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18. August 2014

Kauen für Afrika

Aufessen, Teller Leer, Afrika, Kinder sterben
Immer schön aufessen, sonst ... (Bild: Getty Images)

Während ich diesen Text schreibe, stosse ich mit meiner Bauchspeckrolle an die Schreibtischkante. Schuld daran sind nur die Kinder in Afrika. Ehrlich jetzt. Ich hole gern ein wenig aus, damit der Zusammenhang klar wird: Als ich noch klein war, hielt man Kinder regelmässig dazu an, ihr Tellerchen leer zu essen. Denn: Ordentliche Leute verschwenden kein Essen, während in Botswana die Babys verhungern. Oder war es andersherum? Wenn ich Resten hinterliess, starben afrikanische Dreikäsehochs? So ganz verstand ich es nicht. Beim Abendessen zwei Pommes frites liegen gelassen – puffpuff – zwei Miniafrikaner weg. Deswegen beschloss ich von da an, Kinderleben zu retten.

Seitdem sorge ich für leere Teller. Nicht nur direkt vor meiner Nase, sondern auch in meinem Umfeld. Mein Mann duldet leider keine fremde Gabel im Luftraum über seinem Gedeck. Muss er sich halt selbst um kleine Nigerianer kümmern. Aber meine Kinder, die profitieren sehr von meinem Mitesserprogramm. Das scheint by the way arttypisch für uns Mütter zu sein. Gehen Sie mal in ein Migros-Restaurant und beobachten Sie, wie viele halb gegessene Lillibiggs-Menüs in den Mägen von Erziehungsberechtigten landen.

Als Idas Breili-Phase begann, fiel meine Kauen-für-Afrika-Masche noch nicht so ins Gewicht. Schnell noch ein Gläsli ausgekratzt, drei Löffel Pfirsisch-Aprikose, macht 27 Kilokalorien und zwei Zweijährige in Kenia. Jippie! Doch dann wurden die Portionen grösser. Ein halber Teller Ida-Lasagne nach meinem ganzen Teller Mami-Lasagne macht zusammen schätzungsweise 28 oder 29 Kilokalorien. Immerhin: Das entspricht ungefähr 13 quietschfidelen ägyptischen Babys.

Ich rette nicht nur zu Tisch, ich vollbringe auch unterwegs gute Taten. Ich übernehme Cornetstummel, Gipfelenden, unzureichend abgenagte Äpfel und noch vieles mehr. Ausserdem teste ich andauernd Produkte, die meine Töchter unbedingt haben mussten (zum Beispiel Käse in Hello-Kitty-Form), dann aber doch nicht mehr haben wollten. (Ach, kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass Sie nie etwas in das Einkaufswägelchen legen, weil die lieben Kleinen es bei Super RTL in der Werbung gesehen haben.)

Langer Rede kurzer Sinn: Was für ein Schwachsinn, ein Kind dazu anzuhalten, seinen Teller leer zu essen. Vermutlich geschieht das heute nicht mehr so oft. Dafür haben wir heute andere Drohkulissen: «Iss zuerst die gesunden Apfelschnitze! Und wenn du damit fertig bist (falls du je damit fertig wirst, denn gesunde Dinge schmecken ganz grässlich, deswegen kommen sie auch am Anfang), dann darfst du als Belohnung diesen superfeinen, aber leider total ungesunden Keks haben!» Die Apfelschnitze sind gewissermassen die afrikanischen Hungeropfer unserer Zeit. Warum können Eltern nicht neutraler mit dem Thema Nahrungsaufnahme umgehen? Warum teilen wir die Lebensmittel in gut und böse ein, obwohl schon längst klar ist, dass die Dosis das Gift macht? Ich versuche, es besser zu machen. Ida und Eva müssen keine wildfremden Afrikaner retten. Ich bin leider zu alt, um diese Angewohnheit wieder abzulegen. Und glauben Sie mir, ich habe es schon etliche Male versucht.

Autor: Bettina Leinenbach