
In alltäglichen Situationen
In der Regel arten die Streitereien jedoch nicht zu ernsthaften Übergriffen oder permanenter Benachteiligung aus. Dann sollte möglichst wenig eingegriffen werden. Nicht nur, um den Kindern weitgehend selbständig herausgebildete Sozialkompetenz und -verhalten zu ermöglichen. Sondern auch, weil mit vielen Eingriffen der Erziehungsberechtigten das Risiko steigt, auf Ungerechtigkeiten unter Kindern oft schwerwiegendere der Eltern folgen zu lassen. Und drittens, weil man, um das Kind kurzfristig aus der Schusslinie zu nehmen, seine Opferrolle längerfristig zu zementieren droht. Schliesslich habe es ja stets erwachsenen Beistand nötig…
DIE TIPPSa) Hören Sie dem Kind genau zu, lassen Sie es die Vorgänge (womöglich) mit Vorgeschichte erzählen, fragen Sie am Ende bei Unklarheiten nach – alles wird das Kind jedoch selten beantworten können. Erst dann machen Sie sich ein Bild vom Vorgefallenen.

b) Trösten Sie das Kind ungehemmt, nehmen Sie sein widerfahrenes Leid ernst. Aber bestätigen Sie nicht sogleich, dass es ohnehin allein im Recht war und das Gschpänli im Unrecht. Dadurch könnten sich für das Kind zwei Sichtweisen voneinander entkoppeln: Die Eltern sehen wie ich alle Fehler bei den andern, die Umwelt im Kindergarten oder der Schule hat eine ganz andere Wahrnehmung.

c) Greifen Sie direkt zwischen den Kindern nur ein, wenn Sie eine Situation direkt miterlebt haben. Und auch dann konzentrieren Sie sich auf das Trennen der Streithähne, Konsequenzen für das «fremde» Kind sind tabu.

d) Gehen Sie davon aus, dass die Eltern des andern Kindes bei ernsteren Vorfällen über das Verhalten ihres Kindes orientiert sein sollten und dass das Kind bestimmte Konsequenzen zu tragen hätte, informieren Sie diese kontrolliert und ohne konkrete Forderungen. Machen Sie aber klar, inwiefern das Verhalten ein übliches Konfliktmass überschritten habe.

e) Auch wenn der Konflikt klar im Rahmen der Schule oder des Kindergartens ablief, informieren Sie die Lehrkraft.

f) Drücken Sie im Zweifelsfall ein Auge zu, auch bei einem bei Ihnen zugetragenen, ungebührlichen Verhalten Ihres Kindes. Wenn das Kind allerdings mit physischen oder anderen Angriffen klar den üblichen Rahmen gesprengt hat, soll es auch die Konsequenzen davon (altersgerecht) selbst tragen. Das beginnt oft bei der Entschuldigung und endet bei bestimmten Strafmassnahmen, die einen klaren Zusammenhang mit seinem Tun aufweisen und nie willkürlich erscheinen sollen.
Für die ungestörte Entwicklung
Weshalb soll man als Erwachsene(r) bei kleineren Disputen das eine oder andere gemeine Wort tolerieren, von Zeit zu Zeit auch einmal eine harmlose Schramme oder Ähnliches? Auch weil Streit bis zu einem gewissen Grad zur positiven Entwicklung beiträgt. Vor allem auf zwei Ebenen erweisen sich ausgetragene Spannungen laut dem Kapitel Kinderstreit von Marin R. Textors Online-Handbuch zur Pädagogik im Kindergarten als wertvoll:

1. Selbstkompetenz: Was tue ich gerne, was sind meine Fähigkeiten und Schwächen, wie gehe ich mit Niederlagen oder Erfolgen um, wie betrachte ich etwas von verschiedenen Seiten?

2. Sozialkompetenz: Wie behaupte ich mich in der Gruppe, wie kann ich Bedürfnisse kundtun und stillen, wann setze ich mich (gescheiter) durch oder nehme mich zurück?

Autor: Reto Meisser