Archiv
30. November 2015

Kein Ernährer

Entlassung: warum sie?
Jemand muss bei Reorganisationen seine Sachen zusammenpacken – aber warum sie? (Bild Imagesource/Keystone)

«Ursi, hast du einen Moment Zeit?»
«Ja, klar, Chef, du willst sicher wissen, wie das Projektmeeting gestern lief.»
«Ja, das auch.»
«Es lief prima, der Kunde ist sehr mit unserer Arbeit zufrieden.»
«Äh, ja, gut ...»
«Aber?»
«Wir müssen noch über etwas anderes reden. Du weisst, dass wir diesen einen Grosskunden verloren haben?»
Ursi nickt.
«Da uns jetzt ein Teil der Finanzierung weggebrochen ist, wird es im Unternehmen Veränderungen geben.»
«Verstehe. Was genau wird sich ändern?»
«Nun, wir müssen das Arbeitsverhältnis mit dir leider beenden.»
«Ich verstehe nicht ...»
«Wir müssen dich entlassen.»
«Bitte? Das ist jetzt nicht dein Ernst. Ich bin seit neun Jahren dabei, meine Zahlen sind exzellent ...»
«Ja, das stimmt natürlich. Aber wir dachten uns, dass eine Kündigung in deinem Fall nicht so schlimm ist.»
«Wie meinst du das?»
«Na ja, als Mutter von drei kleinen Kindern ...»
«War ich jemals zu spät? War ich jemals unzuverlässig?»
«Nein, natürlich nicht. Ich hatte auch immer Verständnis dafür, dass so jemand wie du das Büro abends pünktlich verlassen muss, da die Kita schliesst.»
«Warum ich?»
«Ich hätte nicht gedacht, dass dich das so aus der Fassung bringt. Du bist doch sonst so nüchtern. Atme doch mal tief durch!»
«Ich verstehe es immer noch nicht. Warum ich?»
«Ich muss auch an die anderen Mitarbeiter denken. Du hast doch deinen Mann.»
«Was hat denn der damit zu tun?»
«Er ist doch Banker ... und die Boni ...»
«Findest du, dass meine Arbeit weniger wertvoll ist?»
«So würde ich das nicht sagen. Aber er ist der Ernährer. Nimm es nicht persönlich. Es hat doch auch was Gutes: Du hast mehr Zeit für die Familie. Wie alt ist dein Kleinster? Zwei?»
«Ich weiss gar nicht mehr, was ich sagen soll. Ich liebe meinen Job ...»
«Mach dir keine Sorgen. So jemand wie du, der findet doch schnell wieder was.»*

*Nach einer wahren Begebenheit.

Autor: Bettina Leinenbach