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05. Dezember 2011

«Keine Frage: Man muss einfach etwas tun»

Seit 50 Jahren setzt sich Amnesty International weltweit für die Menschenrechte ein. Auch in der Schweiz opfern viele Engagierte ihre Freizeit für eine gerechtere Welt.

Amnesty International
Plakate und Aktionen von Amnesty International prägen weltweit immer wieder den öffentlichen Raum. (Bild: zVg AI)

Als Amnesty International (AI) 1961 gegründet wurde, herrschte Kalter Krieg, es wurde gefoltert, hingerichtet, straflos staatlich gemordet. All das passiert auch heute noch, aber wesentlich weniger häufig und in sehr viel weniger Ländern als damals. Dieser Wandel ist auch das Verdienst von AI.

Die Organisation wurde vom britischen Anwalt Peter Benenson ins Leben gerufen, als er sich mit einem Zeitungsartikel für die Amnestie von zwei Portugiesen einsetzte, die wegen eines Toasts auf die Freiheit zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt worden waren. Benenson forderte Leserinnen und Leser auf, mit persönlichen Schreiben Druck auf den portugiesischen Diktator Salazar zu machen. Die Resonanz war überwältigend, aus der Kampagne wurde eine feste Organisation.

50 Jahre später setzen sich 3,2 Millionen Menschen weltweit im Namen von AI für die Menschenrechte ein – mit Spenden, Briefaktionen und aktiver Mitarbeit. In der Schweiz hat Amnesty 49 000 Mitglieder, davon sind rund 7000 in diversen Gruppen und Netzwerken aktiv. 2010 haben 97 000 Personen AI mit 13 Millionen Franken unterstützt, dazu kamen Legate von rund 1,1 Millionen. «Verglichen mit früher ist es allerdings viel schwieriger, neue Mitglieder und Spenderinnen zu gewinnen», sagt AI-Präsidentin Laura von Mandach. «Der Konkurrenzkampf ist gross. Die Mitgliederzahl steigt zwar kontinuierlich, doch haben wir immer weniger Aktivmitglieder, die sich in Gruppen engagieren.» AI versucht unter anderem, Jugendliche stärker anzusprechen.

Amnesty hat Büros in 80 Ländern, vor allem auf der Nordhalbkugel. «Das wollen wir ändern», sagt von Mandach. «Entsprechend viele finanzielle Mittel setzen wir im Süden für die Aufbauarbeit ein.» Rund ein Drittel der Schweizer Spenden geht in diesen Aufbau. Weitere 30 Prozent fliessen ins Marketing und Fundraising, der Rest kommt konkreten Projekten und der Lobbyarbeit zugute.

Schweizer Sektion landet Erfolg mit Hilfe von Viktor Giacobbo

Aktuell fokussiert Amnesty in der Schweiz auf die Verantwortung von Firmen. Kürzlich gelang ein erster Erfolg: In China werden für Transplantationen oft Organe von exekutierten Gefangenen verwendet; für den medizinischen Eingriff kommen Medikamente von Schweizer Pharmakonzernen zum Einsatz. Novartis hat auf die Kritik von AI und anderen NGOs reagiert: Das Unternehmen will bei neuen Branchenrichtlinien mitwirken, um die Verwendung von Organen aus Todeszellen auszuschliessen.

Am 10. Dezember, dem internationalen Tag der Menschenrechte, startet AI wie üblich eine Briefschreibeaktion – dieses Jahr zugunsten von Jabbar Savalan aus Aserbaidschan. Der 20-jährige Student wurde am 5. Februar verhaftet, weil er nach den Protesten im Nahen Osten und Nordafrika auf Facebook zu Aktionen in der Hauptstadt Baku aufgerufen hatte. Amnesty sieht ihn als klassischen Gewissensgefangenen, also einen Menschen, der von seinem Gewissen getrieben seine Meinung äusserte und deswegen bestraft wurde. AI hofft auf Zehntausende von Briefen aus der Schweiz für seine Freilassung.

Letzten Sommer hat die Schweizer Sektion von AI eine Kampagne für den vom Regime inhaftierten burmesischen Komiker Zarganar durchgeführt, unterstützt vom Kabarettisten Viktor Giacobbo. Mit Erfolg: Zarganar wurde im Oktober freigelassen.

Plakate und Aktionen von Amnesty International prägen weltweit immer wieder den öffentlichen Raum.
Plakate und Aktionen von Amnesty International prägen weltweit immer wieder den öffentlichen Raum.
Alessandro Suter (19), Zivildienstleistender aus Basel.
Alessandro Suter (19), Zivildienstleistender aus Basel.

Alessandro Suter (19), Zivildienstleistender aus Basel, seit vier Jahren im Einsatz.

«Es ist Zufall,wo man geboren wird. Und wer wie ich das Glück hat, hier leben zu dürfen, für den ist es doch fast schon Pflicht, sich für die anderen einzusetzen. Schon als Kind hatte ich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und interessierte mich fürs Weltgeschehen. Mit acht habe ich angefangen, Zeitung zu lesen. In der Schule war ich immer engagiert. Irgendwann sagte meine Lehrerin, ich solle nicht so viel reden, sondern lieber mal etwas machen. Als ich 15 war, kamen zwei junge Frauen von Amnesty zu uns an die Schule, stellten die Organisation vor und sammelten Unterschriften für eine Kampagne. Sie sagten damals, dass man alleine nicht viel erreichen könne, gemeinsam aber schon. Danach habe ich mich angemeldet. Die Jugendgruppe in Basel war damals eingeschlafen. Meine erste Aktion war, eine neue zu gründen. Im Moment sind wir zwölf Leute zwischen 16 und 22. Klar, ein Teil der Jugend hat eher resigniert, aber viele lassen sich motivieren – und gar nicht nur solche, die ans Gymnasium gehen. Wir sind eine sehr gemischte Gruppe. Wer mitmachen will, sollte engagiert sein, Zeit haben und nicht zu schüchtern sein – wir machen oft Aktionen auf der Strasse, sprechen Leute an, das braucht schon ein bisschen Mut. Aber es führt auch oft zu sehr direkten Erfolgserlebnissen. In unserer allerersten Aktion vor fünf Jahren haben wir mitten in Basel auf dem Barfüsserplatz gegen Guantánamo protestiert. Ein Teil von uns mischte sich in oranger Gefangenenkleidung unter die Leute, dann kamen andere, als Polizisten verkleidet, drückten uns auf den Boden, stülpten uns Säcke über den Kopf und zwangen uns, in einen Kreis zu sitzen. Das hat ziemlich heftige Reaktionen ausgelöst, auch die Polizei kam und wollte wissen, was los sei. Es war provokativ, gab aber gutes Feedback.

Ich glaube an das Gute im Menschen

Unsere Themen sind vielfältig: In letzter Zeit haben wir uns mit der Umweltverschmutzung im Nigerdelta beschäftigt, mit der Zwangsräumung von Slums und der Roma-Verfolgung in Osteuropa. Dauerbrenner sind die Todesstrafe, Frauenrechte und die Benachteiligung von Minderheiten. Amnesty engagiert sich auch in der Schweiz, etwa für Asylbewerber, und kämpfte gegen die Minarett- und die Ausschaffungsinitiativen. Wir bringen auch regelmässig Kleider, die wir selber sammeln, ins Asylheim. Es herrscht dort immer Kleidernot. Ich glaube an das Gute im Menschen. Für mich ist die Welt ein weisses Tuch mit schwarzen Flecken, und nicht umgekehrt. Klar kostet mich der Einsatz eine Menge Zeit, aber ein paar Hobbys habe ich trotzdem noch. Ich spiele Gitarre, mache Jamsessions mit Freunden, gehe ins Kino, schneide alte Filme mit modernem Sound zusammen und stelle das auf Youtube. Dank Amnesty lerne ich auch immer wieder neue, tolle Leute kennen. Ich finde es schade, dass sich nicht mehr Leute engagieren. Jüngere lassen sich noch eher motivieren, sie haben noch nicht so resigniert wie die Älteren und haben bei gewissen Themen eher noch eine Wut im Bauch. »

Marta Fotsch (69), frühere Klavierlehrerin aus Hallau SH, seit 41 Jahren im Einsatz.
Marta Fotsch (69), frühere Klavierlehrerin aus Hallau SH, seit 41 Jahren im Einsatz.

Marta Fotsch (69), frühere Klavierlehrerin aus Hallau SH,  seit 41 Jahren im Einsatz.

«Ich trat Amnesty zwei Monate nach der Gründung der Schweizer Sektion bei, im Dezember 1970. Damals hatte ich gerade die Handelsschule fertig gemacht und fragte mich: was nun? Zurück ans Konsi und Pianistin werden – lag das drin mit drei Kindern? Ich war auf der Suche, und genau in der Zeit hörte ich einen Beitrag im Radio über Amnesty, ich war sofort interessiert. Die Arbeit für AI wurde dann mein Beruf. Es ist ein Hundertprozentjob, und natürlich konnte ich mir dieses ehrenamtliche Engagement nur leisten, weil mein Mann es mitgetragen hat. Als die Kinder in Ausbildung waren, wurde es finanziell manchmal ein bisschen eng, aber mein Mann hat sich stark um die Familie gekümmert.

Am Anfang war es Knochen- und Aufbauarbeit, fokussiert auf die Betreuung von Häftlingen. Andere Themen kamen erst viel später hinzu. Nach etwa einem Jahr stieg ich zur Gruppenleiterin auf, war später auch zehn Jahre Vizepräsidentin von Amnesty Schweiz. Als meine Kinder älter wurden, konnte ich mir längere und grössere Reisen erlauben, ausserdem wollte ich näher an die Praxis: Seit 1988 bin ich in Kolumbien, das stark von Korruption und Gewalt belastet ist, engagiert. Immer wieder werden Menschen von ihrem Land vertrieben und mit dem Tod bedroht, wenn sie sich weigern zu gehen. Vier bis fünf Millionen Menschen sind von den Vertreibungen betroffen, darunter viele Bauern.

Ein Uniformierter sagte mir mal, ich müsse verschwinden

AI versucht, die Zivilbevölkerung zu schützen, ihr zu helfen, ihre Rechte wahrzunehmen. Wir helfen Menschen, sich in einem anderen Teil des Landes anzusiedeln, wenn sie bedroht werden. Ich leite und koordiniere die Gruppe, die dafür zuständig ist. Dabei arbeiten wir eng mit der katholischen Kirche zusammen. Es hat viele engagierte Priester in Kolumbien, allein in diesem Jahr sind darum schon sechs ermordet worden.

Was kann man Grösseres tun, als jemandem zu helfen, am Leben zu bleiben? Es gibt immer wieder Momente der Frustration. Aber ich sage mir dann: Die wollen nur, dass wir aufgeben – den Gefallen tue ich ihnen nicht! Ich reise zwei Mal pro Jahr nach Kolumbien und bleibe in der Regel rund einen Monat. Wir informieren vorher immer Regierung und Behörden, das läuft alles hochoffiziell. Trotzdem gibt es heikle Situationen, Telefone werden angezapft, Mails gelesen. Es ist schon passiert, dass ein Uniformierter mir sagte, ich müsse sofort verschwinden. Dann bin ich halt gegangen. Direkt bedroht wurde ich nie.

Seit unseren Anfängen hat sich viel verändert. Vor 1991 setzten wir uns vor allem für die Opfer staatlicher Gewalt ein, seither auch für jene nichtstaatlicher Organisationen. Heute sind mir die Strukturen manchmal zu eng. Ab und zu stören mich ‹Amnesty light›-Aktionen, die auf den schnellen PR-Effekt aus sind. Früher mussten wir hingegen alle Spesen selber zahlen, auch die astronomisch hohen Telefonrechnungen für Auslandsgespräche. Manchmal nervt mich die Gleichgültigkeit der Leute schon. Ich gönne ihnen die Freizeit- und Spassgesellschaft, aber es gibt Grenzen. Viele hier glauben, die Menschenrechte, die haben wir ja jetzt, für immer. Aber das ist alles andere als sicher. Ich erinnere an die Aushöhlung der Menschenrechte unter der Bush-Regierung im ‹Krieg gegen den Terror›. Es braucht Überzeugung, um bei Amnesty mitzuarbeiten. Man muss bereit sein, langfristig zu denken, man braucht Zähigkeit und Ausdauer, auch eine gewisse Belastbarkeit. Und man muss die Menschen gerne haben.»

Laura von Mandach (46), Soziologin aus Bern.
Laura von Mandach (46), Soziologin aus Bern.

Laura von Mandach (46), Soziologin aus Bern, verheiratet,  2 Kinder, seit 14 Jahren im Einsatz, seit April 2010 Präsidentin.

«Richtig gepackt hat es mich, als ich in Brasilien war und dort als AI-Beobachterin bei Gerichtsverhandlungen zu schweren Menschenrechtsverletzungen beiwohnen durfte. Es ging unter anderem um ermordete Strassenkinder und Militärpolizisten, die Slumbewohner erschossen hatten. Die konkrete Begegnung mit ihnen ging unter die Haut. Ich wurde in Brasilien als Tochter Schweizer Eltern geboren, bin in beiden Ländern aufgewachsen und habe Amnesty später von der Schweiz aus jahrelang als Länderexpertin für Brasilien unterstützt. Im April 2010 hat mich die Generalversammlung zur Präsidentin des achtköpfigen Vorstands gewählt. Es ist nicht gerade so, dass die Leute sich um den Job reissen: Die Arbeit ist enorm aufwändig, man trifft sich oft und muss viel lesen. Man wird für zwei Jahre gewählt, und ich werde wahrscheinlich noch eine zweite Amtszeit anhängen, auch wenn mich die vielen organisatorischen Aufgaben viel Zeit kosten. Vor allem meine Familie bekommt zu spüren, wenn ich regelmässig ganze Samstage weg bin. Sechs von acht Vorstandsmitgliedern haben keine Kinder. Das Präsidium ist ein Ehrenamt. Hauptberuflich arbeite ich am Schweizerischen Ausbildungszentrum für das Strafvollzugspersonal. Es gibt schon Momente, in denen ich mich frage, warum ich mir das antue, vor allem, weil ich mich fast nur mit organisatorischen Dingen beschäftige. Im Vorstand hat es viele, die würden gerne mal wieder für eine Aktion auf die Strasse, aber für so was fehlt einfach die Zeit. Auch sonst gibts Frustrationspotenzial: Es gibt leider nur wenig Fortschritte im Kampf gegen die vielen ungesühnten Verbrechen. Beim Umgang mit Migrantinnen und Migranten sehen wir sogar eher Rückschritte, und es ist schwer vorstellbar, wie es zu einem Paradigmenwechsel kommen könnte.

Wer einmal bei Amnesty ist, der bleibt dabei

Dennoch: Wenn man den Menschen begegnet, die betroffen sind von solchen Ungerechtigkeiten, dann ist es gar keine Frage: Man muss einfach etwas tun. Oder es wenigstens versuchen. Da war zum Beispiel an einer Konferenz eine junge Uganderin, die gezwungen ist, wegen ihrer Homosexualität ständig die Wohnung zu wechseln, weil sie aufgrund der Gesetze ihres Landes denunziert worden ist. Auf Homosexualität steht in Uganda Gefängnis, und man ist verpflichtet, Homosexuelle anzuzeigen, mittlerweile wird gar über die Einführung der Todesstrafe debattiert. Sich in einer solchen Situation zu engagieren, braucht grossen Mut, und diese Frau zu erleben, hat mich enorm beeindruckt. Ich ärgere mich nicht über Leute, die sich nicht engagieren, aber ich wundere mich über die zunehmende Fremdenfeindlichkeit in einem Land, das von der Zuwanderung immer und enorm profitiert hat. Das will mir einfach nicht in den Kopf. Ich denke, mein Aufwachsen in zwei Welten hat mich für dieses Thema besonders sensibilisiert. Die Kontraste, die ich dabei selbst erlebt habe, dürften auch den Grundstein gelegt haben für mein Engagement bei AI. Und wer einmal bei Amnesty ist, der bleibt auch dabei – in irgendeiner Form. »

Tobias Mäder (20), Student aus St. Gallen, seit vier Jahren im Einsatz.
Tobias Mäder (20), Student aus St. Gallen, seit vier Jahren im Einsatz.

Tobias Mäder (20), Student aus  St. Gallen, seit vier Jahren im Einsatz.

«Eigentlich bin ich eher zufällig reingerutscht. Ich lernte an einer Ausstellung ein paar Leute kennen, die bei Amnesty aktiv waren, bin dann bei einigen Aktionen mitgegangen und irgendwann war ich fest dabei. Seit bald zwei Jahren bin ich Ko-Leiter von Queeramnesty, einer Untergruppe, die sich für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen einsetzt. Wir sind etwa 30 Personen, die aktiv engagiert sind, also zum Beispiel Briefaktionen organisieren, Asylbewerber unterstützen oder in Ländern an Pridedemonstrationen teilnehmen, in denen die Gefahr von Ausschreitungen und gewalttätigen Gegendemonstrationen besteht. Oft finden solche Demos nur dank unserer Teilnahme und dem dadurch entstehenden Druck ausländischer Botschaften ohne Ausschreitungen statt. Zum Beispiel letzten Sommer bei der Pridedemo in Litauen: Obwohl die Gegendemonstration etwa dreimal grösser war, kam es zu keinen grösseren Übergriffen. Osteuropa tut sich ziemlich schwer mit Gay Rights.

Klar kostet es Freizeit, aber man lernt viele neue Leute kennen

Anfänglich habe ich mich für dieses Thema interessiert, weil ich selbst schwul bin, inzwischen stehe ich so sehr hinter Amnesty, dass ich mich auch in anderen Bereichen engagieren könnte. Aber es gibt immerhin sieben Länder, in denen die Todesstrafe auf sexuelle Handlungen unter Männern steht, und in 70 weiteren drohen Gefängnisstrafen. Amnesty trägt dazu bei, dass diese Strafen in einigen dieser Länder in der Praxis ausgesetzt sind oder nicht mehr angewendet werden. In Uganda konnten wir mit einer grossangelegten Briefaktion und Hilfe anderer Organiationen so viel Druck aufbauen, dass eine geplante gesetzliche Verschärfung, welche die Todesstrafe vorgesehen hätte, vorerst nicht weiterverfolgt wird. Im Schnitt ist es ein Zehn- bis Zwanzigprozentjob. Klar kostet es Freizeit, aber man lernt auch viele neue Leute kennen – das Sozialleben leidet nicht.»

Fotograf: Paolo Dutto