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04. Juli 2016

Keine «Kleine Nachtmusik»

gerade nicht reden können
Telefonieren, um mitzuteilen, dass man gerade nicht reden kann?

«Können Sie mich in vier Minuten noch einmal anrufen?», krächzt die Frau im voll besetzten Trolleybus in ihr Handy. Aber ­offenbar ist die Verbindung schlecht. «Nein, ich kann… Hören Sie mich?… In vier Minuten! Dann bin ich im Büro. Ja, weil… Jetzt kann ich grad schlecht telefonieren.»

Und was verkneift man sich zu sagen, als unfreiwilliger Mithörer? «Warum tun Sie es dann?» Wenn sie schlecht telefonieren kann, hätte sie es ja auch grad bleiben lassen können.

Sie: eine mittelalterliche Dame, durchaus gepflegt. Wir sind im 2er Richtung Wülflingen unterwegs. Und es kommt, wie es kommen muss: Dreieinhalb Minuten später gibt ihr Telefönchen erneut Laut; der Klingelton, unüberhörbar: «Eine kleine Nachtmusik». Sie nimmt das Gespräch ent­gegen, offenbar ists derselbe Anrufer wie ­vorhin: «Nein, ­ähm … Ich kann immer noch nicht telefo­nieren. Bin noch nicht im Büro. Aber jetzt bin ich dann grad dort. Rufen Sie doch bitte …»

Bänz Friedli
Bänz Friedli (51) hört mit

Das hätte sie sich, uns und dem Gesprächspartner am anderen Ende ersparen können. Zwei Telefonate, für die Katz. Man beobachtet es öfter: Menschen telefonieren nur, um mitzueilen, dass sie gerade nicht telefonieren können. Sie verschicken Mails wie «Werde mich morgen gleich darum kümmern», sie SMSeln, dass sie gerade keinen Zugriff auf die entsprechenden Dokumente hätten, dies aber gern nachholen würden, sobald sie … Und vergessen es dann.

All die vielen Gerätlein, die tausend Apps und Erleichterungen des modernen Alltags helfen uns, Zeit zu gewinnen. Aber nur, wenn wir sie richtig nutzen. Sonst haben wir am Ende vor lauter Zeitersparnis gar keine Zeit mehr. Und alles bleibt halbfertig, alles aufgeschoben, alles unausgegoren. Auffallend oft sind es ältere Leute, die den Umgang noch nicht erlernt haben. Solche, die halt nicht mit den digitalen Verlockungen aufgewachsen sind. Die Jungen? Drücken einen ungebetenen Anruf einfach weg.

Die ungelenke Dame im 2er hätte ihre Busfahrt besser zur Musse genutzt, statt unnötig zu telefonieren. Sie hätte durchatmen, zum Fenster rausschauen oder, wenn es denn eine Ablenkung sein musste, im Abendblättchen blättern können. Stattdessen – Sie ahnen es! – ertönt die Erkennungsmelodie bald ein drittes Mal, in anschwellender Lautstärke. Und während sie in ihrer Tasche noch nach dem Handy nestelt, wächst sich der verhunzte Mozart von der kleinen zur grossen Nachtmusik aus. Just in dem Moment muss ich aussteigen. Sonst hätte ich ihr gern gezeigt, wie sie wenigstens den Klingelton leiser stellen kann. Weil sie mitten am Nachmittag nervt, ihre Nachtmusik.

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli