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24. September 2012

Kein Durchblick in der Schule

Immer mehr Kinder sind kurzsichtig, auch andere Sehschwächen sind verbreitet. Wegen fehlender Diagnose werden öfters Schulprobleme vermutet, obschon das Kind Schrift oder Zahlen gar nicht sieht. Hier die häufig übersehenen Anzeichen.

Bei schlechten Noten in den Kernfächern ist nicht immer mangelndes Engagement, Ablenkung oder Überforderung verantwortlich. Gelegentlich versteckt sich hinter einer schlechten Zensur in einem wichtigen Fach wie Mathematik, Deutsch, einer Zweitsprache oder etwa Geschichte in Wahrheit etwas anderes: Kurzsichtigkeit, die häufigste Sehschwäche bei Heranwachsenden, oder eine andere Sehschwäche oder –krankheit.
Deshalb sieht das Kind zum Beispiel kaum, was der Lehrer oder ein Gspänli an die Tafel schreibt oder an die Wand projiziert. Mit der Zeit ermüdet es, mag sich nicht mehr so anstrengen und wird zunehmend frustrierter. Oft wagt es das Problem auch nicht zu gestehen – wenn es überhaupt selbst gleich auf die Augen gekommen wäre.
Am Ende hat es für ganze Schulstunden ‚abgehängt‘ und erhält bei Prüfungen wegen verpasstem Stoff, nicht verstandenen Fragestellungen usw. entsprechend schlechte Noten.
Kurzsichtigkeit ist bei weitem nicht die einzige bei Schulkindern auftauchende Sehschwäche, aber mit Abstand die häufigste. Auch verschiedene Hornhautverkrümmungen treten oft auf, seltener liegen Krankheiten aufgrund organischer Veränderungen vor, zum Beispiel der Graue Star oder ein Glaukom (’Grüner Star‘). Experten gehen auch für die Schweiz davon aus, dass insgesamt rund 20% der Kinder davon betroffen sein könnten. Als hinderlich beim Erkennen und Behandeln der Probleme erweist sich die im Vergleich zu Erwachsenen bei Heranwachsenden grössere Fähigkeit, durch Krümmung der Linse (‚Akkomodation‘) Fehlsichtigkeiten intuitiv nahezu auszugleichen. Das Resultat: In Deutschland sollen weniger als die Hälfte der Kindergärtler mit zu korrigierender Sehschwäche eine Brille tragen.
Anzeichen (fast) von Geburt an
Erkennen kann man ernst zu nehmende Sehschwächen bereits bei Babys oder dann Kleinkindern etwa daran:

- Sofort zu reagieren gilt es in jeglichem Alter bei festgestelltem Schielen oder auch Augenzittern
- Ebenso natürlich bei von blossem (Eltern-)Auge feststellbaren Veränderungen der Augenpartie des Kindes - häufig: getrübte Hornhaut oder weissliche Pupillen
- Übermässiges Zwinkern, Blinzeln oder Augenreiben, das nicht auf generelle Müdigkeit zurückzuführen ist
- Häufiges Zukneifen eines oder von beiden Augen oder anderer klarer Anzeichen hoher Lichtempfindlichkeit
- Aussergewöhnlich lange Anpassung bei Hell-Dunkel oder Dunkel-Hell-Wechseln in der Umgebung oder gar ausbleibende Reaktion auf Licht
- Flucht oder konstantes Abwenden von einer (nicht blendenden!) Lichtquelle oder stark beleuchtetem Raum
- Sehr dichtes Herangehen an Objekte, oft gepaart mit schiefer Kopfhaltung, gar Vorbeigreifen
- Allgemein Ängstlichkeit oder ungeschickte Bewegungen im Umgang mit neuen Umgebungen oder Spielgeräten
- Klagen über doppeltes Sehen
- Schiel-Stellung respektive Blickrichtungen der Augen (Augäpfel)
- Grosse, unbewegliche oder gelb aufleuchtende Pupillen bei starkem oder wechselndem Lichteinfall
- Verdrehen der Augen, ohne etwas Bestimmtes in der Bewegung zu verfolgen

Anzeichen ab 6 Jahren
Bei Kindern ab dem Kindergarten oder der 1. Klasse stehen zusätzlich folgende Anzeichen im Vordergrund:

- Häufige Kopfschmerzen in oder nach der Schule
- Schneller Konzentrationsschwund bei der Arbeit mit Lesestoff oder Infos von Projektion und Wandtafel
- Lese- oder auch speziell Rechtschreibschwächen
- Widerwille, Dinge zu zeichnen, auszumalen oder auszuschneiden
- Mehrmalige Ungeschicklichkeiten im Sport oder Basteln, die auf Falscheinschätzungen von Distanzen, Ausmassen usw. von Gegenständen zurückgehen
- Wiederholtes Stolpern oder Anstossen an Türen, Möbelstücken und anderem
- Starke Sehschwierigkeiten bei Dunkelheit (auch nach Adaptation)


Treten solche Anzeichen gehäuft auf, ist die Konsultation des Hausarztes oder dann des Spezialisten ratsam. In Sachen Diagnose auf die Schule verlassen sollte man sich nicht, denn Sehtests absolviert ein Kind ja nur vereinzelt während seiner Schulkarriere und die Lehrkraft kann nur mit Glück mal wahrnehmungs-spezifische Probleme bei Schützlingen feststellen.
Ärztliche Tests
Augen- und Kinderärzte legen unabhängig von festgestellten Sehschwächen oder –problemen eine erste Untersuchung respektive einen Sehtest bei Frühgeborenen oder Kindern aus Familien mit stark Fehlsichtigen vor dem Ablauf des ersten Jahres nahe. Ansonsten eine zwischen dem ersten und zweiten Geburtstag für die frühzeitige Erkennung von Schielen (was mit der Zeit zu Sehschwäche führt) oder von optischen Brechungsfehlern (wie primär Kurzsichtigkeit). Von da an sollte bis zum Schulalter (7 Jahre) im Rahmen der üblichen hausärztlicher Besuche alle ein- bis eineinhalb Jahre eine Konsultation stattfinden.
Seriöse Tests können Eltern kaum selbst durchführen, sensibles Reagieren auf die oben genannten Verhaltensweisen oder Merkmale reicht vollauf. Mit dem Kindergartenalter können aber Spiele wie 'Ich sehe was, was Du nicht siehst' mit weit entfernten Objekten (Anzahl vorbeiziehender Vögel, Sujets weit entfernter Plakate etc.) durchaus Hinweise auf Kurzsichtigkeit liefern. Die seltenere Weitsichtigkeit verraten zum Beispiel Probleme beim Erkennen sehr naher Dinge (z.B. in Wimmelbilderbüchern).

Autor: Reto Meisser