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31. Oktober 2011

«Ich hatte kein Heimweh nach Polen»

Sie bauten Strassen und Brücken, rodeten Wälder und machten Brachland urbar – die Tausenden von internierten Polen. Sie waren während des Zweiten Weltkriegs vor den Nazis in die Schweiz geflüchtet. Wie Mietek Przewrocki blieben viele nach dem Krieg hier. Einer der letzten Überlebenden erzählt.

Mietek Przewrocki
Mietek Przewrocki hat 18 Jahre in Polen und 72 Jahre in der Schweiz gelebt. Logisch, fühlt er sich als Schweizer.

In der Nacht vom 19. auf den 20. Juni 1940 überquerten rund 50 000 Soldaten und Zivilflüchtlinge im Neuenburger Jura die Schweizer Grenze, um sich der deutschen Kriegsgefangenschaft zu entziehen. Darunter befand sich mit über 12 000 Mann die gesamte 2. polnische Schützendivision. Unter ihnen Mietek Przewrocki, der heute 90-jährig in Gelterkinden BL lebt. «Ich hatte mich am 30. August 1939 von meiner Schwester Zofia mit den Worten ‹Nach zwei Wochen komme ich wieder zurück› verabschiedet. Es gab für mich jedoch kein Zurück. Ich blieb für immer im Ausland.»

Der damals 17-Jährige erlebte in der Nähe der ungarischen Grenze die ersten Bombardements der Deutschen. Mietek Przewrocki wurde an der ungarisch-österreichischen Grenze interniert, wo sein Leben als Flüchtling begann. Als ihm Anfang April 1940 sein Kompanie-Offizier den Vorschlag machte, nach Frankreich in die polnische Exilarmee zu fliehen, zögerte der 18-jährige Mietek keine Sekunde. Er floh mit anderen jungen Männern Richtung Jugoslawien. In Split schifften sie sich ein, und bei Nacht und Nebel nahm der Passagierdampfer «Patris » Kurs auf Frankreich. Nach vier Tagen, gezeichnet von der Seekrankheit, gingen sie in Marseille von Bord. «Wir wurden registriert und in französische Uniformen eingekleidet. Viel Schokolade, Tabak, Zigaretten und Wein — das waren meine ersten Eindrücke von Frankreich.»

Jadwiga (Foto zVg).
Jadwiga war Mietek Przewrockis erste Liebe in Polen. Sie war 15, er 16 Jahre alt. Jadwiga heiratete schliesslich einen anderen (Foto zVg).

Der junge Pole gehörte nun der 2. polnischen Schützendivision an.«Es kamen uns schon bald erste Zweifel an unserem Freund und Partner Frankreich. Am 14. Juni kapitulierte Paris, ohne dass ein Schuss gefallen wäre. Drei Tage später erklärte Marschall Pétain das Ende des Krieges mit Deutschland.» Die Polen, die gegen Deutschland kämpfen wollten, befanden sich nun praktisch in Feindesland. Da die polnischen Einheiten nicht in Kriegsgefangenschaft geraten wollten, leisteten sie den Deutschen Widerstand. Doch vergeblich. Sie mussten den Rückzug antreten und übergaben in Brémoncourt JU den Schweizern die Waffen.«In geordneten Reihen marschierten wir gegen Porrentruy. Für uns war das Kämpfen zu Ende.»

Ein Schuhmacher war die erste Station in der Schweiz

Nun war der junge Mietek in der Schweiz. Er war fasziniert von der neuen Welt, die sich ihm hier eröffnete. «Nein, ich hatte kein Heimweh», sagt Mietek Przewrocki in seinem Garten in Gelterkinden BL. In Polen liess er sechs Geschwister zurück, die ihm Ersatzeltern gewesen waren. Als er sechs Jahre alt war, starben seine Mutter und sein Vater innerhalb von drei Monaten.

Mietek Przewrocki (Foto zVg).
Mietek lernte den Sport in der Schweiz (Foto zVg).

Von Porrentruy ging es mit der Eisenbahn und zu Fuss nach Bettenhausen BE. Die polnischen Internierten wurden auf verschiedene Privatquartiere verteilt. Mietek kam zu einem Schuhmacher. «Die Dorfbevölkerung war sehr freundlich. Die Frauen im Dorf haben sich sofort unserer Wäsche angenommen.» Polnische Männer und Schweizer Frauen, das war damals ein besonderes Thema. Während die Schweizer Soldaten an der Grenze standen, bevölkerten charmante Polen das Land. Wen wunderts, dass Kontakte nicht gern gesehen waren. Es bestand sogar ein Heiratsverbot mit Schweizerinnen. Doch Liebe hält sich nicht unbedingt an Vorschriften. Bis Oktober 1945 heirateten 316 Schweizerinnen einen polnischen Internierten.

Mietek Przewrocki sagt: «Die Zeit der Internierung war für mich nicht einfach. Doch gute Menschen in meiner Umgebung gaben mir Halt.» Mietek hatte ein Jahr vor der Matur Polen verlassen. Er hatte die Möglichkeit, das polnische Gymnasium in Oberburg BE und ab Frühling 1941 in Wetzikon ZH zu besuchen. «Die polnischen Militärstellen waren besorgt um die soldatische Disziplin der Schüler. So befahlen sie, dass wir eine halbe Stunde vor dem Unterrichtsbeginn Gymnastik treiben sollten. Als die Schüler in den Hungerstreik traten, weil sie in der kalten Turnhalle nicht turnen wollten, kam der polnische General Prugar-Kettling vorbei und veranlasste, dass die Aufwiegler für einige Wochen in ein Straflager versetzt wurden. Anderseits gab es von da an am Morgen keine Gymnastik mehr.»

Mietek Przewrocki (Foto zVg).
Strassen um Wetzikon waren mit Tafeln versehen mit der Aufschrift: Internierter halt/Internowany stój. So sollte verhindert werden, dass sie sich frei im Land bewegen konnten (Foto zVg).

Die polnischen Gymnasiasten im Zürcher Oberland lebten in einer leer stehenden Textilfabrik. «Bis zehn Uhr abends hatten wir freien Ausgang. Über die Einhaltung der Sperrstunde wachte die Heerespolizei. Gerne erinnert sich Mietek Przewrocki an das erste Weihnachtsfest in der Fremde.«Schweizer Frauen haben es organisiert. Jeder Soldat bekam ein kleines Päckchen mit Schokolade und Zigaretten sowie das Buch ‹Eines Volkes Sein und Schaffen› der Migros.»

Einsätze in Arbeitslagern während der Semesterferien

Nach der Matur übersiedelte Mietek ins Hochschullager Winterthur. Er studierte bis 1946 an der ETH Zürich Maschineningenieur. «Am Anfang durften wir Internierte nicht nach Zürich an die ETH fahren, die Dozenten kamen zu uns nach Winterthur. Wir wohnten inzwischen bei Privatfamilien, mehrheitlich bei Arbeiterfamilen oder Witwen, die auf die 30 Franken Miete pro Monat angewiesen waren.» Während der Semesterferien leisteten die Studenten Einsätze in Arbeitslagern in der ganzen Schweiz, gemeinsam mit anderen Internierten.

Der junge Student kam im Sommer 1942 zuhinterst ins Bündner Safiental. Die Aufgabe für die jungen Männer bestand im Bau einer Zubringerstrasse zu einer militärischen Seilbahn, die zu einer Festung im Gebiet der Grossalp führte. «Jeweils einen halben Kubik Flusssteine aus der Rabiusa mussten wir mit dem Maultierkarren anliefern. 200 Meter Höhendifferenz waren zu bewältigen, und ich musste das Tier ständig daran erinnern, dass die anderen da oben auf die Steine warteten. Dies war nicht ganz einfach, weil der Esel auf meine Aufmunterungsworte nicht reagierte. Schlagen wollte ich ihn nicht, er tat mir leid. So nahm ich einen kleinen Ast, spitzte ihn zu und mit leichten Stichen auf seinen Hintern brachte ich ihm bei, worum es ging. Dabei war ich selber froh, dass der Esel von Zeit zu Zeit eine Ruhepause einschaltete, so konnte ich ebenfalls ausruhen.»

Mietek Przewrocki (Foto zVg).
Mietek mit einem bockigen Maultier im Safiental. Er war am Bau der Zubringerstrasse auf die Grossalp beteiligt (Foto zVg).

Während den Internierten als Studenten lediglich 1500 Kalorien täglich zustanden, erhielten sie während der Arbeitseinsätze 2500 Kalorien. Pro Tag erhielten die internierten Studenten 50 Rappen Sold, die Arbeiter zwei Franken.

Mietek Przewrocki konzentrierte sich auf sein Studium. «Frauen wollte ich keine kennenlernen, da dies zu einer Heirat hätte führen können, was ja verboten war.» Seine Jugendliebe in Polen überdauerte den Krieg übrigens nicht. 1944 hat sie einen anderen geheiratet — ihr Vater hatte Mieteks Briefe abgefangen, um die Beziehung zu hintertreiben.

1947 hat der Pole die Zugerin Friedel Häusler kennengelernt und sie 1949 geheiratet. Vor drei Jahren verstarb sie. Tochter Jolanda trug zwar einen polnischen Familiennamen, doch Polnisch sprechen lernte sie nicht. «Das ist halt so, da die Väter immer an der Arbeit sind. Es heisst nicht vergeblich ‹Muttersprache› », sagt sie.

Der Vater hat Jolanda viel über sein Leben erzählt. 37 Jahre arbeitete er in Basel als Maschineningenieur bei der Lonza. Für seine sieben Enkel hat er alles aufgeschrieben. Als was fühlt er sich nun, als Schweizer oder als Pole? «Ich habe fast 18 Jahre in Polen gelebt und 72 Jahre in der Schweiz. Das entspricht etwa meinen Gefühlen: 20 Prozent Pole, 80 Prozent Schweizer.»

Autor: Dagmar Steinemann

Fotograf: Tanja Demarmels